Interview

Wenn KI-Systeme über Relevanz entscheiden 

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KI-gestützte Suchsysteme verändern grundlegend, wie Inhalte im Internet gefunden und wahrgenommen werden – und stellen Unternehmen damit vor die Aufgabe, Sichtbarkeit neu zu denken: weg von Klicks und Rankings, hin zu Vertrauen, Zitierfähigkeit und inhaltlicher Autorität.

KI-gestützte Suchsysteme verändern gerade das Fundament des Webs. Was bedeutet das für die Sichtbarkeit von Marken und für Unternehmen, die im Netz gefunden werden wollen?

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    Thomas Peham: Wir erleben aktuell einen echten Paradigmenwechsel. Die klassische Suche mit „zehn blauen Links“ wird zunehmend durch KI-generierte Antworten ersetzt, die Informationen aus mehreren Quellen zusammenführen. Unsere AI Citation Study 2025 zeigt, dass dabei vor allem Corporate Websites, Medienangebote und Community-Plattformen als Quellen herangezogen werden. Für Marken bedeutet das: Sichtbarkeit entsteht jetzt primär durch Vertrauen und Zitierfähigkeit statt reinem Traffic. Nur, wenn eine KI die Inhalte einer Marke als Quelle nutzt, findet diese online auch statt.

    Dominik Angerer: Das sehen wir sehr ähnlich. Nutzer:innen klicken sich immer seltener zu Websites mit vollständigen Informationen durch, weil ihnen die zusammengefassten Antworten von KI ausreichen. Es ist daher zu wenig, einfach nur irgendwo im Web präsent zu sein. Die Inhalte müssen so strukturiert und konsistent sein, dass KI-Systeme sie verstehen, einordnen und weiterverwenden können. Sichtbarkeit entsteht dort, wo Inhalte verlässlich und eindeutig sind.

    Wie verändert sich der Begriff „Sichtbarkeit“, wenn Klicks an Bedeutung verlieren und KI-Systeme eigenständig entscheiden, welche Inhalte sie zitieren?

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      DA: Sichtbarkeit verschiebt sich von der Oberfläche – also Rankings und Klickzahlen – hin zur Substanz. Entscheidend ist, ob Inhalte in KI-Antworten vorkommen und dort korrekt wiedergegeben werden. Wenn Unternehmen widersprüchliche oder veraltete Informationen veröffentlichen, steigt das Risiko, dass KI-Systeme falsche Schlüsse ziehen oder die Quelle ganz ignorieren.

      TP: Genau. Sichtbarkeit wird qualitativ. Statt Klicks rücken Markenerwähnungen, Zitate und Sentiment in den Fokus. Wir sprechen hier von Citation Visibility, sprich: nennen KI-Suchmaschinen meine Website als Quelle? Dazu kommt Semantic Authority – also wie tief und konsistent eine Marke ein Thema abdeckt – sowie klassische Trust-Signale wie E-E-A-T. Am Ende lässt sich Sichtbarkeit zunehmend über eine Art Share of AI Voice messen.

      GEO (Generative Engine Optimization) wird oft als nächste Stufe der Suchmaschinenoptimierung bezeichnet. Worin unterscheidet sich GEO im Arbeitsalltag von klassischem SEO?

        TP: Der Unterschied ist fundamental. Klassisches SEO zielt auf Rankings für Keywords und damit auf Klicks ab. GEO hingegen fokussiert sich auf Zitierfähigkeit und Autorität. Statt über Meta-Tags oder Backlinks gilt es nun,  mittels klar strukturierter Fakten, eindeutiger Definitionen und verlässlicher Daten zu optimieren. Entsprechend verändert sich auch die Erfolgsmessung. Statt Rankings zählen Citation Rate, Markenerwähnungen und der Anteil an KI-generierten Antworten.

        DA: Wichtig zu erwähnen ist dabei, dass GEO SEO nicht ersetzt, sondern ergänzt. Unternehmen, die bereits saubere, gut strukturierte Inhalte haben, profitieren jetzt doppelt. Gleichzeitig werden Inhalte, die früher „egal“ waren – etwa veraltete Blogposts – plötzlich problematisch, weil KI-Systeme diese weiterhin aufgreifen können. Das verändert den Arbeitsalltag in Content-Teams deutlich.

        Welche Inhalte oder Formate haben eurer Erfahrung nach die besten Chancen, in KI-generierten Antworten aufzutauchen?

          TP: Unsere Analysen zeigen klare Muster. Besonders gut funktionieren präzise Definitionen, strukturierte FAQ-Seiten, How-to-Guides mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen sowie eigene Studien und Daten. Auch Vergleichstabellen und konkrete Use Cases werden häufig zitiert. Entscheidend ist, dass Inhalte für sich stehen können. Jeder Absatz sollte eine klare Aussage enthalten und faktenbasiert, aktuell sowie frei von Marketingfloskeln sein.

          DA: Aus Content-Perspektive spielt dabei die Struktur eine zentrale Rolle. Inhalte müssen so im CMS gepflegt sein, dass die Verantwortlichen sie konsistent über alle Kanäle hinweg sauber ausspielen können. Wer Daten, Definitionen und Use Cases sauber trennt und zentral verwaltet, schafft die Grundlage dafür, dass KI-Systeme diese Inhalte überhaupt korrekt erfassen und nutzen können.

          Gibt es Aspekte, auf die Unternehmen im Hinblick auf ihre Sichtbarkeit in KI-gestützten Suchsystemen besonders achten sollten?

