Der Versuch, ein Problem mit einer Lieferung, einer Buchung, einem Produkt oder Vertrag zu lösen, wird schnell zum digitalen Spießroutenlauf. Statt tatsächlicher Abhilfe warten KI-Chatbots, automatisierte FAQs und Textbausteine. Das sorgt für reichlich Kundenfrust und zeigt immer deutlicher: Die Automatisierung kundengerichteter Prozesse hat Grenzen.
Die Situation kennt inzwischen fast jeder. Eine falsche Rechnung, ein Ausfall, eine verspätete Lieferung, eine Retoure oder eine gestrichene Reiseverbindung: Irgendein konkretes Problem veranlasst einen dazu, Hersteller oder Dienstleister zu kontaktieren. Dabei drängt sich oft der Eindruck auf, dass Unternehmen vor allem eines erreichen wollen: möglichst wenig mit ihren Kunden sprechen.
Wenn Service vor allem Kosten sparen soll, ist es kein Service
Der freundliche Bot, zugunsten eines persönlicheren Eindrucks gern mit putzigem Namen oder freundlichen Äuglein versehen, „versteht“ zwar, dass man genervt ist, und wurde offensichtlich darauf trainiert, möglichst deeskalierend zu wirken. Lösungen hat die KI-Schnittstelle allerdings selten anzubieten. Dafür umso mehr zeitraubende Schleifen, die vor allem geeignet sind, Antragsteller zur Aufgabe zu bewegen.
Viele Unternehmen verkaufen diese Entwicklung als Fortschritt. Kunden erleben sie zunehmend als Bankrotterklärung jeden Servicegedankens.
Wer ein Bollwerk statt Lösungsansätze erlebt, verliert Vertrauen
Die vergangenen Jahre standen ganz im Zeichen maximaler Effizienz. Prozesse sollten skalierbar werden, Support-Kosten sinken, Standard-Servicefälle automatisiert abgearbeitet werden. KI wirkte dabei wie ein Katalysator. Das ist in vielen Fällen sinnvoll. Niemand braucht für eine einfache Adress- oder Lieferdatumsänderung ein Callcenter mit Warteschleife und Fahrstuhlmusik. Kritisch wird es, wenn Unternehmen echte Serviceorientierung nur noch als Kostenfaktor betrachten und auch für komplexere Anwendungsfälle schlecht oder verzögert erreichbar sind. Dabei entscheidet sich genau in schwierigen Situationen, wie belastbar die Kundenbeziehung tatsächlich ist. Kunden akzeptieren Probleme, Verzögerungen und selbst Fehler oft erstaunlich gelassen. Was sie nicht akzeptieren, ist das Gefühl, mit ihrem Anliegen allein gelassen zu werden. Und sie erinnern sich nur kurz daran, dass etwas perfekt funktioniert hat, aber sie vergessen nicht, wie ein Unternehmen reagiert hat, als etwas nicht funktioniert hat.
Nicht alles ist automatisierbar
Besonders paradox: Viele Unternehmen investieren enorme Summen und Resspurcen in Markenaufbau, Marketingkampagnen und aufwändig designte Customer Journeys – nur um das aufgebaute Vertrauen in schlecht aufgesetzten Supportprozessen gleich wieder zu verspielen. Wer in einer Krise ausschließlich automatisierte Standardantworten liefert, verliert.
Die Vorstellung einer vollständig automatisierten Customer Experience klingt nur auf PowerPoint-Folien gut. In der Realität sind Kundenanliegen selten so standardisiert, wie es die farbigen Diagramme im Strategiepapier suggerieren. Kunden erwarten von Anbietern die Fähigkeit, auf ihre spezifische Situation einzugehen, anstatt Automatisierung um jeden Preis zu betreiben. Der Kunde, bei dem die Installation eines Smart Meters, wie vom Energieanbieter beim Vor-Ort-Besuch selbst festgestellt, aus technischen Gründen nicht möglich ist, möchte keine wöchentlichen, automatisierten Erinnerungen, doch bitte einen installationstermin zu vereinbaren.
