Viele Unternehmen deklarieren herkömmliche Automatisierungssoftware fälschlicherweise als künstliche Intelligenz. Experten warnen vor rechtlichen Risiken.
In der globalen Wirtschaft zeichnet sich eine deutliche Überhitzung bei der Vermarktung von Technologiebegriffen ab. Zahlreiche Unternehmen versuchen, ihr öffentliches Image radikal umzugestalten, um von der anhaltenden Dynamik im Sektor der künstlichen Intelligenz zu profitieren. Wirtschaftsbeobachter berichten, dass insbesondere Firmen aus klassischen Low-Tech-Branchen oder Anbieter einfacher automatisierter Systeme ihre bestehenden Prozesse im Rahmen von Marketingkampagnen als KI-Innovationen deklarieren.
Dieses Vorgehen führt zu einem verzerrten Bild auf dem Markt. Marktstrategen beobachten, dass die kontinuierliche Inflationierung des Begriffs KI zu einer spürbaren Sättigung bei Investoren und Kunden führt. Wenn der tatsächliche Bezug zu echten technologischen Neuerungen fehlt, schwindet das Vertrauen in die Angaben der Unternehmen. Das Bestreben der Geschäftsführungen, jede softwarebasierte Effizienzsteigerung als technologischen Durchbruch darzustellen, verschleiert zunehmend die realen technologischen Kapazitäten der Betriebe.
Beispiele für fragwürdige Produktbezeichnungen auf dem Markt
Die Bandbreite der Produkte, die im Frühjahr 2026 mit dem Etikett der künstlichen Intelligenz versehen werden, umfasst die verschiedensten Konsum- und Investitionsgüter. Im April 2026 verkündete der US-amerikanische Schuhhersteller AllBirds einen strategischen Schwenk hin zum Erwerb von Grafikprozessoren für künstliche Intelligenz, um sich als technologieorientiertes Unternehmen neu zu positionieren. Gleichzeitig nutzen Genetikunternehmen den aktuellen Markttrend, um herkömmliche Blutanalysen werblich aufzuwerten.
Auf dem Markt finden sich im Mai 2026 Ankündigungen über angeblich KI-gestützte Basketballkörbe sowie über laserbasierte Schutzsysteme für den öffentlichen Nahverkehr, deren technischer Bezug zu neuronalen Netzen unklar bleibt. Ein weiteres Beispiel aus dem Immobiliensektor zeigt, dass ein mobiles Handabtastgerät zur Erstellung von Gebäudegrundrissen als KI-Innovation vermarktet wurde. Bei genauerer technischer Betrachtung handelte es sich jedoch um eine gewöhnliche Automatisierung, die bestehende Scan-Algorithmen nutzt, um Daten schneller zu verarbeiten. Eine generative oder selbstlernende Komponente fehlte vollständig.
Kluft zwischen traditioneller Automatisierung und echter Intelligenz
Das als AI Washing bekannte Phänomen beruht auf der bewussten Verwischung der Grenzen zwischen etablierten Software-Strukturen und hochentwickelten maschinellen Lernsystemen. Unternehmen durchsetzen ihre Produktbeschreibungen systematisch mit Begriffen wie KI-gesteuert oder KI-basiert, obwohl die zugrundeliegenden Technologien oft viele Jahre alt sind. Branchenanalysen zeigen, dass ein erheblicher Teil der als KI deklarierten Anwendungen in der Realität lediglich optimierte Formen der herkömmlichen Datenverarbeitung darstellt.
Die inflationäre Nutzung dieser Bezeichnungen führt zu einer Abstumpfung bei den Endanwendern. Neben der reinen Produktwerbung versuchen Führungskräfte vermehrt, sich durch das Verweisen auf einfache, regelbasierte Chatbots auf ihren Webseiten als Experten für Digitalisierung oder staatliche KI-Förderprogramme zu inszenieren. Diese ungenaue Sprachregelung erschwert es Verbrauchern und Investoren, zwischen echter technologischer Innovation und standardmäßiger Softwareaktualisierung zu differenscheiden.
Personelle Konsequenzen und verbale Fehltritte im Corporate-Sektor
Der aggressive Wandel hin zu einem technologieorientierten Unternehmensimage vollzieht sich zeitgleich mit tiefgreifenden strukturellen Veränderungen und signifikanten Stellenstreichungen in der globalen Wirtschaft. Während Großkonzerne versuchen, ihre Identität maximal mit moderner Software zu verknüpfen, reduzieren sie im Zuge von Effizienzprogrammen oft menschliche Arbeitsplätze. In diesem Spannungsfeld kam es in der jüngeren Vergangenheit zu schweren Missverständnissen in der Unternehmenskommunikation.
Der Vorstandsvorsitzende der Bank Standard Chartered musste sich öffentlich entschuldigen, nachdem er Mitarbeiter, deren Aufgabenbereiche durch den Einsatz von Automatisierungssystemen wegfallen sollen, intern als menschliches Kapital mit geringerem Wert bezeichnet hatte. Dieser Vorfall verdeutlicht die sozialen Spannungen, die mit der Digitalisierung einhergehen. Trotz dieser internen Konflikte, der globalen Inflation und geopolitischer Unsicherheiten im Iran zeigen sich die internationalen Aktienmärkte von den Schwankungen des KI-Booms weitgehend unbeeindruckt und verzeichnen weiterhin hohe Investitionen in den Technologiesektor.
Implikationen für die IT-Governance und das Risikomanagement
Für die IT-Governance und das strategische Risikomanagement in Unternehmen birgt die Praxis des AI Washing erhebliche regulatorische und rechtliche Gefahren. Internationale Aufsichtsbehörden, wie die US-amerikanische Börsenaufsicht SEC und europäische Wettbewerbshüter, haben angekündigt, irreführende Angaben zu den tatsächlichen technologischen Fähigkeiten von Unternehmen strenger zu überprüfen und zu sanktionieren. Wenn Organisationen traditionelle statistische Modelle oder einfache Makros fälschlicherweise als künstliche Intelligenz deklarieren, um den Unternehmenswert künstlich zu steigern, drohen empfindliche Bußgelder und Reputationsschäden.
Compliance-Beauftragte müssen daher klare interne Richtlinien und Definitionen etablieren, die festlegen, welche Softwarekomponenten im Unternehmen als KI bezeichnet werden dürfen. Ein fundiertes Risikomanagement verlangt eine transparente Dokumentation der genutzten Algorithmen, Datenquellen und Validierungsprozesse. Nur durch eine sachliche und technisch korrekte Darstellung der eigenen digitalen Infrastruktur können Unternehmen das Vertrauen von Investoren und Regulierungsbehörden langfristig sichern und rechtliche Konsequenzen abwenden.