Ein anonymer Software-Entwickler beschreibt in einem viralen Beitrag, wie Claude Code seinen Arbeitsalltag auf stundenlanges Enter-Drücken reduziert hat.
Ein Software-Entwickler, der aus Sorge vor Konsequenzen seines Arbeitgebers unter dem Pseudonym voxium auf der Plattform X postet, hat mit einer Beschreibung seines Arbeitsalltags für Aufsehen gesorgt. Er bezeichnet seine neue Rolle bei einem nicht genannten Unternehmen als „seelenraubend“, ausgelöst durch den zunehmenden Einsatz von Anthropics Coding-Tool Claude Code.
Zwölf bis dreizehn Stunden nur für Bestätigungen
Laut voxium erstellt Claude Code in seinem Unternehmen inzwischen nahezu alles selbst, von Produktspezifikationen über Tests bis hin zu Tickets und Berichten. In einem am Sonntag veröffentlichten Beitrag schrieb er:
„Hier weiß niemand mehr etwas. Die Leute arbeiten zwölf bis dreizehn Stunden am Tag, nur um Enter zu drücken.“
voxium, Software-Ingenieur
Der Druck, Produkte möglichst schnell auszuliefern, lasse den Mitarbeitenden kaum Zeit, die von Claude erzeugten Ergebnisse zu überprüfen oder den entstandenen Code überhaupt zu verstehen.
I am done with this shit. It is over. The state of engineering right now is horrible. It has been half a month since I started a new role at a big company. Nobody knows anything here. The specs, code, tests, PRDs, tickets, resolution of those tickets, reports, etc., everything is…
— voxium (@v0xium) September 20, 2026
Kein Verständnis mehr für den eigenen Code
Voxium erklärte, das Vorgehen würde ihn weniger stören, wenn den Mitarbeitenden mehr Zeit zur Überprüfung des Codes eingeräumt würde. Nach seiner Beschreibung führen inzwischen praktisch alle Ingenieure, von der Einstiegsstufe bis zur höchsten Karrierestufe, dieselbe Tätigkeit aus: mit Claude zu sprechen. Ein Erfolgserlebnis oder das eigenständige Lösen von Fehlern gebe es dabei kaum noch.
Gegenüber Business Insider erklärte er, sollten Ingenieure die Möglichkeit verlieren, Code zu verstehen und schwierige Probleme selbst zu lösen: „Wenn Ingenieure die Möglichkeit verlieren, den Code zu verstehen und schwierige Probleme zu lösen, bleibt nichts übrig … nicht einmal unsere Seele. Es wird keinen Sinn mehr geben.“ Als eigentliches Problem benannte er dabei nicht die Technologie selbst, sondern eine Unternehmensführung, die Erfolg vor allem an Sprintzyklen, Pull Requests und der schieren Anzahl ausgelieferter Funktionen misst, selbst wenn diese für die Nutzer kaum einen Mehrwert bringen.
Reaktionen aus der Tech-Branche
Der Beitrag löste zahlreiche Reaktionen aus. Mehrere andere Programmierer schrieben, die beschriebene Situation ähnle der Lage in ihren eigenen Unternehmen, verbunden mit der Sorge, dass Claude künftig noch mehr Aufgaben im Entwicklungsprozess übernehmen und dadurch Stellen wegfallen könnten. Unter den prominenten Reaktionen war auch die von Tesla- und SpaceX-Chef Elon Musk, der lediglich mit seinem bekannten Ausruf „Yikes“ kommentierte. Chamath Palihapitiya, Co-Moderator des All-In-Podcasts, warnte, KI verwandle eine ganze Generation technischer Fachkräfte in Menschen, die lediglich „einen Knopf vor Spielautomaten drücken“.
Der Fall reiht sich in eine Reihe kritischer Berichte über den Einsatz von KI-Coding-Werkzeugen ein. Bereits 2025 hatte eine Studie gezeigt, dass KI-Programmierassistenten erfahrene Entwickler bei bestimmten Aufgaben eher verlangsamen als beschleunigen können. Seither wird zunehmend von einer Entwicklung hin zum sogenannten Loop Engineering berichtet, bei dem sich KI-Systeme gegenseitig mit neuen Anweisungen versorgen. Als Beispiel für mögliche Risiken solcher Automatisierung hatte im April ein KI-Agent auf Basis von Claude über einen einzelnen API-Aufruf an seinen Cloud-Anbieter innerhalb von neun Sekunden die Produktivdatenbank eines Start-ups samt Backups gelöscht.
(red)