Die Zahl der pro Linux-Kernel-Version behobenen CVE-Sicherheitslücken nähert sich einem neuen Höchststand von rund 2.000.
Linux-Stable-Maintainer Greg Kroah-Hartman stellte die Entwicklung in einer vorab veröffentlichten Präsentationsfolie für seinen kommenden Vortrag bei der Konferenz Kernel Recipes 2026 in Paris vor. Demnach lag die Zahl behobener CVEs über die gesamte Linux-6.x-Generation hinweg bei durchschnittlich rund 500 pro Version. Mit Linux 7.0 überschritt der Wert erstmals die Marke von 1.000, mit Linux 7.2 bereits 1.500. Zum Stand des 1. September 2026 nähert sich die Zahl bereits fast 2.000, sollte sich der Trend fortsetzen, könnte die kommende Version 7.3 diese Schwelle erstmals überschreiten.
Der zugrunde liegende Kernel-Quellcode ist inzwischen auf mehr als 41 Millionen Zeilen angewachsen, allein zwischen den Versionen 7.2 und 7.3 kamen rund 560.000 neue Zeilen hinzu, ein erheblicher Teil davon durch einen einzelnen AMD-Grafikkartentreiber-Registerauszug mit 6,52 Millionen Zeilen.
Nach übereinstimmender Einschätzung mehrerer Fachmedien durchsuchen KI-Werkzeuge dabei systematisch selbst besonders unbekannte oder selten geprüfte Codeabschnitte, die menschliche Prüfer nur sehr selten erneut anschauen, und finden dabei gelegentlich tatsächlich echte, bislang unentdeckte Fehler. Die überwiegende Mehrheit der neu gemeldeten Schwachstellen betrifft dabei jedoch ältere, kaum noch genutzte Treibercode-Bereiche und wird als vergleichsweise niedrig priorisiert eingestuft, wodurch sich die tatsächlichen praktischen Auswirkungen für die meisten Nutzer in Grenzen halten dürften.
Auch bereits veralteter Code wird konsequent entfernt
Als positiven Nebeneffekt der Entwicklung werten mehrere Fachmedien, dass Maintainer im laufenden Jahr bereits deutlich mehr veralteten, kaum noch gepflegten Code vollständig aus dem Kernel entfernt haben, etwa alten Treibercode für SGI- und IBM-Hardware. Der Treiber für das Dateisystem FreeVxFS etwa wurde vollständig gestrichen, nachdem der zuständige Maintainer selbst erklärt hatte, der jahrzehntealte Kompatibilitätscode diene inzwischen größtenteils nur noch als Übungsmaterial für automatisierte Fehlersuchwerkzeuge. Ein solcher Rückbau verkleinert zugleich die verbleibende Angriffsfläche sowie die Zahl künftiger, durch denselben veralteten Code ausgelöster Fundmeldungen.
Sicherheitsexperte Sasson ordnete die grundsätzliche Problematik so ein: Dieselbe gründliche Analyse, die Maintainern beim Aufspüren dieser Fehler helfe, funktioniere ebenso gut von der gegnerischen Seite aus. Für nur wenige Cent pro Million verarbeiteter Tokens und ohne dass jemand mitlese, könnten Angreifer denselben Code mit denselben Werkzeugen durchsuchen, was in der Praxis den eigentlichen Kern der wachsenden Herausforderung ausmache.
Linux-Community reagiert mit angepassten Arbeitsabläufen statt Ablehnung
Anders als in manch anderen Softwareprojekten stößt der verstärkte KI-Einsatz bei der Linux-Kernel-Entwicklung nach übereinstimmenden Berichten nicht auf grundsätzliche Ablehnung. Linux-Erfinder Linus Torvalds selbst hatte sich zuletzt öffentlich klar für den pragmatischen Einsatz von KI-Werkzeugen im Entwicklungsprozess ausgesprochen und nutzt nach eigenen Angaben gemeinsam mit dem für den Speicherverwaltungscode zuständigen Maintainer Andrew Morton regelmäßig das KI-Modell Gemini zur Fehlersuche sowie zur Zusammenfassung eingereichter Patches. Die Kernel-Community selbst reagiert auf die gestiegene Meldeflut dabei weniger mit Ablehnung der zugrunde liegenden Werkzeuge, sondern mit angepassten, stärker automatisierten Arbeitsabläufen zur Sichtung und Priorisierung eingehender Fundmeldungen.
Die Entwicklung beschränkt sich dabei ausdrücklich nicht allein auf Linux: Auch Microsoft setzt nach Berichten mittlerweile verstärkt KI zur Entdeckung von Windows-Schwachstellen ein, während das FreeBSD-Projekt KI-gestützte Sicherheitsforschung inzwischen offiziell in die eigenen Entwicklungsprozesse integriert hat.
(red)