Fachkräfte suchen heute nicht mehr nur nach einem guten Gehalt, sondern zunehmend auch nach der Haltung ihres Arbeitgebers.
Wie stark sich das Gewicht von Unternehmenswerten im Bewerbungsprozess verschoben hat, zeigt eine internationale Befragung der Job- und Recruitingplattform Glassdoor unter mehr als 5.100 Beschäftigten und Jobsuchenden in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA. 73 Prozent der Befragten gaben darin an, sich grundsätzlich nicht bei einem Unternehmen zu bewerben, dessen Werte nicht mit den eigenen übereinstimmen. In Deutschland und Frankreich lag dieser Anteil mit jeweils 76 Prozent noch höher. 89 Prozent der Befragten hielten es zudem für wichtig, dass sich ein Arbeitgeber mit einer klaren Unternehmensphilosophie positioniert, 79 Prozent gaben an, sich vor einer Bewerbung gezielt über dieses Leitbild zu informieren.
Auch nach der Einstellung bleiben Werte relevant. Für 65 Prozent der Befragten ist die Unternehmenskultur der Hauptgrund, weshalb sie ihrem Arbeitgeber treu bleiben, für 56 Prozent ist sie sogar wichtiger als das Gehalt. Eine separate Erhebung des Personaldienstleisters Robert Half im Rahmen seiner Gehaltsübersicht ergab zudem, dass bereits 32 Prozent der Bewerbenden im Vorstellungsgespräch aktiv nach den ethischen Werten eines Unternehmens fragen, ein Umstand, den auch 60 Prozent der befragten Führungskräfte inzwischen so wahrnehmen. Die Studienautoren empfehlen Personalverantwortlichen deshalb, auf solche Fragen im Bewerbungsgespräch nicht mit allgemeinen Formulierungen zu antworten, sondern mit konkreten, belegbaren Beispielen aus dem eigenen Unternehmensalltag.
Klare Werte zahlen sich auch wirtschaftlich aus
Dass gelebte Werte nicht nur ein weicher Faktor sind, legt eine Auswertung des Marktforschungsunternehmens Gallup nahe, wonach Unternehmen mit klar definierten und tatsächlich gelebten Werten im Schnitt um 21 Prozent produktiver arbeiten als vergleichbare Unternehmen ohne einen solchen klaren Kompass. Diese Zahl liefert Personalverantwortlichen ein handfestes Argument dafür, Haltung nicht allein als Frage der Reputation, sondern als messbaren Wettbewerbsfaktor zu behandeln. Die folgende Übersicht fasst die wichtigsten Kennzahlen zusammen:
| Studie | Kernbefund |
|---|---|
| Glassdoor-Befragung, 4 Länder | 73 Prozent bewerben sich nicht bei Unternehmen mit abweichenden Werten |
| Glassdoor-Befragung, Deutschland/Frankreich | 76 Prozent schließen Arbeitgeber wegen abweichender Werte von vornherein aus |
| Glassdoor-Befragung | 56 Prozent stufen Unternehmenskultur als wichtiger ein als das Gehalt |
| Robert Half Gehaltsübersicht | 32 Prozent fragen im Bewerbungsgespräch aktiv nach ethischen Werten |
| Gallup-Auswertung | Unternehmen mit klaren Werten sind rund 21 Prozent produktiver |
Fehlende Wertekongruenz wird zum Kündigungsgrund
Values wirken sich dabei nicht nur auf die Entscheidung für einen neuen Arbeitgeber aus, sondern zunehmend auch auf die Entscheidung, einen bestehenden zu verlassen. Was früher häufig nur als diffuses Gefühl von Unzufriedenheit beschrieben wurde, lässt sich laut aktuellen Personalstudien inzwischen klar benennen: Beschäftigte hinterfragen zunehmend, ob die offiziell kommunizierten Werte eines Unternehmens im Arbeitsalltag tatsächlich gelebt werden oder lediglich auf der Karriereseite stehen. Stellt sich für sie eine erhebliche Lücke zwischen beidem heraus, wird die fehlende Wertekongruenz zu einem eigenständigen, klar benennbaren Kündigungsgrund, unabhängig davon, ob Gehalt und Karrierechancen ansonsten stimmen.
Ein bekanntes Beispiel aus der IT-Branche
Wie stark ethische Fragen gerade in der IT-Branche über die Bindung von Fachkräften entscheiden können, zeigt ein prominenter Fall aus dem Silicon Valley. Als 2018 bekannt wurde, dass Google im Rahmen des sogenannten Project Maven mit dem US-Verteidigungsministerium an einer KI zur automatisierten Auswertung von Drohnenbildern zusammenarbeitete, unterzeichneten mehr als 3.100 Google-Mitarbeitende einen offenen Brief an die Konzernführung mit der Forderung, das Projekt zu beenden.
Mehrere Dutzend Mitarbeitende kündigten in der Folge aus Protest gegen die Zusammenarbeit. Google verzichtete daraufhin auf eine Verlängerung des Vertrags und veröffentlichte einen eigenen Katalog ethischer Prinzipien für den Einsatz künstlicher Intelligenz im Unternehmen. Der Fall zeigt exemplarisch, dass hoch qualifizierte IT-Fachkräfte bereit sind, ihren Arbeitsplatz aufzugeben, wenn er aus ihrer Sicht ihren eigenen ethischen Ansprüchen widerspricht, und dass Unternehmen umgekehrt mit klaren Leitlinien auf einen solchen Vertrauensverlust reagieren können.
Was das für Personalverantwortliche in der IT bedeutet
Gerade beim Umgang mit sensiblen Themen wie Nutzerdaten, Überwachungstechnologien, KI-Einsatz oder der Auswahl von Geschäftspartnern haben IT-Unternehmen und IT-Abteilungen ein naheliegendes Anwendungsfeld für klar formulierte ethische Leitlinien. Die vorliegenden Studien deuten darauf hin, dass sich eine glaubwürdig kommunizierte und tatsächlich gelebte Haltung nicht nur auf die Reputation eines Arbeitgebers auswirkt, sondern messbar auf die Bereitschaft von Fachkräften, sich überhaupt erst zu bewerben, sowie auf ihre langfristige Bindung an das Unternehmen.
Entscheidend ist dabei nach übereinstimmender Einschätzung der zitierten Studien weniger die Formulierung eines Leitbilds an sich, sondern ob Bewerbende und Mitarbeitende im Arbeitsalltag den Eindruck gewinnen, dass diese Werte tatsächlich Grundlage konkreter Entscheidungen sind, etwa bei der Frage, mit welchen Partnern ein Unternehmen zusammenarbeitet, wie es mit den Daten seiner Kunden umgeht oder wie es auf berechtigte Kritik der eigenen Belegschaft reagiert.