Laut NATO-Befehlshaber Pierre Vandier fehlt in Europa eine Alternative zur Gefechtsfeld-KI von Palantir. Einige Staaten weichen auf ChapsVision aus.
Admiral Pierre Vandier, der Oberste Befehlshaber für die Transformation der NATO, hat die technologische Lücke in Europa bezüglich militärischer künstlicher Intelligenz thematisiert. In einem Gespräch legte der französische Marineoffizier offen, dass die westliche Allianz derzeit über keine funktionsfähige Alternative zu den Verteidigungssystemen des US-amerikanischen Herstellers Palantir Technologies verfügt. Die NATO hatte im März 2025 das KI-gestützte Aufklärungssystem Maven Smart System von dem Datenanalyse-Spezialisten erworben.
Dieses System dient dazu, die operative Planung zu modernisieren, Bedrohungslagen in Echtzeit zu analysieren und die militärische Entscheidungsfindung zu beschleunigen. Es wurde unter anderem im Gemeinsamen Alliierten Streitkräftekommando im niederländischen Brunssum sowie im europäischen Hauptquartier in Belgien implementiert. Nach Angaben von Vandier existiert auf dem europäischen Kontinent gegenwärtig kein Mitbewerber, der eine vergleichbare funktionale Reife für diese komplexen Anforderungen aufweist.
Risiko eines digitalen Abschalters
Die Beschaffung der US-Software vollzog sich in einem beschleunigten Verfahren von nur sechs Monaten, hat jedoch die europäische Debatte über digitale Souveränität erheblich verschärft. Hintergrund sind die angespannten Beziehungen zwischen europäischen Hauptstädten und der US-Regierung unter der Administration von Donald Trump. Die europäischen Regierungen betrachten die tiefe Abhängigkeit von amerikanischer Rüstungstechnologie zunehmend als sicherheitspolitisches Risiko. Die Bedenken erstrecken sich über mehrere Ebenen.
Einerseits wird befürchtet, dass amerikanische Behörden über gesetzliche Grundlagen wie den US Cloud Act ungehindert Zugriff auf sensible europäische Militärdaten erhalten könnten. Andererseits wird in Sicherheitskreisen das Szenario eines sogenannten Kill Switches diskutiert. Dabei handelt es sich um eine hypothetische Abschaltfunktion, mit der die Regierung in Washington im Krisenfall anordnen könnte, die in Europa genutzten US-Technologien aus der Ferne zu deaktivieren oder den Support einzustellen. Ein prominentes Beispiel für diese Skepsis zeigte sich im Jahr 2025, als die spanische Regierung den geplanten Kauf amerikanischer F-35-Kampfjets stornierte, um stattdessen auf europäische Alternativprojekte zu setzen, obwohl das Pentagon das Vorhandensein einer solchen Abschaltfunktion offiziell bestritt.
Nationale Sonderwege in der Bundesrepublik Deutschland
Trotz der globalen Dominanz von Palantir zeigen einzelne europäische Sicherheitsbehörden Bestrebungen, sich von der US-Infrastruktur abzukoppeln. Das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz, der Inlandsnachrichtendienst der Bundesrepublik, hat im Mai 2026 eine Richtungsentscheidung getroffen und das französische Softwareunternehmen ChapsVision mit der Bereitstellung von Systemen zur Analyse großer Datenmengen beauftragt. Die französische KI-Software trägt den Namen ArgonOS und wird im Rahmen der Kooperation in einer vollständig isolierten, souveränen Cloud-Umgebung betrieben. ChapsVision arbeitet hierbei mit dem deutschen IT-Dienstleister Rola Security Solutions zusammen.
Auch die Teilstreitkräfte der Bundeswehr distanzieren sich von direkten Verträgen mit dem amerikanischen Datenbroker. Vizeadmiral Thomas Daum, der Inspekteur des Cyber- und Informationsraums der Bundeswehr, stellte im Frühjahr 2026 klar, dass die deutschen Streitkräfte derzeit keine Aufträge an Palantir vergeben werden. Daum begründete diese Haltung mit dem spezifischen Betriebsmodell des US-Konzerns.
Während bei der NATO direkt Mitarbeiter der Firma Palantir die Systeme betreuen und verwalten, schließt die Bundeswehr eine Zulassung von externem Industriepersonal auf nationale Datenbanken aus Sicherheitsgründen kategorisch aus. Für ein geplantes militärisches Cloud-Projekt prüft die Bundeswehr stattdessen europäische Alternativen der Anbieter Almato, Orcrist und ChapsVision, deren Systeme im Sommer 2026 evaluiert werden sollen. Dennoch profitiert die Bundeswehr über die NATO-Infrastruktur weiterhin indirekt von den Erkenntnissen der Palantir-Plattform.
Kontroversen um automatisierte Kriegsführung und Bürgerrechte
Die anhaltende Kritik an Palantir speist sich aus der tiefen Verflechtung des Unternehmens mit Überwachungsprogrammen der US-Regierung und dem Einsatz der Software in internationalen bewaffneten Konflikten. Unter anderem wurde die Plattform vom Pentagon im Rahmen militärischer Operationen zur Zielidentifizierung eingesetzt, was wiederholt völkerrechtliche und ethische Debatten über die Konsequenzen einer rein algorithmusbasierten Kriegsführung auslöste. Der Vorstandsvorsitzende von Palantir, Alex Karp, verteidigte die Technologie in der Vergangenheit offensiv und räumte ein, dass die Produkte des Unternehmens im Ernstfall auch dazu beitragen, Menschen zu töten.
In Deutschland stießen die zivilen Versionen der Software, wie das System Gotham, das in den Bundesländern Hessen, Nordrhein-Westfalen und Bayern von den Polizeibehörden zur vorausschauenden Kriminalitätsbekämpfung genutzt wird, auf erheblichen juristischen Widerstand. Bürgerrechtsorganisationen wie die Gesellschaft für Freiheitsrechte reichten Verfassungsbeschwerden gegen die automatisierte Datenanalyse ein. Das Bundesverfassungsgericht erklärte Teile dieser polizeilichen Datenverarbeitung für verfassungswidrig, da sie das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung verletzen. Diese rechtlichen Hürden erschweren die Etablierung des US-Anbieters auf dem europäischen Markt zusätzlich.
Strategische Neuausrichtung auf offene Systemarchitekturen
Admiral Pierre Vandier betonte, dass die europäische Industrie in einem akuten technologischen Wettlauf steht. Um die Abhängigkeit von einzelnen marktbeherrschenden US-Lieferanten zu verringern, müssten europäische Unternehmen und Regierungen beweisen, dass sie in der Lage sind, relevante und funktionierende Lösungen innerhalb von Monaten oder wenigen Jahren bereitzustellen, anstatt Entwicklungsprozesse über ein ganzes Jahrzehnt zu strecken. Für die NATO liege die unmittelbare Priorität darin, Monopolstellungen zu verhindern.
Die Allianz verfolgt daher zunehmend den Ansatz, offene digitale Systemarchitekturen aufzubauen. Diese standardisierten Netzwerke sollen so konzipiert werden, dass sich die Softwarelösungen verschiedener Hersteller flexibel über Schnittstellen integrieren lassen. Auf diese Weise will das Militärbündnis die Interoperabilität zwischen den verschiedenen nationalen Streitkräften gewährleisten und gleichzeitig sicherstellen, dass die Hoheit über die gesammelten Daten und Algorithmen bei den Bündnispartnern verbleibt, selbst wenn temporär auf die überlegene Funktionalität amerikanischer Systeme zurückgegriffen werden muss.