Eine weltweite Umfrage unter CEOs zeigt eine drastische Verschiebung der Personalplanung. Jüngere Arbeitskräfte verlieren Stellen an KI-Assistenten.
Die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt für Berufseinsteiger und junge Arbeitskräfte haben sich im Verlauf des vergangenen Jahres messbar verschlechtert. Nach einem offiziellen Bericht der Federal Reserve Bank of New York für das erste Quartal verzeichnete die Beschäftigungssituation in der Altersgruppe der 22- bis 27-Jährigen einen deutlichen Rückgang. In einer anschließenden Stellungnahme wies der Vorsitzende der US-Notenbank, Jerome Powell, darauf hin, dass der verstärkte Einsatz künstlicher Intelligenz eine direkte Mitschuld an dieser Entwicklung tragen dürfte.
Viele Unternehmen, die in der Vergangenheit regelmäßig Absolventen von Universitäten und Hochschulen für Einstiegspositionen rekrutierten, versuchen diese Aufgabenbereiche zunehmend über automatisierte KI-Assistenten abzuwickeln. Am Ende des Jahres erreichte der Arbeitsmarkt für diese Altersgruppe den schwierigsten Zustand seit den akuten Phasen der Pandemie.
43 Prozent planen Reduzierung der Junior-Rollen
Eine neue globale Untersuchung der Unternehmensberatung Oliver Wyman in Zusammenarbeit mit der New York Stock Exchange, bei der 415 Vorstandsvorsitzende verschiedener Branchen befragt wurden, prognostiziert für die kommenden zwei Jahre eine weitere Verschärfung dieser Situation. Der Anteil der CEOs, die eine Reduzierung von Junior-Rollen in ihrem Unternehmen planen, hat sich im Vergleich zum Vorjahr von 17 Prozent auf nunmehr 43 Prozent mehr als verdoppelt. Lediglich 17 Prozent der befragten Führungskräfte gaben an, ihre Einstellungsaktivitäten künftig verstärkt auf Einstiegspositionen ausrichten zu wollen.
Stattdessen verlagert sich der Fokus der Personalverantwortlichen hin zu erfahrenen Fachkräften. Rund 30 Prozent der befragten CEOs planen eine verstärkte Einstellung von Mitarbeitern auf mittlerer Management-Ebene, während dieser Wert im Vorjahr noch bei 10 Prozent lag. Die Studienautoren führen diese strukturelle Veränderung primär auf den Einfluss von KI-Systemen zurück.
Aus dem Bericht geht hervor, dass insbesondere Führungskräfte mit langfristigen Planungshorizonten einen dauerhaften Personalabbau ins Auge fassen. Die Verkleinerung der Belegschaft wird dabei nicht als kurzfristige Sparmaßnahme verstanden, sondern als angestrebtes Endstadium eines durch künstliche Intelligenz erweiterten Betriebsmodells, das strukturell mit weniger menschlicher Arbeitskraft auskommt.
67 Prozent stehen noch am Anfang der KI-Entwicklung
Künstliche Intelligenz rangiert derzeit bei der Mehrheit der Vorstandsvorsitzenden unter den drei wichtigsten strategischen Prioritäten. Mehr als 90 Prozent der befragten Unternehmen befinden sich bereits in der aktiven Implementierung von KI-Technologien. Allerdings stehen 67 Prozent dieser Betriebe noch am Anfang der Entwicklung und bewegen sich in der Planungs- oder Pilotphase. Der Grund für die gezielte Reduzierung von Einstiegspositionen liegt in der Beschaffenheit der aktuellen Softwaregeneration. Die Systeme sind im gegenwärtigen Entwicklungsstadium besonders effizient darin, routinemäßige und repetitive Aufgaben zu automatisieren, die in der traditionellen Arbeitswelt typischerweise von Berufseinsteigern erledigt werden. Dazu gehören das Schreiben von einfachem Programmcode, das Zusammenfassen von Dokumenten, die automatisierte Datenberichterstattung oder die Bearbeitung einfacher Kundenanfragen.
Trotz des weitreichenden Glaubens innerhalb der Führungsetagen, dass kognitive Büroarbeit in naher Zukunft in großem Stil automatisierte werden kann, spiegeln die wirtschaftlichen Erträge diesen Enthusiasmus noch nicht flächendeckend wider. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass es noch zu früh sei, um eine verlässliche Aussage über die tatsächlichen Produktivitätsgewinne der KI-Investitionen zu treffen.
