NFTs: Viele Einsatzbereiche, aber nicht jeder ist überzeugt

Kunst, Musik, Kommunikation: Könnte all das durch eine neue Technologie umgekrempelt werden? Einige sind davon überzeugt, andere üben Kritik.

«STOP ASKING ME TO DO NFT’s» (Hört auf mich zu bitten, NFTs zu machen), schrieb der US-Rapstar Kanye West kürzlich auf seinem Instagram-Profil. Dabei ist das Thema aus der Hip-Hop-Welt kaum noch wegzudenken: Der Berliner Rapper Kool Savas beispielsweise verkaufte das Textblatt zu seinem Hit «King of Rap» vergangenen Oktober als NFT für 30 000 Euro. Im Dezember wurde die erste SMS der Welt für 107 000 Euro als NFT verkauft und im Sommer 2021 der erste Quellcode für das World Wide Web (WWW) für umgerechnet rund 4,8 Millionen Euro.

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NFT steht für Non-Fungible Token (deutsch: nicht austauschbare Wertmarke). Es sind digitale Echtheitszertifikate, die auf fassbare Objekte oder virtuelle Güter verweisen. Es kann zwar beliebig viele identische Kopien eines Objektes geben, aber nur ein NFT kann als Original gelten und ist so nur einem Besitzer zuzuordnen.

Die digitalen Codes sind in aller Munde. Insbesondere in der Kunst- und Musikbranche versprechen sich viele von den digitalen Zertifikaten neue Geschäftsmodelle. Manche Fachleute sind zudem überzeugt, dass NFTs auch unsere Art der Kommunikation umkrempeln könnten. Was ist dran an dem Hype? Welches Potenzial haben NFTs – und welche Risiken?

Auf dem Kunstmarkt herrscht seit Anfang 2021 ein wahrer NFT-Boom. Unzählige digitale Bilder werden auf speziellen Websites wie «OpenSea» als NFTs verkauft. Philipp Sandner, Professor an der Frankfurter School of Finance & Management, steht dem Markt allerdings kritisch gegenüber. Diese «Bildchen» sind für ihn eher Statussymbole, aber keine Kunst – wie eine Uhr oder eine Kette in der Realität.

So wie sich Preise und Hypes nach einem Boom auf anderen Märkten normalisieren, so werde es letztlich auch hier der Fall sein, sagt Sandner. «Irgendwann glaube ich schon, dass sich zeigen wird, dass einige Bildchen einen Wert entfalten, wie eben eine teure Uhr; und dass andere vielleicht einen kleinen Wert haben werden. So wie eine Plastikkette.»

Das sehen Johanna Neuschäffer und Anne Schwanz, Gründerinnen der Galerie «Office Impart» in Berlin anders: «Für manche ist es Prestige, aber für manche auch die Liebe zur digitalen Kunst», sagen sie. Sie sehen in NFTs vor allem Vorteile und verweisen zum Beispiel auf sogenannte Royalties. Das sind gewissermaßen Lizenzgebühren, über die Künstlerinnen und Künstler an jedem Weiterverkauf des NFT mitverdienen. Das sei in dieser Form neu in der Kunstwelt, sagt Neuschäffer. Weitere Vorteile: NFTs seien transparent, Handel und Preise jederzeit einsehbar und sie könnten nicht gefälscht werden. All das sei auch auf andere Märkte übertragbar.

Doch wie vertragen sich NFTs mit dem herkömmlichen Kunstmarkt? «Digitale Kunst wird Malerei nicht ablösen, aber als neues Medium selbstverständlicher wahrgenommen werden. Der Kunstmarkt wird sich einfach diverser gestalten», sagen die Gründerinnen.

Auch in der Musikbranche haben NFTs laut Eva Kiltz von der Musikkonferenz «Most Wanted: Music» das Potenzial, eine Qualität in das Musikgeschäft zurückzubringen. Denn mit dem Aufkommen von MP3 und diversen Streaming-Plattformen verschwand etwas: Die Einzigartigkeit.

Heute könne jede Musikdatei unendliche Male kopiert und weiter gereicht werden. Sie sei also ein quasi-öffentliches Gut. «Es könnte sein, dass dieses nicht mehr exklusive Gut, also die Musikaufnahme – zumindest in Teilen – abgelöst wird durch eine neue Einzigartigkeit. Möglich macht dies die digitale Eignerschaft, die ich über NFTs herstellen kann», erklärt Kiltz.

Sicherere Online-Meetings durch NFTs?

Die Musikaufnahme an sich könne zwar weiterhin kopiert und weitergereicht werden. Das autorisierte Einzelstück habe aber nur einen Besitzer. «Ich stelle mir vor, dass die Zukunft der Musikindustrie auch weiterhin aus vielen verschiedenen Nutzungsformen besteht, die sich an den Bedürfnissen der verschiedenen Nutzergruppen ausrichten: Streaming ist niedrigschwellig und massenkompatibel wie Radio, ein NFT-Drop eher etwas für Liebhaber und Sammler wie Vinyl», sagt Kiltz.

Bleibt noch der Blick auf die Kommunikation. Floris Henning berät mit seiner Firma andere Unternehmen etwa zum Thema Digitalisierung. Aus seiner Sicht könnten NFTs etwa digitale Meetings sicherer machen. Denn ein NFT diene als eine Art Zugangscode für einen digitalen Raum. Dieser lasse sich im Unterschied zu einem Zugangscode für die gängigen Kommunikationsplattformen nicht kopieren und frei verteilen, meint Henning.

Ein weiterer NFT-Vorteil aus seiner Sicht: Ein konventioneller Zugangscode, der zu einer bestimmten Kommunikationsplattform gehöre, sei auch an diese Plattform gebunden. Ein personalisierter NFT-Code könnte aber plattformunabhängig genutzt werden, erklärt er.

Insgesamt gibt es noch einen Nachteil, der auf alle Branchen zutrifft und den sowohl Henning als auch Sandner nennen: Durch die Fülle verschiedenster Projekte sei es schwer einzuschätzen, welche NFTs einen echten Wert und Potenzial haben und welche unseriös und vielleicht sogar nur reine Abzocke seien. Außerdem sagt Henning: «Es gibt dieses Wild-West-Phänomen, also dass die Grenzen und Regeln für die Nutzung noch nicht richtig stehen.»

Autor: Oliwia Nowakowska, dpa

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