Vier Ansätze, eine Frage: Wie souverän ist Ihre IT wirklich? Wir vergleichen die Sovereignty Readiness Assessment-Tools von Red Hat, SUSE, Deloitte und Nextcloud und zeigen, worauf es bei digitaler Souveränität wirklich ankommt.
Mit der Veröffentlichung des Digital Sovereignty Readiness Assessment Tool im Februar 2026 reagiert Red Hat auf den wachsenden Druck durch globale Regulierungen, die Unternehmen zu mehr operativer Resilienz und Datenhoheit zwingen. Das als Open Source bereitgestellte Online-Tool – aktuell nur in englischer Sprache verfügbar – ermöglicht es Verantwortlichen, über einen strukturierten Fragenkatalog den Ist-Zustand ihrer digitalen Souveränität zu ermitteln und die Kontrolle über ihre digitalen Assets sowie Software-Stacks zu bewerten.
Der Ansatz fokussiert sich vor allem auf die technische Unabhängigkeit: Es wird geprüft, ob Systeme ohne externe Hilfe gewartet werden können, ob Vendor-Lock-ins durch Community-getriebene Ansätze vermieden werden und wie flexibel Cloud-Umgebungen regional bereitgestellt werden können. Das Ergebnis ist eine Einordnung in vier Reifegrade – von der ersten Identifikation von Anforderungen bis hin zur proaktiven Kontrolle über die gesamte Infrastruktur – ergänzt durch eine konkrete Roadmap mit Handlungsempfehlungen.

Obwohl Red Hat damit eine wichtige Lücke schließt, ist der Markt für Souveränitäts-Assessments bereits differenzierter aufgestellt. Ein wesentlicher Mitbewerber ist SUSE, die mit ihrem Cloud Sovereignty Framework Self Assessment einen starken Fokus auf die Konformität mit EU-Standards legen und Unternehmen in sogenannte SEAL-Level (Sovereignty Effective Assurance Levels) einordnen. Diese beschreiben keine klassischen IT-Sicherheitsklassen, sondern abgestufte Grade digitaler Souveränität – von Ebene 0 (keine Souveränität) bis Ebene 4 (vollständige operative Kontrolle) – relevant vor allem für Behörden und hochregulierte Branchen in der EU.
Während Red Hat die technologische Offenheit betont, bietet Deloitte über seinen Professional-Services-Bereich ein Sovereign Cloud Assessment an, das als geführter Beratungsprozess über mehrere Wochen angelegt ist. Für einen datenzentrischen Vergleich bietet zudem Nextcloud mit dem Digital Sovereignty Index (DSI) eine Plattform, um Souveränität auf organisatorischer Ebene messbar zu machen – mit besonderem Fokus auf DSGVO-Konformität und Datenverarbeitung innerhalb der EU.
Wo der Red-Hat-Ansatz ergänzt werden sollte
Um eine wirklich lückenlose Strategie zu entwickeln, sollten Unternehmen den Ansatz von Red Hat um einige kritische Elemente ergänzen, die im aktuellen Tool noch unterrepräsentiert sind:
- Rechtliche Souveränität: Das Tool prüft nicht explizit, welchen ausländischen Zugriffsbefugnissen die genutzten Anbieter unterliegen. Besonders relevant sind der US CLOUD Act (Clarifying Lawful Overseas Use of Data Act), der US-Behörden weltweiten Zugriff auf Daten amerikanischer Cloud-Anbieter ermöglicht, sowie FISA Section 702, der eine geheimdienstliche Überwachung ohne richterlichen Beschluss erlaubt. Auch britisches und chinesisches Datenzugriffsrecht kann für global agierende Unternehmen relevant sein.
- Wirtschaftliche Souveränität: Die Analyse langfristiger Kosten und insbesondere von Egress-Gebühren (Ausleitungskosten bei einem Providerwechsel) fehlt im aktuellen Tool. Eine echte Exit-Strategie muss diese wirtschaftlichen Abhängigkeiten systematisch erfassen.
- Personelle Befähigung: Die beste Open-Source-Infrastruktur nützt wenig, wenn intern das Know-how fehlt, diese im Ernstfall ohne Herstellerunterstützung zu betreiben. Eine Bewertung der internen Fachkompetenz fehlt im Tool bisher vollständig.
Erst die Kombination aus technischer Kontrolle, rechtlicher Absicherung und personeller Befähigung führt zu einer vollumfänglichen digitalen Souveränität.
Fokus und Kriterien im Vergleich
Das Red Hat Digital Sovereignty Readiness Assessment Tool konzentriert sich primär auf die technologische und strategische Unabhängigkeit. Es fragt gezielt ab, wie hoch die Kontrolle über digitale Assets ist und ob das Unternehmen in der Lage ist, Systeme ohne externe Hilfe zu warten oder zu validieren. Ein zentraler Punkt ist die Vermeidung von Vendor-Lock-ins durch Community-getriebene Open-Source-Ansätze sowie die geografische Flexibilität bei der Bereitstellung von Cloud-Umgebungen. Red Hat stuft Unternehmen dabei in vier Reifegrade ein, die von der ersten Identifikation der Bedarfe bis zur umfassenden, proaktiven Kontrolle reichen.
Im Gegensatz dazu legt das SUSE Cloud Sovereignty Framework Self Assessment den Schwerpunkt stärker auf regulatorische Konformität im europäischen Raum. Während Red Hat die allgemeine Resilienz betont, orientiert sich SUSE an den SEAL-Leveln, die Souveränitätsgrade von 0 bis 4 beschreiben. Dies ermöglicht eine präzise Einstufung, die über reine Softwarekontrolle hinausgeht und besonders für Behörden sowie hochregulierte Branchen in der EU entscheidend ist.