Nur 27 Prozent der CEOs gaben an, dass die Erträge aus den KI-Investitionen die ursprünglichen Erwartungen erfüllten oder übertragen. Im Vorjahr lag dieser Wert noch bei 38 Prozent. Fast ein Viertel der Unternehmen verzeichnete bislang keinerlei messbare Auswirkungen auf den Gesamtumsatz. Die Analysten von Oliver Wyman werten dies nicht als Vertrauenskrise, sondern als logische Erkenntnis, dass die skalierbare Umgestaltung von Arbeitsabläufen in der Praxis langsamer und komplexer verläuft als in der anfänglichen Begeisterungsphase angenommen.
74 Prozent der CEOs planen Einstellungsstopp
Unabhängig von der Verteilung zwischen Junior- und Senior-Positionen zeigt die Untersuchung einen übergeordneten Trend hin zu einer allgemeinen Zurückhaltung bei Neueinstellungen. Insgesamt planen 74 Prozent der befragten CEOs entweder einen vollständigen Einstellungsstopp oder eine aktive Reduzierung der Gesamtbelegschaft. Im Vorjahr lag dieser Anteil bei 67 Prozent. Die aggressivsten Einschnitte und Stellenstreichungen konzentrieren sich dabei auf die Branchen Technologie, Medien und Telekommunikation, da diese Sektoren die höchste technologische Exponierung aufweisen.
Ein interessantes Detail zeigt sich bei der isolierten Betrachtung derjenigen Unternehmen, die bereits messbare finanzielle Erträge durch den Einsatz von KI erzielen. In dieser spezifischen Gruppe ist die Bereitschaft, weiterhin junge Nachwuchskräfte einzustellen, mit 24 Prozent deutlich höher als im Durchschnitt der restlichen Unternehmen, wo der Wert bei 17 Prozent liegt.
Eine Minderheit fortgeschrittener KI-Anwender vertritt die Ansicht, dass die Technologie den Wert von Einstiegstalenten steigern kann, sofern diese über eine hohe digitale Kompetenz im Umgang mit KI-Werkzeugen verfügen und Workflows direkt um diese Systeme herum neu gestaltet werden. Dennoch bevorzugt auch in diesem Segment die Mehrheit der Entscheider den Aufbau einer Belegschaft, die sich primär auf die mittlere Ebene konzentriert und eine pyramidale Personalstruktur in eine rautenförmige Organisation verwandelt.
Langfristige Gefahren für die Ausbildung künftiger Fachkräfte
Die Strategie, kurzfristige Effizienzgewinne durch das Ersetzen von Junior-Positionen zu erzielen, birgt nach Ansicht von Arbeitsmarktexperten erhebliche langfristige Risiken für die Unternehmen selbst. Ein Personalabbau, der schneller voranschreitet als die tatsächliche Reife und funktionale Skalierung der KI-Systeme, kann zu operativen Engpässen und Verwundbarkeiten führen. Das größte Risiko besteht jedoch in der Unterbrechung der gewohnten Ausbildungsketten in den Unternehmen.
Wenn Organisationen die Anzahl der Einstiegspositionen drastisch reduzieren, entziehen sie der jüngeren Generation die Möglichkeit, praktische Berufserfahrung und spezifisches Fachwissen direkt am Arbeitsplatz zu erwerben. Helen Leis, die bei Oliver Wyman den Bereich Führung und Transformation leitet, warnt vor den Konsequenzen dieser Entwicklung. Wenn Unternehmen in der Zukunft erfahrene Fachkräfte auf mittlerer und oberer Ebene benötigen, um KI-gestützte Arbeitsabläufe zu steuern, müssen diese Personen das Geschäft und die Abläufe im Vorfeld von Grund auf erlernt haben.
Das Einstellen von Nachwuchskräften dient als essenzielle Pipeline für die Talentförderung. Das systematische Einsparen dieser Positionen gefährdet somit die zukünftige Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte, die über das notwendige strategische Urteilsvermögen und die kritische Denkfähigkeit verfügen, welche KI-Systeme kurz- und mittelfristig nicht replizieren können.