Der SAP-CEO Christian Klein prophezeit das Ende des Keyboards und sieht in sprachgesteuerter KI die Zukunft der Unternehmenssteuerung.
Die Tastatur hat ausgedient. Zumindest wenn es nach Christian Klein geht, dem CEO des Walldorfer Software-Riesen SAP. “Das Ende der Tastatur ist nahe”, erklärt Klein im Gespräch mit dem Magazin Fortune am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos.
Sprachmodelle ermöglichen neue Arbeitsweise
Die Spracherkennung großer Sprachmodelle sei inzwischen sehr leistungsfähig. “Jetzt müssen wir noch daran arbeiten, Sprache in Geschäftssprache und Geschäftsdaten zu übersetzen”, so Klein.
SAP arbeitet daran, seinem Coworker-Tool zunehmend mehr Fähigkeiten zu verleihen. “Die Zukunft wird sicherlich so aussehen, dass man keine Dateninformationen mehr in ein SAP-System eintippt”, erklärt der CEO. “Stattdessen kann man bestimmte analytische Fragen mit seiner Stimme stellen. Man kann operative Workflows auslösen. Man kann auch Einträge im System mit seiner Stimme machen – Leistungsfeedback, Pipeline-Einträge und so weiter.”
Die technologischen Möglichkeiten seien vorhanden. “Nun geht es wirklich um die Umsetzung”, betont Klein.
KI muss das gesamte Unternehmen erfassen
Klein unterscheidet zwei Kategorien von Unternehmen in der KI-Nutzung: Die einen erleben grundlegende Veränderungen ihrer Geschäftsabläufe, die anderen investieren viel Geld bei geringem Nutzen. Letztere betrachteten KI oft als Effizienzinstrument für einzelne Bereiche, ohne bereichsübergreifende Wirkung. Das gesamte Unternehmen müsse am Tisch sitzen, fordert Klein. “KI ist extrem leistungsfähig, muss aber richtig eingesetzt werden.”
Praxisbeispiel: 20 Prozent Bestandsoptimierung
Ein Konsumgüterhersteller, mit dem SAP zusammenarbeitet, verknüpft Nachfrageplanung, Finanzplanung und Bestandskontrolle. Normalerweise sei das ein monatelanger Prozess. “Sie sagten: ‘Okay, dieser Agent prognostiziert die Nachfrage viel intelligenter als alle Menschen, die ich in der Planung hatte'”, berichtet Klein. “‘Aber es dauert trotzdem immer Monate, bis ich die Bestände anpasse – und die Bestände hängen von der Beschaffung und der Fertigung ab.’ Also bauen wir jetzt mit Agenten ein durchgängiges Planungsszenario, das ihnen hilft, die Bestände um 20 Prozent zu optimieren. Das ist echtes Geld.”
Vision: KI durchsucht Millionen Dokumente
Klein skizziert die künftige Arbeitswelt: “Ein Mitarbeiter kann sagen: ‘Hey, geh in meine PowerPoint-Präsentationen'”, erklärt er. “Man kann einem KI-Modell eine Million PowerPoint-Präsentationen mit Finanzanalysen geben. Wir müssen dann mit unserer KI sicherstellen, dass die Geschäftsdaten verstanden werden und wir die Analyse sofort durchführen können.”
Der Mitarbeiter könne dann fragen: “Sag mir, aus den Millionen Dokumenten, die wir in der Finanzabteilung erstellt haben, welche Maßnahmen wären die richtigen, um einige der Herausforderungen anzugehen, die wir bei der Finanzleistung des Unternehmens sehen?”
“Das ist die Zukunft der Arbeit”, sagt Klein. Die Ergebnisse würden schön aufbereitet mit Grafiken, Kommentaren, Analysen und Handlungsempfehlungen geliefert. Manager werden dann erstaunt fragen: “Mein Gott, was hast du gemacht? Welches Training hast du besucht?” Die Antwort: “Nein, es gibt kein Training.”
Geopolitische Fragmentierung erschwert globales Geschäft
Klein äußerte sich am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos, das von Donald Trumps Drohungen mit Zöllen und der Annexion Grönlands geprägt war. USA, China, Europa und Indien verfolgen sehr unterschiedliche Handelsstrategien.
“Es gibt zwei Supermächte auf der Welt, und sie nutzen ihre Macht, um mehr Einfluss zu haben. Ich erwarte nicht, dass sich das bald ändern wird”, analysiert Klein. “Die Welt hat sich stark verändert, weil plötzlich nicht jeder sagt: ‘Oh, ich glaube an Globalisierung.’ Jetzt heißt es ‘mein Land zuerst’.”
Unternehmen fragen SAP, wie sie in einer fragmentierten Welt agieren können, wo die Software in über 100 Ländern funktionieren muss. “Es gibt viele neue Souveränitätsanforderungen. In diesem Fall muss der Cloud-Server im Land stehen. In einem anderen Land muss man die Daten anders schützen. In einem anderen Land muss man sie vom globalen Netzwerk trennen. Das kann ziemlich teuer werden.”
Infrastruktur-Flexibilität als Antwort
“Unternehmen können die Software nicht einfach wechseln. Sie ist unternehmenskritisch”, betont Klein. “Jetzt mit KI ist sie noch unternehmenskritischer.”
Bei Geo-Lock setze SAP auf Infrastruktur-Diversität: “Wir wollen US-Infrastruktur mit den Hyperscalern; in China wollen wir chinesische Infrastruktur. Und wir wollen Infrastruktur von lokalen Anbietern hier in Deutschland oder Frankreich oder wo auch immer”, erklärt Klein. “Und wir müssen immer sicherstellen, dass wir, wenn etwas in der Welt passiert, wie geopolitische Sanktionen oder Exportkontrollen – wie wir es im Iran oder in Russland gesehen haben – unsere Plattform innerhalb von Tagen oder Wochen auf eine andere Art von Cloud-Infrastruktur übertragen können.”
Europa fehlt wirtschaftliche Schlagkraft
Klein sieht die derzeitige Rolle von Europa kritisch: “Wir reden über Europa als Supermacht. Ich würde sagen, Europa ist eine Supermacht bei Regulierung, aber nicht bei Einheit, weil es keine Bankenunion gibt, keine Handelsunion, keine digitale Union, und in einer solchen Welt braucht man wirtschaftliche Macht. Mit wirtschaftlicher Macht kann man bestimmte Dinge beeinflussen. Man wird gehört.”
Sein Rat: “Ich würde sowohl Wirtschafts- als auch Politikführern in Europa dringend empfehlen, mehr Zeit darauf zu verwenden: Wie können wir innovieren? Wie können wir die Stärken nutzen, die wir haben, um etwas aufzubauen, um wirtschaftliche Macht zu erhöhen?”