Die Verbreitung von Agentic Commerce schreitet derzeit in Deutschland und Österreich voran.
Der Modehändler Zalando hat seinen KI-Assistenten in allen 25 Märkten ausgerollt und meldete bis März 2025 mehr als zwei Millionen Nutzerinnen und Nutzer sowie fast 10 Millionen Kundeninteraktionen im ersten Quartal 2026. OTTO wiederum experimentiert mit KI-gestützten Shopping-Assistenten auf Basis von Produktbewertungen und hat 2026 Funktionen zur Produktsuche mit Apples Visual Intelligence eingeführt.
Trotz zunehmender Experimentierfreude bleibt der vollständig autonome Kauf jedoch ein Thema mit geringem Vertrauensvorschuss. Eine bevh-Umfrage aus dem Jahr 2026 zeigt, dass nur 6,3 Prozent der deutschen Onlineshopper einer KI den eigenständigen Kaufabschluss erlauben würden, während 91,7 Prozent davor zurückschrecken, Kaufentscheidungen an Shopping-Agenten abzugeben.
Die Lücke zwischen Nutzung und Vertrauen deutet darauf hin, dass Agentic Commerce vorerst ein aufkommendes Modell bleibt. Dennoch sollten sich Onlinehändler und Plattformen auf diese Welle der digitalen Transformation vorbereiten, bevor sie zur Realität im Massenmarkt wird.
Die eigentliche Herausforderung beginnt nach der Zahlung, und KI-Agenten lösen sie bislang nicht
Ein Großteil der Diskussion rund um Agentic Commerce dreht sich um den Moment des Kaufs. Ein KI-Agent findet ein Produkt, vergleicht Optionen, wählt eine Zahlungsmethode und stößt im Namen der Nutzer*innen eine Transaktion an. Für Plattformen ist das jedoch nur der erste Schritt.
Agentic AI endet am Checkout. Die eigentliche Herausforderung beginnt nach der Zahlung. Sobald eine Zahlung eingegangen ist, setzt eine Reihe finanzieller und operativer Prozesse ein. Gelder müssen gegebenenfalls auf mehrere Parteien verteilt, Plattformgebühren eingezogen, Währungen umgerechnet, Guthaben gehalten, Compliance-Prüfungen abgeschlossen, Auszahlungen terminiert und Transaktionen abgestimmt werden. Die Kaufentscheidung mag also autonom erfolgen, die Bewegung des Geldes bleibt komplex.
In Multi-Party-Payment Umgebungen kann eine einzige Transaktion Käufer, Verkäufer, Plattformen, Dienstleister, Logistikpartner, Affiliates und weitere Beteiligte umfassen. Jede dieser Parteien kann unterschiedliche Anforderungen an Settlement, Auszahlungsrhythmen, Währungen und Compliance mitbringen. Programmierbare Zahlungsinfrastrukturen können Gelder automatisch aufteilen, Gebühren einziehen, Wallet-Guthaben verwalten, Auszahlungen auslösen, FX-Umrechnungen ausführen und vordefinierte Geschäftsregeln anwenden. Compliance-Prozesse wie KYC, KYB, AML-Screening und Transaktionsmonitoring sind dabei direkt in die Zahlungsflüsse eingebettet und nicht als separate Vorgänge organisiert.
Daraus ergibt sich eine wichtige Frage: Wenn eine programmierbare Zahlungsinfrastruktur bereits Automatisierung über den gesamten Transaktionslebenszyklus hinweg bietet, welche Rolle bleibt dann für Agentic AI? Wie erwähnt liegt die unmittelbarste Wirkung vermutlich am Punkt des Kaufs. Darüber hinaus wird die operative Komplexität des Bewegens und Verwaltens von Geld bereits von programmierbaren Zahlungsinfrastrukturen abgedeckt. Agentic AI kann beeinflussen, wie Transaktionen ausgelöst werden, sie ersetzt jedoch nicht die Infrastruktur, die zu ihrem Abschluss nötig ist.
