Zwei Themen bestimmen derzeit die Diskussion in der europäischen Cloud- und Rechenzentrumsbranche wie kaum andere: digitale Souveränität und die zunehmende Knappheit an Speicherkapazität. Wie sehr beide die Branche umtreiben, zeigte sich auch beim CloudFest 2026, wo sie zu den alles überragenden Schwerpunkten zählten.
Was in den Vorjahren noch als ferne Vision oder Marketingversprechen gehandelt wurde, ist inzwischen zur konkreten Anforderung geworden, getrieben vor allem durch den rasanten Aufstieg künstlicher Intelligenz. Doch was sagen die betroffenen Unternehmen selbst dazu, die diesen Druck täglich spüren?
Vom Schlagwort zur Anforderung
Die Debatte um digitale Souveränität hat eine neue Ernsthaftigkeit erreicht. „Souveränitäts- und AI-Washing ist vorbei. Was gestern Vision war, ist heute Anforderung und der Markt sortiert sich gerade in klare Gewinner und Verlierer“, bringt es Dr. Lennart Gaida von Impossible Cloud auf den Punkt. Die Zeit der unverbindlichen Bekenntnisse scheint vorüber, Anbieter müssen liefern.
Allerdings ist der Begriff der digitalen Souveränität dehnbar. Viele Unternehmen schreiben ihn sich inzwischen auf die Fahne, doch je nachdem, wie man ihn auslegt, sind längst nicht alle zu hundert Prozent souverän. Mal geht es um den reinen Speicherort der Daten, mal um die rechtliche Kontrolle, mal um die vollständige technologische Unabhängigkeit von außereuropäischen Anbietern. Wo genau ein Angebot in diesem Spektrum steht, verschwimmt im Marketing nicht selten.
Wie sehr geopolitische Entwicklungen die europäische Souveränitätsdebatte befeuern, zeigte sich in einer beiläufigen Bemerkung am Rande der Veranstaltung. „Trump ist unser bester Salesman“, sagte ein Teilnehmer zu seinen Kollegen, ein zynischer, aber vielsagender Kommentar dazu, wie sehr die Abhängigkeit von US amerikanischen Technologieanbietern derzeit als Risiko wahrgenommen wird und europäischen Souveränitätslösungen Auftrieb gibt.
Wie konkrete Lösungen für mehr Datenhoheit aussehen können, zeigt das Unternehmen Cubbit. Co-Gründer und Co-CEO Alessandro Cillario erläutert den Ansatz seines Unternehmens: „‚Geolocating‘ ist die Funktion, mit der festgelegt wird, in welchem Land oder an welchen Standorten die Daten gespeichert werden dürfen. Dabei werden die Daten verschlüsselt, in mehrere Teile zerlegt und über verschiedene definierte Orte verteilt, statt zentral an einem einzigen Server zu liegen. Das ist besonders nützlich für Unternehmen, die bestimmte Anforderungen an Datenresidenz, Sicherheit oder Compliance erfüllen müssen.“ Damit adressiert Cubbit Anforderungen wie die DSGVO und die Datenresidenz unmittelbar auf technischer Ebene.
Speicherknappheit als wachsendes Problem
Parallel zur Souveränitätsdebatte rückt ein handfestes infrastrukturelles Problem in den Vordergrund: die globale Knappheit an Speicherkapazität. Mit dem Aufkommen neuer KI getriebener Geschäftsmodelle geraten Cloud Service Provider, Hyperscaler und OEM Serverhersteller in der gesamten EU zunehmend unter Druck.
Der NAND Flash Spezialist Phison Electronics baut seine Pascari Produktpalette für den europäischen Markt aus. „Europäische Organisationen stehen unter dem Druck, ihre KI Infrastruktur zu skalieren, während sie gleichzeitig mit Lieferengpässen, Anforderungen an die Energieeffizienz und Fragen der Datensouveränität jonglieren müssen“, erklärt Michael Wu, President und General Manager von Phison. Mit den Pascari Gen5 SSDs und der hauseigenen aiDAPTIV Technologie wolle das Unternehmen Speicherengpässe beseitigen und größere KI Workloads ermöglichen, sowohl auf kompakten Systemen als auch auf Servern in lokalen Umgebungen. Um den Zugang zu den Lösungen in der EU zu verbreitern, hat Phison Partnerschaften mit Plattform, Server und PC Anbietern wie AIC und InWin geschlossen.
Seagate: hochkapazitive Festplatten als Antwort auf das Datenwachstum
Auch der Festplattenhersteller Seagate adressiert die Speicherproblematik. Maarten Guijt, Vice President Europe Sales, der 2022 zu Seagate gestoßen ist, verweist darauf, dass KI Daten seit 2023 in immer größerem Umfang anfallen. „Mozaic und mehr Flächendichte ist unsere Antwort darauf“, sagt er.
Künstliche Intelligenz habe, so der Tenor, den Wert von Daten neu definiert und die Ökonomie der Datenspeicherung grundlegend verändert. Unternehmen stünden zunehmend unter Druck, ihre Speicherkapazitäten zu erweitern, um dem unaufhörlichen Datenwachstum gerecht zu werden, und müssten gleichzeitig die Speicherkapazität pro Quadratmeter, das Energiebudget und die Kostenstrukturen optimieren. Mehr denn je hänge der Erfolg von Unternehmen davon ab, inwieweit sie ihre Speicherinfrastruktur in gleichem Maße wirtschaftlich und nachhaltig skalieren.
Wie dringend solche Antworten sind, verdeutlichen die Prognosen des Marktforschungsinstituts IDC: Demnach wächst die weltweite Datenmenge von 72 Zettabyte im Jahr 2020 auf 527 Zettabyte bis 2029. Ein enormes Wachstum, das neue Speichertechnologien notwendig macht.
Wie weit die Technik inzwischen ist, zeigt die jüngste Generation der Plattform: Mozaic 4+ ist die neue, nächste Generation von Seagates HAMR Festplattenplattform (Heat Assisted Magnetic Recording) und bietet mit bis zu 44 TB die bisher höchste Speicherkapazität je Festplatte der Industrie. Da die Flächendichte der einzelnen Scheiben in einer Festplatte der Hauptfaktor für die Gesamtkapazität einer Festplatte ist, verbessert eine drastisch erhöhte Flächendichte die Speichereffizienz pro Quadratmeter im Rechenzentrum und senkt zugleich den Stromverbrauch pro Terabyte. In großangelegten KI, Cloud und Unternehmensumgebungen seien die Auswirkungen tiefgreifend: Eine höhere Speicherkapazität pro Festplatte erlaube es Betreibern, den ROI ihrer Rechenzentrumsflächen zu verbessern, die Gesamtbetriebskosten zu verringern und die mühsame Abwägung zu vermeiden, welche Daten behalten und welche gelöscht werden müssen.
Fazit
Digitale Souveränität und Speicherknappheit sind für die europäische Branche keine abstrakten Zukunftsthemen mehr, sondern bestimmen den unmittelbaren Handlungsdruck der Gegenwart. Die KI Revolution verschärft beide Herausforderungen gleichzeitig, und der Markt beginnt, sich entsprechend neu zu ordnen.