Social Media gehört für Jugendliche zum Alltag, wird aber zunehmend ambivalent bewertet.
Die JIMplus-Studie 2026 zeigt, dass viele Jugendliche zwar von sozialen Netzwerken profitieren, zugleich aber Konzentrationsprobleme, Falschinformationen und sozialen Druck erleben.
Fast die Hälfte wünscht sich eine Welt ohne Social Media
47 Prozent der 14- bis 17-Jährigen beneiden Generationen, die ohne soziale Netzwerke aufgewachsen sind. Gleichzeitig befürworten 43 Prozent ein Verbot sozialer Medien für Kinder und Jugendliche unterhalb eines bestimmten Alters.
Von einer grundsätzlichen Ablehnung kann dennoch keine Rede sein. Für 82 Prozent sind soziale Netzwerke auch eine wichtige Informations- und Wissensquelle. Dem steht allerdings gegenüber, dass 40 Prozent nach eigener Einschätzung durch die Nutzung in ihrer Konzentration beeinträchtigt werden.
Die Ergebnisse der JIMplus-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest zeigen damit vor allem einen Zielkonflikt: Social Media kann informieren, unterhalten und soziale Kontakte ermöglichen, gleichzeitig aber auch Stress und andere Belastungen verursachen.
Problematische Inhalte gehören zum digitalen Alltag
Ein Teil der Belastung entsteht durch Inhalte, mit denen Jugendliche im Netz konfrontiert werden. 71 Prozent berichten, bereits auf Falschinformationen gestoßen zu sein. 40 Prozent haben Hassrede wahrgenommen.
Auch der soziale Vergleich spielt eine Rolle. Mädchen berichten häufiger als Jungen von Vergleichsdruck und Sorgen im Zusammenhang mit dem eigenen Körperbild.
Damit wird deutlich, dass Medienkompetenz mehr bedeutet als die Bedienung von Apps. Jugendliche müssen einschätzen können, ob Informationen glaubwürdig sind, wie sie mit unangenehmen Kontakten umgehen und wann sie Unterstützung benötigen.
Medienerziehung beginnt deutlich früher
Die Frage nach einem sicheren Umgang mit sozialen Netzwerken stellt sich zudem nicht erst im Teenageralter. Bereits Kinder sammeln früh Erfahrungen mit digitalen Geräten und Online-Angeboten.
Nach der KIM-Studie 2024 besitzen 46 Prozent der 6- bis 13-Jährigen ein eigenes Smartphone. Für Eltern bedeutet das, dass Gespräche über Datenschutz, fremde Kontakte, problematische Inhalte oder digitale Konflikte bereits vor dem Einstieg in soziale Netzwerke sinnvoll sein können.
Dabei geht es weniger darum, jede Nutzung zu kontrollieren. Wichtiger ist, Kindern konkrete Strategien an die Hand zu geben, mit denen sie auf unangenehme oder beängstigende Situationen reagieren können.
Eine einfache Regel für schwierige Situationen
Die Hamburger OnlineCrew hat aus ihrem Medienführerschein eine fünfteilige Handlungsempfehlung für akute Situationen im Netz abgeleitet. Sie richtet sich an Kinder, die beispielsweise eine unangenehme Nachricht erhalten, von einer fremden Person kontaktiert werden oder mit einem unerlaubt verbreiteten Bild konfrontiert sind.
Die Schritte lauten:
- Stoppen: Nicht antworten, keine weiteren Inhalte verschicken und die Unterhaltung beenden.
- Knipsen: Einen Screenshot erstellen, damit der Vorgang dokumentiert ist.
- Blocken: Den betreffenden Kontakt sperren, um weitere Nachrichten zu verhindern.
- Melden: Den Vorfall über die entsprechende Funktion der Plattform melden.
- Reden: Einer erwachsenen Vertrauensperson erzählen, was passiert ist.
Gerade der letzte Punkt ist entscheidend. Kinder sollten wissen, dass sie auch dann Unterstützung bekommen, wenn sie selbst einen Fehler gemacht oder eine Regel verletzt haben.
Vertrauen entscheidet darüber, ob Kinder Hilfe suchen
Für Eltern kann die Reaktion auf einen Vorfall darüber entscheiden, ob ein Kind künftig erneut um Hilfe bittet. Florian Schleinig, Mitgründer der OnlineCrew, betont deshalb, dass viele Eltern zwar über Medienerziehung sprechen möchten, ihnen aber konkrete Ansätze für den Alltag fehlen.
Auch Stefan Böff, ebenfalls Mitgründer der OnlineCrew, warnt vor einer unmittelbaren Bestrafung. Wenn Kinder befürchten müssten, dass nach einem Vorfall automatisch das Smartphone weggenommen wird, könnten sie beim nächsten Problem darauf verzichten, Erwachsene einzubeziehen.
Für Eltern bedeutet das: Zunächst zuhören, die Situation gemeinsam einordnen und erst anschließend über mögliche Konsequenzen sprechen. Bei akuten Problemen sollte die Frage im Vordergrund stehen, wie das Kind geschützt und die Situation beendet werden kann.
Medienkompetenz braucht regelmäßige Gespräche
Ein einzelnes Gespräch über Social Media reicht allerdings kaum aus. Digitale Angebote verändern sich schnell, und auch die Erfahrungen der Kinder wandeln sich mit zunehmendem Alter.
Als Gesprächseinstieg können deshalb einfache Fragen dienen: Was hast du heute online gesehen? Gab es etwas, das dich geärgert oder überrascht hat? Hat dir jemand geschrieben, den du nicht kennst?
Solche Gespräche können helfen, Hemmschwellen abzubauen. Kinder lernen dadurch, dass auch unangenehme Erlebnisse angesprochen werden dürfen und sie nicht automatisch mit einem Entzug des Smartphones rechnen müssen.
Zwischen Schutz und Selbstständigkeit
Die Ergebnisse der JIMplus-Studie zeigen, dass ein pauschales Urteil über Social Media zu kurz greift. Jugendliche sehen sowohl Vorteile als auch Risiken. Sie nutzen soziale Netzwerke zur Information und für soziale Kontakte, erleben dort aber gleichzeitig Desinformation, Hass und psychischen Druck.
Für Eltern besteht die Herausforderung deshalb nicht nur darin, Nutzung zu begrenzen. Ebenso wichtig ist es, Kindern beizubringen, problematische Situationen zu erkennen und selbstständig darauf zu reagieren.
Eine einfache Handlungsregel kann dabei ein erster Schritt sein. Langfristig entscheidend bleibt jedoch eine vertrauensvolle Begleitung, bei der Kinder wissen, dass sie auch mit schwierigen Erfahrungen zu ihren Eltern oder anderen erwachsenen Vertrauenspersonen kommen können.
(red/OnlineCrew)