Zwischen Zöllen, Regularien und Resilienz

Wie Europas Schlüsselindustrien 2026 bestreiten

Industrie, OT

2026 ist das Jahr, in dem strukturelle Spannungen sichtbar werden. Die Auswirkungen der aggressiven Zollpolitik des letzten Jahres machen sich nun bemerkbar, geopolitische Unsicherheiten bleiben ebenso hoch wie die Energiepreise. Der Druck auf europäische Industrieunternehmen steigt.

In den Schlüsselbranchen Pharma, Chemie und Energie schlägt sich diese Gemengelage in drei zentralen Herausforderungen nieder: Kostendruck, zunehmend strenge Regularien und die Notwendigkeit Resilienzen aufzubauen.

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EU zieht regulatorische Stellschrauben an

Die Regulationswelle bricht auch 2026 nicht ab, besonders im Bereich Nachhaltigkeit. Die Energiewende und die Ziele des Green Deals steigern den Druck auf die Energiebranche erneuerbare Alternativen auszubauen – und zwar schnell. Diese Alternativen unterliegen jedoch mehr Schwankungen, die wiederum das Netz belasten.

Dieses Jahr tritt zudem das Verbot für den Einsatz einiger poly- und perfluorierter Alkylsubstanzen (PFAS) in Kraft. Diese chemischen Verbindungen sind besonders schädlich für die Umwelt, denn sie sind extrem langlebig und können sich im Körper von Tieren und Mensch anreichern.

Allerdings sind sie auch in der Pharmaindustrie weit verbreitet. Rund 93 Prozent der europäischen Pharmahersteller setzten PFAS ein. Das Verbot zwingt sie nun dazu, alternative Formeln zu entwickeln, neue Stoffe zu testen und darauf basieren ihre Produktion anzupassen. Ein ähnliches Problem droht der Chemiebranche, die ebenfalls große Mengen von PFAS nutzt und produziert. Auch die Regularien zu Mikroplastik werden strenger. Die Industrie muss diese Stoffe in Zukunft nicht nur vermeiden, sondern auch genau dokumentieren und nachverfolgen. In Branchen, in denen papierbasierte Prozesse noch an der Tagesordnung sind, stellt die Transparenz die größte Herausforderung dar.

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Resilienz sichert Wettbewerbsfähigkeit

Für produzierende Industrien wie Pharma und Chemie ziehen die regulatorischen Anforderungen in Lieferkette und Produktionslinien nach sich. Die Suche nach alternativen Materialien und Formeln bedarf neuen Zulieferern und letztendlich neuen Produktionsprozessen, die sich im Aufbau ganzer Produktionsstätten niederschlagen. Unternehmen, die bereits in vergangenen Jahren auf Nachhaltigkeit gesetzt und flexible Produktionslinien aufgebaut haben, sind nun klar im Vorteil.

Denn wer nicht früh genug Resilienzen aufgebaut hat, zahlt nun den Preis dafür. Die angespannten Beziehungen zwischen den größten Wirtschaftsmächten gefährdet Lieferketten zusätzlich. Die Industrie ist nun in Zugzwang und muss Produktionsstandorte und Lieferanten im eigenen Land oder in wohlgesinnten Partnerländern aufbauen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Damit die Industrie jedoch überhaupt arbeiten kann, braucht Europa eine stabile Energieversorgung. Der Energiesektor kämpft jedoch mit einem steigenden Energiebedarf getrieben von energieintensiven Industrien, der Mobilitätswende und der wachsenden Masse an Rechenzentren. Demgegenüber steht eine Infrastruktur, die in vielen Teilen Europas noch aus dem 20. Jahrhundert stammt. Fast die Hälfte der Verteilernetze ist mehr als 40 Jahre alt und nicht für den dezentralen Betrieb gebaut, der für die heutigen Anforderungen erforderlich ist.

Eine zunehmend verteilte Energiegewinnung erfordert neue Verbindungen, intelligente Zähler und einen datengetriebenen, digitalisierten Betrieb. In der Realität greifen viele Netzbetreiber und Energieversorger jedoch nach wie vor auf papierbasierte Prozesse zurück. Es fehlen Daten und damit wichtige Erkenntnisse, um proaktiv handeln zu können und Lastspitzen bzw. Ausfälle abzuwenden. Um an diese Daten zu gelangen und sie effektiv nutzen zu können, muss die Digitalisierung im Energiesektor 2026 stark vorangetrieben werden. Softwarelösungen und digitale Zwillinge von lokalen Netzen liefern Echtzeit-Transparenz und prognostizieren Energiebedarf, Lastspitzen und risikobehaftete Komponenten.

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Die Zukunft kostet

Um die Netze auf diesen Stand zu bringen, sind hohe Investitionen in Instandhaltung, Ausbau und Modernisierung nötig. Ähnlich teuer ist der Umbau ganzer Produktionslinien und die Entwicklung von alternativen Lösungen zu PFAS und Mikroplastik. Zudem sind Pharma- und Chemieunternehmen bald gezwungen die Kosten für Abwasserreinigung zu bezahlen, wenn sie zu den Verschmutzungsursachen beigetragen haben.

Abhilfe schaffen digitale Lösungen. In der Pharmabranche geben 73 Prozent der Führungskräfte an, dass sie glauben, digitale Tools könnten ihnen helfen, Emissionen zu reduzieren. 68 Prozent erwarten dadurch eine bessere Rückverfolgbarkeit und 66 Prozent sind sich sicher, dadurch Abfall mindern zu können. Enterprise-Asset-Management- und Asset-Performance-Management-Systeme helfen branchenübergreifend dabei, die Transparenz über Unternehmens-Assets zu steigern, Problempunkte dadurch aufzudecken und Prozesse effizienter, digitaler und schneller zu gestalten.

Die Investitionen in digitale Systeme sind kostspielig. Wer sich aber jetzt digital, flexibel und nachhaltig aufstellt, kann der aktuellen Gemengelage jedoch gelassen entgegensehen.

Autor: Jochen Reis, VP Presales bei Hexagon

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