Ein IT-Großprojekt, das aus dem Ruder lief: Beim Optik- und Halbleiterzulieferer Zeiss haben sich die Ausgaben für die Umstellung auf SAPs Cloud-Software über die Jahre auf mehr als 200 Millionen Euro summiert. Nun reagiert das Unternehmen mit einem Strategiewechsel.
Über den Vorgang berichtet Bloomberg unter Berufung auf Personen aus dem Umfeld des Projekts, die anonym bleiben wollen. Zeiss war demnach ursprünglich mit einem Greenfield-Ansatz gestartet. Dabei werden IT-Kernsysteme nicht einfach in die Cloud übertragen, sondern komplett neu aufgesetzt, mit dem Ziel, alte Software-Altlasten loszuwerden. Genau dieser Neubau hat sich den Angaben zufolge als deutlich komplexer und teurer erwiesen als ursprünglich kalkuliert.
Als Konsequenz vollzieht Zeiss nun einen Schwenk zum Brownfield-Modell: Statt neu zu bauen, werden bestehende Systeme weitgehend übernommen und in die Cloud migriert, ein Vorgehen, das üblicherweise günstiger ausfällt. Externe Beratungshäuser steuern die Umsetzung. Eine Firmensprecherin von Zeiss bestätigte gegenüber Bloomberg lediglich, die Migration der ERP-Software sei neu aufgestellt worden, um schneller voranzukommen. Zu Kosten und Zeitplan machte sie keine Angaben, auch SAP wollte sich zu dem Kundenprojekt nicht äußern.
Zeiss, mit Sitz im baden-württembergischen Oberkochen, arbeitet nach eigenen Angaben bereits seit sechs Jahren an der Cloud-Umstellung. Für die Halbleiterbranche spielt das Unternehmen eine zentrale Rolle: Es liefert exklusiv die Optiken für die modernsten Lithografieanlagen von ASML, mit denen etwa Chips für Nvidia hergestellt werden. Wegen der starken Nachfrage aus der Chipindustrie baut Zeiss derzeit seine Fertigungskapazitäten aus.
SAP treibt Kunden in die Cloud, nicht ohne Risiko
Der Fall zeigt, wie teuer und riskant SAP-Migrationen ausfallen können. Das Cloud-Geschäft gilt bei SAP bis zum Ende des Jahrzehnts als wichtiger Wachstumsmotor. Seit 2020 drängt SAP-Chef Christian Klein Bestandskunden dazu, von lokal betriebenen Installationen auf das cloudbasierte Abo-Modell umzusteigen. Für SAP ist das lukrativer: Cloud-Umsätze machen inzwischen über 60 Prozent des Konzernumsatzes aus.
Als größter Softwarehersteller Europas beliefert SAP mehr als 90 Prozent der Fortune-500-Unternehmen mit Software für Finanzwesen, Lieferketten und andere Geschäftsprozesse. Trotzdem hat ein großer Teil der Kundschaft die Migration bis heute nicht abgeschlossen, obwohl SAP den regulären Support für ältere On-Premise-Versionen bereits Ende kommenden Jahres auslaufen lassen will.
Solche Projekte ziehen sich häufig über mehrere Jahre, kosten Millionenbeträge und laufen meist über externe Dienstleister wie Accenture, EY oder PwC. Weil dabei geschäftskritische Daten bewegt werden, können Fehler im Migrationsprozess den laufenden Betrieb empfindlich stören.
(red)