Wenn KI den Beschäftigten Zeit spart, arbeiten sie einfach mehr. Das führt zu längeren Arbeitstagen und wachsender Erschöpfung.
Forscher der UC Berkeley haben untersucht, wie sich generative KI auf die Arbeitsgewohnheiten auswirkt. Das Ergebnis ist ernüchternd: Mitarbeiter arbeiten schneller, übernehmen mehr Aufgaben und dehnen ihre Arbeitszeit aus, oft ohne dass dies von ihnen verlangt wird.
Freiwillige Mehrarbeit durch KI
Für die Harvard Business Review analysierten Aruna Ranganathan und Xingqi Maggie Ye von der Haas School of Business 40 Beschäftigte eines Tech-Unternehmens mit 200 Mitarbeitern von April bis Dezember des vergangenen Jahres. Die Probanden arbeiteten in den Bereichen Engineering, Produktentwicklung, Design, Forschung und Operations.
“Wir stellten fest, dass die Mitarbeiter in einem schnelleren Tempo arbeiteten, ein breiteres Aufgabenspektrum übernahmen und ihre Arbeit auf mehr Stunden des Tages ausdehnten, oft ohne dazu aufgefordert zu werden”, schreiben die Forscher. Das Unternehmen habe die KI-Nutzung nicht vorgeschrieben, sondern lediglich Enterprise-Abonnements für kommerzielle KI-Tools angeboten. Aus eigenem Antrieb hätten die Beschäftigten mehr gearbeitet, weil KI das “Mehr-Tun” möglich, zugänglich und oft intrinsisch belohnend erscheinen ließ.
Schleichende Arbeitsbelastung
Die Kehrseite: Die Intensität der Arbeit, längere Arbeitszeiten und die Ausweitung der Aufgaben führten dazu, dass sich die Mitarbeiter überlastet fühlten. Die Mehrarbeit fraß sich in ihre Freizeit. “Diese schleichende Arbeitsbelastung kann zu kognitiver Ermüdung, Burnout und geschwächter Entscheidungsfindung führen”, warnen die Forscherinnen. Der anfängliche Produktivitätsschub könne in schlechtere Arbeitsqualität, höhere Fluktuation und andere Probleme umschlagen.
In Interviews berichteten die Beschäftigten, dass generative KI es ihnen leichter mache, mit Aufgaben zu beginnen, die sonst einschüchternd gewesen wären. Dank der kognitiven Unterstützung durch KI übernahmen sie auch eher neue Verantwortlichkeiten, die zuvor anderen Rollen zugeordnet waren.
Allerdings mussten beispielsweise erfahrene Entwickler plötzlich die Arbeit von Programmier-Anfängern auf Fehler prüfen, “Vibecoders” anleiten und von anderen begonnene Projekte zu Ende bringen.
Arbeit ohne Pausen
Weil es so einfach wurde, Aufgaben zu starten, begannen die Probanden in Pausen, nachts und frühmorgens zu arbeiten, mit weniger natürlichen Unterbrechungen im Arbeitstag. “Was kurzfristig wie höhere Produktivität aussieht, kann schleichende Arbeitsbelastung und wachsende kognitive Belastung verschleiern, während die Mitarbeiter mehrere KI-gestützte Arbeitsabläufe jonglieren”, erklären die Forscher.
Da der zusätzliche Aufwand freiwillig und oft als angenehmes Experimentieren dargestellt werde, übersähen Führungskräfte leicht, wie viel zusätzliche Last die Beschäftigten trügen. Das könne das Urteilsvermögen beeinträchtigen, die Fehlerwahrscheinlichkeit erhöhen und nicht nachhaltige Intensität als Produktivitätszuwachs tarnen.
Gegenmaßnahmen empfohlen
Die Berkeley-Forscher empfehlen die Entwicklung von Standards gegen Burnout. Dazu gehören “bewusste Pausen”, um gegen die verschwimmenden Grenzen zwischen Rollen anzukämpfen, das Entwicklungstempo zu regulieren und sicherzustellen, dass Aufgaben nicht von den Unternehmenszielen abweichen.
“Beispielsweise könnte eine Entscheidungspause vor der Finalisierung einer wichtigen Entscheidung ein Gegenargument und eine explizite Verbindung zu den Unternehmenszielen erfordern”, schlagen die Forscher vor. Auch sollten Organisationen Projekte in kohärenten Phasen bearbeiten und bewusst voranschreiten, nicht im Tempo, das die KI ermögliche. Das Team müsse die KI führen, nicht umgekehrt.
Mehr menschliche Interaktion könne ebenfalls helfen, die erschöpfenden Effekte KI-vermittelter Arbeit zu verhindern. Kurze Gelegenheiten zum Austausch mit anderen, ob durch Check-ins, gemeinsame Reflexionsmomente oder strukturierte Dialoge, unterbrechen die kontinuierliche Solo-Arbeit mit KI-Tools und helfen, die Perspektive wiederherzustellen.