Menschlicher Service wird wieder zum Unterscheidungsmerkmal
Genau deshalb gewinnen Unternehmen mit gut erreichbarem, kompetentem Service derzeit wieder an Profil. Nicht trotz der zunehmenden Automatisierungswelle, sondern gerade wegen ihr. Der Trend erfasst aktuell interessanterweise junge Zielgruppen, der die Marktforschung zuschreibt, „digitalaffin“ zu sein und lieber zu chatten als zu telefonieren. Die oft wiederholte Annahme, Gen Z wolle grundsätzlich nur noch mit Bots kommunizieren, greift jedoch zu kurz. Gerade die erste Generation der „digital natives“ hat ein feines Gespür dafür, ob Technologie intelligent eingesetzt wird oder nur dazu dient, Personal einzusparen und Kontaktmöglichkeiten abzubauen.
Entsprechend mehren sich inzwischen die Anzeichen, dass Kunden einer übermäßigen Automatisierung kritisch gegenüberstehen. Eine repräsentative Bitkom-Umfrage unter deutschen Online-Käufern zeigt, dass klassische Servicekanäle weiterhin deutlich beliebter sind als automatisierte Chatbot-Interaktionen. Während mehr als die Hälfte der Befragten Zugang zu einer telefonischen Kundenhotline wünscht und 43 Prozent einen Live-Chat mit einem menschlichen Ansprechpartner bevorzugen, sprechen sich 36 Prozent für die Nutzung von Chatbots aus. Die Ergebnisse legen nahe, dass Kunden digitale Serviceangebote nicht grundsätzlich ablehnen. Sie unterscheiden jedoch sehr genau zwischen Situationen, in denen Automatisierung einen echten Mehrwert schafft, und solchen, in denen menschliche Unterstützung unverzichtbar bleibt. Unternehmen sollten diese Zahlen in ihre Überlegungen einbeziehen und sorgfältig abwägen, wie und wo sie KI im Kundenkontakt einsetzen.
Technologie kann Arbeit abnehmen, aber niemals Verantwortung
Moderne CRM-Systeme und KI-gestützte Customer Experience-Plattformen können Unternehmen enorm entlasten, insbesondere in komplexen oder dynamischen Situationen. Wenn Flugpläne kurzfristig angepasst werden müssen, Lieferketten stocken oder Supportvolumen aufgrund eines Ausfalls explodieren, braucht es Systeme, die Informationen intelligent orchestrieren und schnelle Reaktionen ermöglichen.
Gerade in solchen Situationen zeigt sich, wie wichtig intelligente CRM-Strukturen inzwischen geworden sind. Moderne Customer Experience-Plattformen analysieren Anfragen in Echtzeit, priorisieren Fälle, schlagen passende Lösungen vor und helfen dabei, Kommunikationsflüsse über Service, Marketing und operative Bereiche hinweg sauber zu koordinieren. Das sorgt nicht nur für effizientere Abläufe, sondern vor allem für mehr Transparenz und Verlässlichkeit auf Kundenseite.
Kunden bewerten das Ergebnis, nicht die eingesetzte Technologie
Gleichzeitig zeigt sich eine wachsende Diskrepanz zwischen der Sicht vieler Unternehmen und den Erwartungen ihrer Kunden. Intern wird Kundenservice häufig an Automatisierungsgrad, Effizienzgewinnen und Kostenersparnis gemessen. Kunden interessiert dagegen vor allem, ob und wie ihr Problem gelöst wird. Erreichbarkeit, Verständlichkeit und Verlässlichkeit spielen für die Wahrnehmung von Service oft eine größere Rolle als die eingesetzte Technologie.
Diese unterschiedliche Perspektive gewinnt zunehmend an Bedeutung. Darauf weisen Branchenbeobachter hin, die eine wachsende Unzufriedenheit mit automatisierten Serviceprozessen und eine neue Wertschätzung persönlicher Betreuung verzeichnen.
Fazit
Technologie kann Prozesse beschleunigen, Informationen bündeln und Service-Teams entlasten. Dadurch entstehen Freiräume für die Situationen, in denen Empathie, Entscheidungsfähigkeit und Fingerspitzengefühl gefragt sind. Sie kann jedoch nicht die Verantwortung für die Kundenbeziehung übernehmen. Unternehmen, die Automatisierung als Unterstützung statt als Barriere begreifen und einsetzen, schaffen für Ihre Kunden genau den Unterschied, der im Problemfall zählt: das Gefühl, dass sich jemand kümmert.
| Veranstaltungshinweis Zoho ist am 1. und 2. Juli als offizieller Partner und Aussteller beim ruhrSUMMIT 2026 (r26), einem Start-up- und Business-Festival im Ruhrgebiet, vertreten. Suvish Viswanathan steht vor Ort für Fragen zu Customer Experience und Kundenservice zur Verfügung. |