Der Softwarekonzern SAP hat eine dedizierte Quantum-Einheit aufgebaut und will bereit sein, sobald die Technologie den Sprung aus dem Labor schafft.
SAP treibt seine Vorbereitungen für den kommerziellen Einsatz von Quantencomputern voran. Wie das Handelsblatt berichtet, hat der Walldorfer Softwareriese ein Team mit zweistelliger Mitarbeiterzahl zusammengestellt, das konkrete Anwendungsszenarien entwickeln, Standards definieren und Experimente vorbereiten soll. Die operative Leitung liegt seit Herbst bei Carsten Polenz, der eigens den Titel Chief Quantum Officer erhalten hat.
„Wir haben die Strukturen rund um Quanten-Computing professionalisiert”, wird SAP-Technikchef Philipp Herzig im Handelsblatt zitiert. Der Informatiker hat sich nach eigenen Angaben selbst mit der Materie befasst und Quantenalgorithmen in einem Simulator programmiert, mit ernüchterndem Lerneffekt: „Vieles, was man im Informatikunterricht gelernt hat, muss man erst einmal vergessen.”
Optimierung von Logistik und Produktion als Hauptziel
Konkret erhofft sich SAP vor allem Fortschritte bei sogenannten Optimierungsproblemen: also Aufgaben, bei denen aus einer Vielzahl möglicher Lösungen die beste herausgefiltert werden muss. Klassische Beispiele sind die optimale Beladung eines Lkw, Routenplanung oder die Zuweisung von Fertigungsaufträgen an Maschinen. „Das sind betriebswirtschaftlich hochrelevante Themen”, sagt Herzig. „Mit Quantencomputern können wir Kosten sparen, die Effizienz erhöhen, Abfall vermeiden und Nachhaltigkeitseffekte erzielen.”
Für Endanwender soll die Integration möglichst unsichtbar bleiben: Die SAP-Applikationen laufen weiterhin in der Cloud, Quantencomputer kommen nur für spezifische Berechnungsaufgaben zum Einsatz. Die Ergebnisse fließen dann zurück in die gewohnten Workflows.
Auch IT-Sicherheit im Blick: der gefürchtete Q-Day
Neben den Chancen beschäftigt sich das SAP-Team auch mit den Risiken, die leistungsfähige Quantenrechner mit sich bringen. In der Branche ist vom sogenannten Q-Day die Rede. Das ist der theoretische Zeitpunkt, an dem Quantencomputer gängige Verschlüsselungsverfahren knacken könnten, die heute Online-Banking, Cloud-Dienste und Unternehmensnetzwerke absichern. SAP arbeitet demnach parallel an quantensicherer Kryptografie, um die eigene Infrastruktur und die seiner Kunden rechtzeitig zu schützen.
Offen ist unterdessen, wann die nötige Infrastruktur für einen globalen Produktiveinsatz tatsächlich bereitstehen wird. Intern ist bei SAP laut Handelsblatt von einer notwendigen „Industrialisierung” die Rede, also skalierbaren Plattformen mit Entwicklungswerkzeugen, Rund-um-die-Uhr-Betrieb und Redundanzen, vergleichbar mit heutiger Cloud-Infrastruktur. Keiner der aktuellen Quantenhardware-Hersteller kann das bislang liefern.