            DA: Ein zentraler Punkt ist Konsistenz von Content. Wenn Preise, Produktinformationen oder Kernaussagen auf verschiedenen Seiten variieren, verlieren Inhalte für KI-Systeme – und schlussendlich auch für potenzielle Kund:innen – an Glaubwürdigkeit. Unternehmen sollten ihre Content-Landschaft regelmäßig überprüfen und veraltete oder widersprüchliche Inhalte bereinigen.

            TP: Wir sprechen hier oft von Content Debt. Zu viele Unternehmen setzen auf Masse statt Klasse. Veraltete Inhalte verwässern die thematische Autorität und können sogar aktiv schaden. Hinzu kommen technische Aspekte, wie beispielsweise strukturierte Daten und saubere Crawlability für KI-Bots. Viele Websites sind für Google optimiert, aber blockieren unabsichtlich KI-Crawler oder sind technisch zu komplex aufgebaut.

            Welche Ansätze helfen, Content Debt zu reduzieren, ohne an Substanz oder Sichtbarkeit zu verlieren?

              TP: Der erste Schritt ist ein systematisches Content-Audit mit GEO-spezifischen Kriterien: Stimmt der Inhalt faktisch? Ist er aktuell? Ist er zitierfähig? Danach folgt die Reduktion: veraltete Inhalte löschen, relevante Inhalte aktualisieren und thematisch ähnliche Beiträge konsolidieren. Weniger Content, dafür klare, aktuelle und autoritative Inhalte sind hier der Schlüssel.

              DA: Technisch braucht es dafür Systeme, die solche Prozesse unterstützen. Ein modernes CMS hilft, Inhalte zentral zu steuern, Versionen sauber zu verwalten und Aktualisierungen effizient auszurollen. So lässt sich Content Debt einerseits abbauen und andererseits langfristig vermeiden.

              Warum werden viele Websites in KI-Suchsystemen derzeit kaum oder gar nicht berücksichtigt – und was können Unternehmen technisch tun, um ihre Inhalte sichtbar zu machen?

                TP: Häufig verhindern blockierte KI-Crawler, JavaScript-lastige Websites ohne Server-Side-Rendering oder fehlende strukturierte Daten die Nutzung von Websites als Quelle für KI-Suchmaschinen. Auch Paywalls und substanzlose Marketingtexte sind problematisch. Unternehmen sollten ihre robots.txt prüfen, Schema.org-Markup einsetzen und sicherstellen, dass Inhalte für Maschinen klar lesbar sind.

                DA: Hier zeigt sich die Bedeutung einer sauberen Content-Architektur. Headless-Ansätze und klar strukturierte Inhalte erleichtern es, Content sowohl für Menschen als auch für KI-Systeme bereitzustellen – unabhängig vom Ausspielkanal.

                Wie lässt sich Erfolg künftig messen und welche Kennzahlen sind im Umfeld von KI-gestützter Suche sinnvoll?

                  TP: Klassische KPIs wie organischer Traffic verlieren an Aussagekraft. Stattdessen rücken Markenerwähnungen, Website-Zitate, Citation Coverage und der Share of AI Voice in den Fokus. Entscheidend ist die Frage: Taucht meine Marke in den relevanten KI-Antworten auf – und wie oft im Vergleich zum Wettbewerb?

                  DA: Diese Kennzahlen zeigen sehr gut, ob Inhalte strukturell und inhaltlich richtig aufgestellt sind. Sie helfen Unternehmen, ihre Content-Strategie neu auszurichten.

                  Habt ihr konkrete Tipps, wie sich Unternehmen auf die anstehenden Veränderungen und Herausforderungen vorbereiten können?

                    DA: Unternehmen sollten ihre Inhalte konsequent für Menschen und Maschinen denken. Dazu gehören klare Strukturen, konsistente Daten und eine enge Zusammenarbeit zwischen Marketing- und Tech-Teams.

                    TP: Ergänzend empfehlen wir ein GEO-Readiness-Audit: KI-Crawler-Zugänge prüfen, Kerninhalte auf Zitierfähigkeit testen, eine Baseline für relevante Suchanfragen definieren und gezielte Quick-Fixes umsetzen – etwa aktualisierte Definitionen, Autorenprofile und strukturierte FAQs.

                    Welche Entwicklungen erwartet ihr in den kommenden Jahren, insbesondere beim Zusammenspiel von KI, Content und Sichtbarkeit?

                      DA: Content wird zunehmend modular, automatisiert und KI-readiness-orientiert. Unternehmen publizieren weniger für einzelne Nutzer:innen, sondern stattdessen für ganze Ökosysteme aus Menschen und Maschinen.

                      TP: KI wird immer stärker entscheiden, welche Inhalte sichtbar sind. Autorität, Vertrauen und Originalität werden in Zukunft wichtiger sein als Reichweite um jeden Preis.

                      Peham

                      Thomas

                      Peham

                      CEO und Co-Founder

                      OtterlyAI

                      Thomas Peham ist CEO und Co-Founder von OtterlyAI, der AI-Search-Optimierungsplattform für über 15.000 Marketing-Professionals weltweit. Vor der Gründung war er VP of Marketing bei Storyblok und führte ein Team von 25+ Mitarbeitern. Seine Arbeit wurde in Publikationen wie Content Marketing Institute, Inc.com, T3N und OMR.com veröffentlicht.

                      Dominik

                      Angerer

                      CEO

                      Storyblok

                      Dominik Angerer (27) ist Co-Founder und CEO von Storyblok, ausgewiesener Web-Performance-Spezialist und Perfektionist. Nachdem er für große Agenturen als Full-Stack-Entwickler gearbeitet hatte, gründete er gemeinsam mit Alexander Feiglstorfer im Jahr 2017 Storyblok. Dominik ist aktives Mitglied in der Open-Source-Community und einer der Organisatoren von Stahlstadt und ScriptConf.
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