Die Schwarz-Gruppe will in Dummerstorf bei Rostock ein neues Rechenzentrum errichten und dafür Milliarden investieren.
Wofür Rechenzentren gebraucht werden und warum Mecklenburg-Vorpommern für die Unternehmen einen Standortvorteil darstellt.
Was sind Rechenzentren?
Rechenzentren sind Gebäude oder Gebäudekomplexe, in denen große Server und Computer Daten speichern, verarbeiten und verteilen. Sie sind für Unternehmen wichtig, die dort ihre Firmendaten speichern, aber auch für ganz normale Bürger. «Sie sind die physische Infrastruktur hinter praktisch jeder digitalen Anwendung, die es heutzutage gibt: vom E-Mail-Versand über Video-Streaming bis zum Online-Banking», erklärt Dennis Kipker, Honorarprofessor für IT-Sicherheitsrecht an der Hochschule Bremen.
Jedes Mal, wenn jemand ein Video auf seinem Handy anschaut oder etwa eine Mail verschickt, läuft der Datenverkehr über ein solches Rechenzentrum. «Größere Rechenzentren gehören deshalb zugleich zur kritischen digitalen Infrastruktur», sagt Kipker.
Was sind KI-Rechenzentren?
KI-Rechenzentren bilden «das industrielle Rückgrat des aktuellen KI-Booms», erklärt Kipker. Sie sind auf das Training und den Betrieb künstlicher Intelligenz spezialisiert. Weil dort hochleistungsfähige Prozessoren zum Einsatz kommen, erzeugen KI-Rechenzentren auf engem Raum erheblich mehr Abwärme als herkömmliche IT-Systeme, sagt Kipker. Daher erfordern sie deutlich mehr Strom und Kühlung als herkömmliche Anlagen.
Warum will MV ein neues Rechenzentrum bauen?
Mit eigenen Rechenzentren will die Landesregierung die Abhängigkeit von US-Unternehmen der Tech-Branche in sensiblen Bereichen verringern, sagte Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) bei der Vorstellung des geplanten Rechnenzentrums Ende August.
Generell schaffe der Bau digitale Souveränität – weil die Daten im Land gehalten würden und die kritische Infrastruktur nicht in die Hände einzelner Konzerne oder anderer Staaten gelegt werde, erklärt Kipker. «Gleichzeitig winken Investitionen, Wertschöpfung und Arbeitsplätze gerade in strukturschwachen Regionen als sinnvolle Investition, um die regionale Wirtschaft anzukurbeln.»
Wie viel Strom braucht ein Rechenzentrum?
In der ersten Ausbaustufe etwa des geplanten Rechenzentrums bei Rostock ist laut Kipker eine Leistung von 240 Megawatt geplant. Bei starker Auslastung könne es damit pro Jahr ungefähr zwei Terawattstunden Strom verbrauchen. Das entspreche grob dem Strombedarf von mehreren Hunderttausend Haushalten. Später könne der Bedarf aber noch deutlich steigen.
Zum Vergleich: Der Experte rechnet damit, dass der Betrieb schon in der ersten Ausbaustufe des Rechenzentrums mehr als doppelt so viel Strom benötigen könnte wie derzeit die gesamte Stadt Rostock.
Woher soll der Strom kommen?
Ein Rechenzentrum läuft rund um die Uhr. Auch wenn der Betrieb auf 100 Prozent erneuerbaren Strom setze, «heißt das nicht automatisch, dass in jeder einzelnen Stunde genau so viel Wind- und Solarstrom verfügbar ist, wie das Rechenzentrum gerade benötigt», sagt Kipker.
In Zeiten mit wenig Wind und Sonne werde der Bedarf im öffentlichen Stromsystem durch andere Erzeuger, Speicher, Importe und den überregionalen Netzaustausch ausgeglichen. «Deshalb müssen der Ausbau großer Rechenzentren, erneuerbare Energieerzeugung, Stromnetze und Speicher zusammen gedacht werden.»
Warum ist die Kühlung so herausfordernd?
Die enorme Abwärme, die insbesondere KI-Chips erzeugen, muss zuverlässig abgeführt werden. Sonst sinke die Leistung oder die Hardware könne beschädigt werden. Daher sei die Kühlung wesentlicher Bestandteil der Planung eines Rechenzentrums. Gerade in trockenen Regionen könne dadurch ein Konflikt mit Trinkwasserversorgung und Landwirtschaft entstehen, erklärt Kipker.
Für das Rechenzentrum in Dummerstorf sei ein geschlossener Kühlkreislauf geplant, erklärte der Geschäftsführer des Datenverarbeitungszentrums Mecklenburg-Vorpommern, Hubert Ludwig. Dadurch sei der Bedarf an Frischwasser reduziert.
Was sind die größten Hürden bei der Standortwahl?
Wer ein Rechenzentrum bauen möchte, braucht Kipker zufolge genug Platz, einen leistungsfähigen Anschluss an das Hochspannungsnetz mit genug freier Kapazität, schnelle Glasfaserverbindungen und ein passendes Kühlkonzept. Ebenso brauche es Fachkräfte für den Bau und den späteren Betrieb des Zentrums.
Inwiefern eignet sich Rostock als Standort?
Dem Experten zufolge spricht vieles für den Standort Dummerstorf. Vor allem klimatisch würden die Bedingungen stimmen: In Norddeutschland sei viel Windstrom verfügbar. Zudem begünstige das Klima eine effiziente Kühlung mit Umgebungsluft.
Hinzu komme eine Absprache mit den Stadtwerken Rostock, zur Einspeisung der Abwärme in die kommunale Wärmeversorgung. Ob die Planung tatsächlich in allen Punkten trage, werde sich noch zeigen, meint der Experte: «Das Projekt befindet sich noch in einem frühen Stadium, technische Details sind noch nicht finalisiert».
Was haben Anwohnerinnen und Anwohner zu erwarten?
Bau und Betrieb des Rechenzentrums unterliegen rechtlichen Anforderungen, um etwa die Lärmbelästigung zu regulieren. Mit einer Überschreitung der erlaubten Pegel rechnet der Vertriebsvorstand von Schwarz Digits, Bernie Wagner, nicht. «Und sollte das der Fall sein, werden wir Maßnahmen treffen müssen.»
Für ein Rechenzentrum sei die Akzeptanz seitens der Bevölkerung wesentlich, betont Kipker. Zuletzt formierte sich etwa in Teilen der USA parteiübergreifender Widerstand gegen den Bau neuer KI-Rechenzentren: Kritiker beklagten schwindende Anbauflächen, sinkende Wasservorräte und steigende Stromrechnungen.
dpa