Agentic AI eröffnet also neue Möglichkeiten, die zentralen Schmerzpunkte im Payment bleiben aber operativer Natur. Regulatorische Compliance, Onboarding, Reconciliation und Dispute Management bestimmen weiterhin die Komplexität von Plattformen. Agentic AI kann die Nutzererfahrung verbessern, doch der Einsatz sollte sorgfältig daraufhin bewertet werden, ob er echte Prioritäten adressiert oder lediglich Neuheit ohne operativen Mehrwert hinzufügt.
Worauf sich Unternehmen jetzt vorbereiten sollten
Mit Blick nach vorn sollten alle Unternehmen, die sich mit Agentic AI beschäftigen, die folgenden Punkte kennen und idealerweise aktiv angehen:
Agentic AI bringt einen neuen Stakeholder in Commerce und Payments
Schaut man auf alle Beteiligten der Payments-Branche, kommt womöglich eine weitere Gruppe hinzu: die Bot-Betreiber, genauer gesagt die Unternehmen, die diese Agenten bauen. Für Händler und Plattformen können damit neue Akquisitionskosten entstehen, und sie müssen ihre Ökonomie auf KI-getriebene Referrals ausrichten. Das Geschäftsmodell hinter Agentic Commerce ist das klassische Referral-Modell: Kommt eine Transaktion über einen KI-Agenten zustande, wird eine Gebühr fällig.
Vertrauen und Kontrolle werden zu Wettbewerbsfaktoren
Sobald Agenten eigenständig handeln, müssen Entscheidungen mit der Absicht der Nutzerinnen und Nutzer im Einklang bleiben und gegen Missbrauch abgesichert sein. Mehrparteiige Zahlungen erhöhen das Risikoprofil, da Gelder automatisch aufgeteilt, gehalten oder freigegeben werden können, ohne dass ein Mensch eingreift.
Kontrollmechanismen wie Berechtigungen, Autorisierungsgrenzen und Verifizierungsverfahren für Agenten werden deshalb entscheidend. Vertrauen wird zum zentralen Differenzierungsmerkmal, wenn agenteninitiierte Zahlungen skalieren. Plattformen, die nicht erklären oder steuern können, wie sich Werte bewegen, werden Schwierigkeiten haben, das Vertrauen ihrer Nutzer zu halten.
Zahlungsinfrastrukturen müssen für Agenten lesbar werden
Die bestehenden Payment-Rails erfüllen weiterhin ihren Zweck, denn sie bieten bereits die Grundlagen für Autorisierung, Settlement, Geldbewegung und Reconciliation. Die entscheidende Veränderung durch Agentic AI betrifft die Daten, die in diese Rails einfließen.
Agenten benötigen maschinenlesbare Produktkataloge, aktuelle Preise, Bestandsinformationen, Versanddaten, Händlerrichtlinien und weitere kommerzielle Daten. Hinzu kommt, dass agenteninitiierte Aktionen eine höhere Datendisziplin verlangen. Ohne strukturierte und verlässliche Inputs treffen Agenten womöglich falsche Annahmen, Transaktionen scheitern, und Nutzererfahrung wie Vertrauen leiden.
Zahlungsinfrastruktur vor Agenten-Features priorisieren
Payment-Verantwortliche sollten sich auf praktische Vorbereitung konzentrieren. Der Austausch über neu entstehende Protokolle und Standards der Zahlungsnetzwerke wird essenziell sein, damit agenteninitiierte Zahlungen über Händler und Payment-Rails hinweg autorisiert, ausgeführt und abgestimmt werden können.
Agentic AI kann Anreize und Transaktionslogik beeinflussen, doch die Ausführung von Fund-Splitting, konditionalen Auszahlungen und Settlement leistet eine programmierbare Zahlungsinfrastruktur am besten. Diese Fähigkeiten existieren bereits und liefern die Kontrolle und Vorhersehbarkeit, die mehrparteiige Zahlungsflüsse erfordern.
Payment Service Provider mit flexibler Steuerung mehrparteiiger Flows und starken Risikotools für Plattformen sind gut aufgestellt, um diesen Übergang zu begleiten. Plattformen, die jetzt handeln, ebnen den Weg in die Agentic-Ära und ermöglichen verantwortungsvollen Commerce.