Die Frage, ob in Deutschland zu wenig gearbeitet wird, taucht regelmäßig in politischen und wirtschaftlichen Debatten auf. Ein Blick auf die tatsächliche Nutzung von Urlaubstagen zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild.
Aktuelle Auswertungen der HR- und Payroll-Plattform Deel zeigen: Viele Beschäftigte schöpfen ihren gesetzlichen oder vertraglichen Urlaubsanspruch gar nicht vollständig aus.
Urlaub bleibt häufig liegen
Im Jahr 2025 nutzten nur 43 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland ihren gesamten Urlaubsanspruch. Zwar nahmen drei Viertel mindestens vier Fünftel ihrer Urlaubstage, doch der vollständige Verzicht auf einzelne Tage ist alles andere als eine Ausnahme. Damit wird deutlich: Arbeitszeit wird nicht nur durch Überstunden oder Wochenarbeitszeiten geprägt, sondern auch durch unausgeschöpfte Erholungsphasen.
Die Zahlen legen nahe, dass die Produktivitätsdebatte zu kurz greift, wenn sie sich ausschließlich auf geleistete Stunden konzentriert. Ebenso entscheidend ist, wie konsequent Pausen und Auszeiten tatsächlich genommen werden.
Lange Auszeiten statt Kurzurlaub
Auffällig ist zudem das Urlaubsverhalten im europäischen Vergleich. Beschäftigte in Deutschland neigen eher zu längeren zusammenhängenden Auszeiten als zu kurzen Unterbrechungen. Urlaubsanträge über mehr als zwei Wochen machen hierzulande einen größeren Anteil aus als in vielen anderen Ländern. Besonders häufig sind solche langen Abwesenheiten auch in Österreich und den Niederlanden, während sie etwa in Frankreich oder Großbritannien deutlich seltener vorkommen.
Diese Vorliebe für längere Erholungsphasen deutet auf ein anderes Verständnis von Urlaub hin: weniger häufig, dafür intensiver.
Europäischer Vergleich mit Überraschungen
Trotz der ungenutzten Urlaubstage liegt Deutschland im europäischen Vergleich vorne. Der Anteil der Beschäftigten, die ihren Urlaub vollständig ausschöpfen, ist hier höher als in mehreren Nachbarländern. Auch bei der Nutzung von mindestens 80 Prozent des Anspruchs zeigt sich ein ähnliches Bild. Das relativiert die verbreitete Annahme, deutsche Beschäftigte würden systematisch weniger Freizeit in Anspruch nehmen als andere Europäer.
Unterschiede innerhalb Deutschlands
Auch innerhalb des Landes ist Urlaubsnutzung keine einheitliche Größe. In Großstädten zeigen sich teils deutliche Abweichungen. Während Beschäftigte in Hamburg im Median auf 24 Urlaubstage kamen, lag dieser Wert in Frankfurt am Main bei 28 Tagen. Berlin und München bewegten sich dazwischen. Diese Unterschiede lassen sich nicht allein durch Tarifverträge erklären, sondern spiegeln unterschiedliche Arbeitskulturen und Branchenstrukturen wider.
Die Daten machen deutlich: Die Diskussion über Arbeit und Leistung in Deutschland sollte differenzierter geführt werden. Urlaubstage, die nicht genommen werden, sind kein Zeichen von Faulheit oder Fleiß, sondern ein Hinweis auf Arbeitsorganisation, Erwartungshaltungen und kulturelle Unterschiede. Wer über Produktivität spricht, sollte daher nicht nur Arbeitsstunden zählen, sondern auch den Umgang mit Erholung in den Blick nehmen.