Die europäische Industrie steht vor einem Paradigmenwechsel: Insbesondere Produktionsunternehmen im Maschinen- und Anlagenbau sehen sich seit einigen Jahren zunehmend verschärften Anforderungen an das Reporting ausgesetzt.
Neben der klassischen Fertigungssteuerung rücken systematisch erfasste CO2-Emissionen, Energieverbräuche sowie detaillierte Gefahrstoff- und Chemikalieninformationen in den Fokus.
Für Unternehmen der Losgröße 1+ bedeutet dies eine erhebliche Komplexitätssteigerung bei der Datenerfassung, -verarbeitung und -dokumentation, beispielsweise im Rahmen des sogenannten ESG-Reportings (Environmental Social Governance). Eine erfolgreiche Umsetzung ist zwar mit einigem konzeptionellen Aufwand verbunden, bietet jedoch die Möglichkeit, die Transparenz in den Produktions- und Lieferkettenprozessen zu erhöhen und so die Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern. Genau an dieser Stelle kommt durchgängigen ERP-Systemen eine tragende Rolle zu, die als zentrale Datenplattformen die technischen, organisatorischen und regulatorischen Dimensionen systematisch vernetzen.
Ursachen der Komplexität
Projekte der Losgröße 1+ sind geprägt von hoher Variantenvielfalt, häufigen fertigungsbegleitenden Konstruktionsänderungen und individuellen Kundenanforderungen. Diese Spezifika erschweren die konsistente Erfassung von Kennzahlen entlang der gesamten Prozesskette.
Neben den klassischen Fertigungsdaten müssen zunehmend CO2-Verbrauchswerte, Energieverbräuche und Gefahrstoffinformationen in Echtzeit vorliegen und weiterverarbeitet werden. Regulatorisch wird diese Komplexität durch EU-weite Vorgaben verstärkt, die bereits bestehende Pflichten u.a. zur Chemikalienregistrierung (REACH) und zur Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) ergänzen. Hieraus ergibt sich ein mehrschichtiges Dokumentations- und Berichtssystem, das sich auf vier Ebenen gliedert:
➤ Stoffebene: Registrierung und Klassifizierung von Chemikalien (z. B. REACH, IUCLID)
➤ Betriebs- und Arbeitsplatzebene: Internes Gefahrstoffmanagement und Schutzmaßnahmen
➤ Produktebene: Materialdeklarationen und Meldungen zu SVHC-Stoffen (z. B. SCIP-Datenbank)
➤ Lieferkettenebene: Informationsweitergabe via Sicherheitsdatenblätter und Compliance-Dokumente
Die Herausforderung besteht darin, diese Ebenen mit heterogenen Datenquellen und Prozessen in Einklang zu bringen und durchgängig im ERP-System abzubilden.
Zentrale Drehscheibe für Nachhaltigkeits- und Gefahrstoffdaten
ERP-Systeme nehmen in der Einzel- und Projektfertigung die Rolle als „Single Source of Truth“ ein. Produktions-, Lager-, Einkaufs- und Auftragsdaten werden zentral in ihnen verwaltet. Die Erweiterung um CO2– und Gefahrstoffdaten schafft nun die notwendige Datenbasis für konsistente und auditierfähige Sustainability- und Compliance-Berichte.
Dabei kommt das ESG-Reporting von ams.erp ins Spiel, das es ermöglicht, unterschiedliche gesetzliche Vorgaben (REACH, GefStoffV, AwSV, CSRD) mit Blick auf die Dokumentation, die Nachverfolgbarkeit und die Berichtsqualität zu erfüllen, ohne redundante Datenerfassungen oder Medienbrüche zu produzieren. Dies beinhaltet u. a. die Erfassung von CO2-Emissionen und Energieverbräuchen auf verschiedenen Aggregationsstufen, z.B. auf Unternehmens-, Anlagen-, Auftrags- oder Auftragspositionsebene.
Es beinhaltet zudem die Verwaltung von Gefahrstoffinformationen je Lagerort oder Arbeitsplatz, inklusive Mengenangaben, Einstufungen und Sicherheitsdatenblättern. Es sorgt außerdem für die Verknüpfung von Verbrauchswerten mit Kostenstellen, Arbeitsplätzen und Aufträgen zur realitätsnahen Zuordnung von Emissionen und Gefahrstoffen. Die automatisierte Übernahme von Lieferanteninformationen und externen Messsystemen über die Programmierschnittstelle ams.erp API ermöglicht eine nahtlose Integration und ist ebenso Bestandteil wie die Unterstützung von Compliance-Prozessen durch integrierte Workflows, Audit-Trails und Freigabemechanismen.
Organisation, Prozesse und Technologie
Die Integration des Sustainability- und Compliance-Reporting sowie des Gefahrstoffmanagements in bestehende Fertigungs-IT-Landschaften erfordert ein systemisches Vorgehen. Organisatorisch müssen die Verantwortlichkeiten für Datenpflege, Compliance und Reporting klar definiert sein. Die Schulung des Personals und die Zugänglichkeit zu relevanten Dokumenten sind essenziell. Prozessseitig sind die Erfassung von Stoffdaten über alle Bereiche hinweg zu standardisieren – angefangen beim Einkauf über die Fertigung bis hin zu Versand und Service.
