Eine Allianz aus europäischen Technologieunternehmen, Abgeordneten und Organisationen fordert in einem offenen Brief mehr digitale Souveränität für die EU.
Am Montag, den 1. Juni 2026, hat sich eine Allianz aus dreizehn europäischen Cloud-Anbietern, Mitgliedern des Europäischen Parlaments und zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammengeschlossen, um eine strategische Initiative der Europäischen Kommission zu unterstützen. In einem gemeinsamen offenen Brief fordern die Unterzeichner eine deutliche Reduzierung der europäischen Abhängigkeit von US-amerikanischen Technologien und eine gezielte Stärkung der heimischen Digitalwirtschaft.
Die beteiligten Akteure definieren technologische Souveränität als die fundamentale Fähigkeit Europas, jene digitalen Systeme, auf denen Gesellschaft und Wirtschaft basieren, frei zu entwerfen, zu verstehen, aus verschiedenen einheimischen Quellen auszuwählen, aufzubauen, zu betreiben und effektiv zu regulieren. Die Initiative versteht sich als kollektiver Appell an die politischen Entscheidungsträger, die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen so anzupassen, dass europäische Unternehmen im globalen Wettbewerb nicht dauerhaft marginalisiert werden.
Konkrete Maßnahmen für öffentliche Ausschreibungen und Halbleiterproduktion
Die Europäische Kommission plant, am kommenden Mittwoch umfassende regulatorische Maßnahmen vorzustellen, die diese Bestrebungen formalisieren sollen. Ein zentraler Bestandteil der neuen Richtlinien betrifft die Vergabe von sensiblen öffentlichen Aufträgen. Die Neuregelung soll administrativ sicherstellen, dass strategisch wichtige Infrastrukturdienste, wie beispielsweise Cloud-Streaming-Dienste für staatliche Behörden und Institutionen, bevorzugt oder ausschließlich von europäischen Anbietern bereitgestellt werden, anstatt sie an marktdominierende Rivalen aus den Vereinigten Staaten zu vergeben.
Parallel dazu sieht das Paket finanzielle und strukturelle Impulse vor, um die Produktion von in Europa hergestellten Halbleitern und Mikrochips massiv zu beschleunigen. Angetrieben wird diese geopolitische Offensive durch die anhaltenden Handels- und Technologiespannungen zwischen den USA und China sowie durch das Bestreben der Europäischen Union, den technologischen Rückstand in strategischen Kernbereichen gegenüber beiden Großmächten intensiv aufzuholen.
Namhafte Unterzeichner aus der europäischen Software und Hardwarebranche
Das Spektrum der Unterzeichner des offenen Briefes erstreckt sich über verschiedene technologische Disziplinen und zeigt die Breite des europäischen Ökosystems. Zu den beteiligten Unternehmen gehört der französische Cloud-Infrastrukturanbieter OVHcloud sowie das deutsche Softwareunternehmen Nextcloud. Aus dem Bereich der Kommunikationsplattformen und dezentralen Netzwerke unterstützen die quelloffenen sozialen Netzwerke Mastodon und Monnett Social die Initiative.
Zudem haben sich das Schweizer Datenschutz-Softwareunternehmen Proton, der Suchmaschinenbetreiber Ecosia sowie der niederländische Quantenchip-Hersteller QuantWare dem Appell angeschlossen. Auf politischer Ebene wird das Schreiben von Abgeordneten der Fraktion Die Grünen/Freie Europäische Allianz im Europäischen Parlament getragen, darunter die deutsche Politikerin Alexandra Geese. Flankiert wird die Allianz von sechs Nichtregierungsorganisationen und Bürgerrechtsgruppen wie Defend Democracy und Save Social.
Fallbeispiele für die Abkehr von US amerikanischen Großkonzernen
Einige der beteiligten Unternehmen nehmen bereits heute Schlüsselrollen bei der digitalen Transformation staatlicher und militärnaher Strukturen in Europa ein. Der französische Cloud-Anbieter OVHcloud baut gegenwärtig eine spezialisierte Verteidigungssparte auf, nachdem mehrere europäische Verteidigungsministerien mit dem Wunsch nach Unterstützung bei der digitalen Transformation ihrer Streitkräfte an das Unternehmen herangetreten waren. Zudem befindet sich die Europäische Kommission seit Juni des vergangenen Jahres in fortgeschrittenen Verhandlungen mit OVHcloud, um die eigenen internen Cloud-Dienste schrittweise von den Plattformen des US-Konzerns Microsoft abzuziehen.
Das deutsche Unternehmen Nextcloud entwickelt unter dem Namen Euro-Office eine kollaborative Lösung zur Dokumentenbearbeitung, die als direkte, datenschutzkonforme Alternative zu den Büro-Suiten von Microsoft und Google positioniert wird. Das quelloffene Netzwerk Mastodon wiederum etablierte sich nach der Übernahme der Plattform Twitter durch Elon Musk und der darauffolgenden Abwanderung zahlreicher Nutzer als dezentrale Alternative im Bereich der sozialen Medien.