Ergänzende Ansätze: Deloitte und Nextcloud
Der Ansatz von Deloitte unterscheidet sich grundsätzlich von den Online-Self-Assessments. Das Sovereign Cloud Assessment ist ein strukturierter Drei-Schritt-Prozess über vier bis sechs Wochen. Im Mittelpunkt steht keine technische Bestandsaufnahme, sondern eine tiefgreifende Business-Case-Analyse mit strategischen Roadmaps, die neben der IT-Infrastruktur auch geschäftliche Auswirkungen und Governance-Strukturen berücksichtigt.
Ergänzend bietet Nextcloud mit dem Digital Sovereignty Index (DSI) eine plattformbasierte Selbstbewertung, die auf Datenhoheit, DSGVO-Konformität und die Nutzung europäischer Cloud-Infrastruktur fokussiert. Im Gegensatz zu den technologie-orientierten Ansätzen von Red Hat und SUSE stellt der DSI die organisatorische Perspektive in den Vordergrund: Welche Daten werden wo, wie und von wem verarbeitet? Damit eignet er sich besonders für Organisationen, die ihren Datenschutz-Status systematisch erfassen möchten.
Zusammenfassung der Abfrage-Dimensionen
Die folgende Tabelle fasst die Schwerpunkte der vier Ansätze im Überblick zusammen:
| Kriterium | Red Hat | SUSE | Deloitte | Nextcloud DSI |
| Fokus | Techn. Autonomie | EU-Compliance | Business-Strategie | Datenzentriert |
| Format | Online Self-Assessment | Online Self-Assessment | Beratung 4-6 Wochen | Online-Plattform |
| Reifegradmodell | 4 Stufen | SEAL-Level 0–4 | Individuell | Indexwert |
| Regulatorik | Allgemein | EU-spezifisch | Branchenspezifisch | DSGVO-Fokus |
| Open Source | Zentral | Relevant | Nachrangig | Zentral |
| Kosten | Kostenlos | Kostenlos | Kostenpflichtig | Kostelos |
Durch die Kombination dieser Ansätze erhalten Unternehmen ein vollständiges Bild. Red Hat hilft, den Status quo der eigenen IT zu verstehen, während SUSE die EU-Konformität prüft, Nextcloud die Datenhoheit bewertet und Deloitte die langfristige Strategie begleitet.
| Ganzheitliche Checkliste zur Digitalen Souveränität Um den Status quo Ihrer IT-Infrastruktur über die Tools von Red Hat oder SUSE hinaus zu prüfen, sollten Sie folgende Punkte adressieren: • Technische Kontrolle: Können alle kritischen Systeme ohne externe Hilfe gewartet und im Notfall wiederhergestellt werden? • Auditierbarkeit: Ist es möglich, die Integrität von Software und Quellcode unabhängig zu validieren (Open-Source-Prinzip)? • Vendor-Lock-in: Werden proprietäre Schnittstellen vermieden und stattdessen Community-getriebene Standards genutzt? • Datenhoheit: Ist der physische Speicherort der Daten in spezifischen Regionen oder eigenen Rechenzentren frei wählbar? • Rechtssicherheit: Wurde geprüft, ob die Anbieter ausländischen Zugriffsbefugnissen unterliegen – z. B. dem US CLOUD Act, FISA Section 702 oder vergleichbaren nationalen Regelungen? • Wirtschaftlichkeit: Sind die Kosten für einen Providerwechsel (Exit-Strategie inkl. Egress-Gebühren) kalkuliert und tragbar? • Personelle Befähigung: Verfügt das interne Team über die nötigen Skills, um die Souveränität operativ und herstellerunabhängig zu gewährleisten? |
Q&A: Digitale Souveränität kompakt
Was ist das Ziel des Red Hat Sovereignty Readiness Assessment Tools?
Es dient dazu, Unternehmen eine klare Bewertung (Reifegrad) ihrer Kontrolle über digitale Assets zu liefern und eine Roadmap für Verbesserungen zu erstellen.
Warum ist Open Source für die Souveränität so wichtig?
Open Source hält Software-Stacks, Algorithmen und Konfigurationen dauerhaft transparent und prüfbar. Unternehmen können den Code einsehen, anpassen und unabhängig vom Hersteller weiterentwickeln – was echte technologische Autonomie erst ermöglicht.
Welche Rolle spielen regulatorische Anforderungen?
Neue Gesetze wie der EU Data Act, die NIS-2-Richtlinie oder der Cyber Resilience Act verpflichten Unternehmen, ihre Resilienz zu stärken und sicherzustellen, dass sie die Hoheit über ihre Daten nicht verlieren. Das Red-Hat-Tool hilft, diese Anforderungen strukturiert zu adressieren.
Was unterscheidet Red Hat von Anbietern wie SUSE?
Während Red Hat den Fokus auf allgemeine technologische Unabhängigkeit und Open-Source-Integrität legt, orientiert sich SUSE stark an spezifischen EU-Cloud-Frameworks und den SEAL-Souveränitätsgraden – was SUSE besonders relevant für Behörden und regulierte Branchen macht.
Was ist der US CLOUD Act und warum ist er relevant?
Der US CLOUD Act (2018) verpflichtet amerikanische Cloud-Anbieter, Behörden auf Anfrage Zugriff auf gespeicherte Daten zu gewähren – unabhängig vom physischen Speicherort. Wer Dienste von Amazon, Microsoft oder Google nutzt, sollte prüfen, ob dieses Risiko mit den eigenen Souveränitätsanforderungen vereinbar ist.