Die Verwendung pauschaler Werte für Gefahrstoff- und Energieverbrauchsdaten, beispielsweise die Kilowattstunden pro Arbeitsplatz beim Schweißen, erleichtern die Datenpflege ohne individuelle Erhebung. Technologisch ist die Vernetzung von ERP mit MES, Energiemanagementsystemen und Gefahrstoffdatenbanken erforderlich, um Datenbrüche zu vermeiden und Transparenz zu schaffen. Die Architektur folgt dem Prinzip der Datenharmonisierung: ams.erp fungiert dabei als zentraler Datenhub, in dem die relevanten Kennzahlen erfasst werden. Durch diese Verzahnung wird die Datenqualität verbessert, die Auditierbarkeit gewährleistet und die Flexibilität gegenüber zukünftigen regulatorischen Änderungen erhöht.
| Motor für nachhaltige Wertschöpfung |
| Die Integration von CO2-Fußabdruckserfassung und Gefahrstoffmanagement in in ERP-Systeme ist ein entscheidender Schritt zum effizienten Sustainability- und Compliance-Reporting für die Losgröße 1+. Die ams.Solution AG engagiert sich im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Entwicklung einer Online-IT-Plattform, die interoperable Services zur automatisierten Datenerfassung und -analyse des CO2 -Fußabdrucks in Logistik- und Produktionsprozessen bietet. Das Ziel des Forschungsprojekts besteht darin, generelle Informationen zum CO2 -Fußabdruck großer Anlagen zu verarbeiten, zu bewerten und den teilnehmenden Unternehmen bereitzustellen. Ein mögliches Nutzungsszenario könnte sein, dass Mittelständler die vorliegenden Daten zu bestimmten Bauteilen entstehender Maschinen an die Online-Plattform übermitteln. Dort werden diese Informationen analysiert und berechnet, woraufhin die Einsender einen prognostizierten CO2 -Wert zurückerhalten. Für mittelständische Produktionsunternehmen im Maschinen- und Anlagenbau sowie verwandten Branchen ist ein effizientes Sustainability- und Compliance-Reporting heute unverzichtbar. Die Komplexität aus Variantenvielfalt, regulatorischen Anforderungen und heterogenen Datenquellen lässt sich nur durch ein integriertes, systemorientiertes Vorgehen bewältigen, bei dem das ERP-System als zentrale Datenplattform dient. Nur so kann der Mittelstand die steigenden regulatorischen Anforderungen meistern und gleichzeitig seine Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig sichern. Die Verbindung von CO2 -Bilanzierung, Gefahrstoffdokumentation und Lieferketten-Compliance direkt in ams.erp schafft Transparenz, optimiert Ressourceneinsatz und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit. Dabei ist die nachhaltige Steuerung von Produktionsprozessen und Lieferketten ein strategisches Zukunftsthema, das über reine Berichtspflichten hinausgeht und als Chance für Innovation und Differenzierung genutzt werden sollte. |
Nachhaltigkeit als Wettbewerbsfaktor
Die proaktive Umsetzung eines integrierten Sustainability- und Compliance-Reportings ist für mittelständische Produktionsunternehmen auch eine Chance, denn sie schafft Transparenz über Ressourceneinsätze und Emissionen und ermöglicht die Optimierung von Prozessen sowie eine effizientere Ressourcennutzung. Damit lassen sich nicht nur Kosten senken. Vielmehr wird die Position gegenüber den Kunden gestärkt, die zunehmend Nachhaltigkeitskriterien verlangen. Die transparente Dokumentation fördert zudem die Attraktivität als Arbeitgeber in einem zunehmend umkämpften Fachkräftemarkt. Nachhaltigkeit wird damit zum Wettbewerbsvorteil, der sich in Produktqualität, Kostenstruktur und Marktreputation niederschlägt.
| Gesetzliche und regulatorische Einbettung – Konsequenzen für die Prozessgestaltung |
| Die Vielzahl der relevanten EU-Vorschriften führt zu einem mehrdimensionalen Regulierungsumfeld: ➤ Die CSRD erweitert die Berichtspflichten auf etwa 15.000 Unternehmen in Deutschland, verlangt detaillierte Daten zu Umwelt-, Sozialund Governance-Aspekten und führt zu neuen Anforderungen an Datenkonsistenz und Nachvollziehbarkeit. ➤ Die CSDDD verpflichtet vor allem große Unternehmen, menschenrechtliche und ökologische Risiken in ihren Lieferketten systematisch zu analysieren und zu steuern. ➤ Die EU-Taxonomie definiert, welche wirtschaftlichen Aktivitäten als nachhaltig gelten und verlangt Offenlegungen zu nachhaltigen Umsätzen und Investitionen. ➤ Parallel bestehen etablierte Pflichten aus der REACH-Verordnung, CLP-Regelungen, der Gefahrstoffverordnung, der AwSV (Verordnung über Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen) und produktspezifischen Normen (z. B. RoHS). Für den Mittelstand bedeutet dies, dass bestehende Gefahrstoff- und Energieverbrauchsdaten in einem erweiterten Kontext zu betrachten und zu nutzen sind. Die Prozessgestaltung muss sicherstellen, dass Daten nicht nur für die Arbeitsschutzdokumentation, sondern auch für Nachhaltigkeitsberichte und Lieferkettentransparenz konsistent und aktuell vorliegen. |
Dr. Mirjam Müller, ams.Solution AG
Guido Piech, ams.Solution AG