Ausschluss von Hochrisiko-Lieferanten

Huawei vor dem Aus? EU-Kommission zieht Konsequenzen für Mobilfunknetz

Huawei
Bildquelle: Karlis Dambrans / Shutterstock.com

Die EU-Kommission verschärft den Kurs: Huawei und ZTE sollen aus der Netzinfrastruktur verschwinden. Droht nun ein diplomatischer Konflikt mit Peking?

In einer Pressekonferenz im Berlaymont-Gebäude hat die Europäische Kommission eine formale Empfehlung an alle Mitgliedstaaten ausgesprochen, die Ausrüstung der chinesischen Hersteller Huawei und ZTE konsequent aus der nationalen Konnektivitätsinfrastruktur zu entfernen. Ein Sprecher der Kommission stellte klar, dass die neu verabschiedeten Cybersecurity-Regeln der EU nun die rechtliche Grundlage bieten, Anbieter, die als „Hochrisiko-Lieferanten“ eingestuft werden, vollständig vom europäischen Markt auszuschließen. Dieser Schritt markiert eine deutliche Eskalation in der europäischen Digitalpolitik und zielt darauf ab, die technologische Souveränität des Binnenmarktes abzusichern.

Anzeige

Die neue Rechtsgrundlage gegen Hochrisiko-Anbieter

Die vorgestellten Regelungen gewähren der Europäischen Union weitreichende Befugnisse zur Marktregulierung. Bisher waren Entscheidungen über den Ausschluss bestimmter Hersteller primär eine Angelegenheit der nationalen Sicherheit der einzelnen Mitgliedstaaten. Mit den neuen Vorschriften erhält Brüssel jedoch die Möglichkeit, die Nutzung von Hard- und Softwarekomponenten zentral zu untersagen, sofern ein Anbieter ein systemisches Risiko für die Union darstellt.

Die Einstufung als Hochrisiko-Lieferant basiert auf objektiven Kriterien der Cybersecurity. Hierzu zählen die Transparenz der Unternehmensstruktur, die Anfälligkeit für Einflussnahmen durch Drittstaaten sowie die Einhaltung europäischer Sicherheitsstandards. Insbesondere die potenzielle Verpflichtung ausländischer Unternehmen zur Zusammenarbeit mit ihren nationalen Geheimdiensten wird von der Kommission als unvereinbar mit der Sicherheit europäischer Datennetze gewertet.

Pekings Reaktion: Drohung mit Gegenmaßnahmen

Die Reaktion aus China ließ nicht lange auf sich warten. Bereits in der vergangenen Woche, als die Details der neuen Regeln durchsickerten, äußerte die Regierung in Peking scharfe Kritik. Das chinesische Außenministerium bezeichnete die Vorschriften als „diskriminierend“ und warf der EU vor, politische Erwägungen über technische Fakten zu stellen. Peking drohte explizit mit wirtschaftlichen Gegenmaßnahmen, sollte die Europäische Union die neuen Regeln in dieser Form zur Anwendung bringen.

Anzeige

Experten sehen darin die Gefahr eines Handelskrieges im Hochtechnologiesektor. China ist ein essenzieller Markt für europäische Maschinenbauer und Automobilhersteller. Dennoch betont die Kommission, dass die Integrität der digitalen Infrastruktur, des „Nervensystems“ der modernen Wirtschaft, nicht verhandelbar sei. Die Drohung Pekings wird in Brüssel als Bestätigung dafür gewertet, dass technologische Abhängigkeiten als politisches Druckmittel eingesetzt werden können.

Newsletter
Newsletter Box

Mit Klick auf den Button "Jetzt Anmelden" stimme ich der Datenschutzerklärung zu.

Technische Risiken in der Konnektivitätsinfrastruktur

Die Konnektivitätsinfrastruktur umfasst alle Komponenten, die für die Übertragung von Daten in Mobilfunk- und Festnetzen notwendig sind. Dies reicht von Basisstationen und Antennen bis hin zu den zentralen Kernnetz-Komponenten, die den Datenverkehr steuern. Sicherheitsbehörden warnen davor, dass Komponenten von Hochrisiko-Anbietern theoretisch über „Backdoors“ verfügen könnten, die eine Fernsteuerung oder Überwachung der Datenströme ermöglichen.

Besonders kritisch ist die Situation bei der Implementierung von 5G- und den bereits in der Erprobung befindlichen 6G-Netzen. Diese Technologien bilden die Basis für autonomes Fahren, vernetzte Fabriken und die Fernsteuerung kritischer Infrastrukturen wie Stromnetze. Ein Ausfall oder eine Manipulation dieser Systeme durch externe Akteure hätte katastrophale Auswirkungen auf die öffentliche Sicherheit und die ökonomische Stabilität der EU.

Implementierung der EU-Toolbox und nationale Übergangsfristen

Die aktuelle Empfehlung baut auf der bereits 2020 eingeführten „EU-Toolbox für 5G-Sicherheit“ auf. Während die Toolbox zunächst nur unverbindliche Leitlinien bot, werden die Maßnahmen nun durch die neuen Cybersecurity-Regeln verbindlicher. Mitgliedstaaten wie Deutschland haben bereits eigene Zeitpläne für den Austausch chinesischer Hardware festgelegt. In Deutschland wurde zuletzt vereinbart, kritische Komponenten im Kernnetz bis 2026 und im Zugangsnetz bis 2029 zu ersetzen.

Die Kommission drängt nun darauf, diese Zeitpläne strikt einzuhalten oder, wo möglich, zu beschleunigen. Der Sprecher der Kommission wies darauf hin, dass die technologische Resilienz nur durch eine Diversifizierung der Lieferanten erreicht werden könne. Europäische Unternehmen wie Ericsson und Nokia sowie Anbieter aus befreundeten Drittstaaten sollen die entstehenden Lücken füllen. Dies soll nicht nur die Sicherheit erhöhen, sondern auch die europäische Innovationskraft im Bereich der Netzwerktechnologien stärken.

Wirtschaftliche Folgen für Telekommunikationsbetreiber

Für die europäischen Telekommunikationsanbieter bedeutet die Empfehlung der Kommission eine erhebliche finanzielle und logistische Herausforderung. Der Austausch bereits verbauter Hardware, das sogenannte „Rip and Replace“, ist kostspielig und zeitaufwendig. Betreiber müssen sicherstellen, dass die Netzabdeckung während der Umbaumaßnahmen stabil bleibt.

Einige Branchenvertreter warnen vor Verzögerungen beim weiteren Netzausbau und steigenden Kosten für die Endverbraucher. Die EU-Kommission hält dagegen, dass die Kosten eines potenziellen Sicherheitsvorfalls die Investitionen in eine sichere Infrastruktur bei weitem übersteigen würden. Zudem werden Förderprogramme auf EU-Ebene diskutiert, um die Transformation hin zu einer vertrauenswürdigen Infrastruktur zu unterstützen.

Die Entscheidung, Huawei und ZTE gezielt als Risikofaktoren zu benennen und deren Ausschluss zu empfehlen, ist Teil einer umfassenderen Strategie. Diese umfasst auch den Aufbau eigener Halbleiterkapazitäten und die Förderung von Open-RAN-Technologien, die eine herstellerunabhängige Gestaltung von Mobilfunknetzen ermöglichen sollen.

Autorenbild Lisa Löw

Lisa

Löw

Junior Online-Redakteurin

IT-Verlag

Anzeige

Weitere Artikel

Newsletter
Newsletter Box

Mit Klick auf den Button "Jetzt Anmelden" stimme ich der Datenschutzerklärung zu.