Seit den VMware-Lizenzänderungen fragen sich viele Unternehmen, ob Open Source die bessere Wahl ist. Doch es geht um weit mehr als Kosten. Yves Sandfort, CEO der comdivision consulting GmbH, zeigt, worauf es bei der Entscheidung wirklich ankommt.
.Seit den Veränderungen im VMware-Lizenzmodell begegnet mir in nahezu jedem Kundengespräch dieselbe Frage: „Sollten wir nicht lieber auf Open Source umsteigen?“
Die Frage ist nachvollziehbar. Steigende Lizenzkosten lassen viele Unternehmen über Plattformen wie Proxmox, OpenStack oder KVM nachdenken. Was mich dabei überrascht: Die Diskussion endet häufig bei den Lizenzkosten, dabei geht es um etwas viel Grundsätzlicheres, nämlich: Welches Betriebsmodell passt zu den Fähigkeiten, Ressourcen und strategischen Zielen meines Unternehmens? Denn nicht die Technologie entscheidet über den Erfolg einer Plattformstrategie, sondern die Fähigkeit einer Organisation, diese langfristig sicher und wirtschaftlich zu betreiben.
Warum ich Open Source grundsätzlich positiv sehe
Wer mich kennt, weiß: Ich stehe Open Source keineswegs kritisch gegenüber. Linux, Kubernetes oder Terraform zeigen, wie Innovation entsteht, wenn Wissen geteilt wird.
Ein Aspekt wird oft ausgeblendet: Open Source funktioniert nur nachhaltig, wenn Anwender nicht nur konsumieren, sondern Verantwortung übernehmen, finanziell oder durch Engagement in den Communities. Wer Open Source nur als Kosteneinsparung sieht, verkennt die eigentliche Idee: Open Source ist nicht kostenlos, sondern ein anderes Wirtschafts- und Verantwortungsmodell.
VMware ist weit mehr als nur ein Hypervisor
VMware wird häufig auf ESXi reduziert. Tatsächlich ist VMware Cloud Foundation eine integrierte Plattform, bei der Compute, Netzwerk, Storage, Security und Support eng verzahnt sind.
Wer sich für Open Source entscheidet, ersetzt daher selten nur einen Hypervisor, sondern baut oft einen Stack aus Betriebssystem, Storage, Netzwerk, Management, Monitoring und Backup – mit eigenen Release-Zyklen. Das ist nicht automatisch schlechter, oft sogar flexibler. Doch die Verantwortung für Integration verlagert sich vom Hersteller auf das Unternehmen selbst – hier beginnt die Herausforderung.
Die Frage ist nicht, wer Support anbietet, sondern wer verantwortlich ist
„Wir haben doch einen Dienstleister für Gesamtsupport“, höre ich oft. Stimmt, aber die entscheidende Frage stellt sich erst an dem Tag, an dem etwas schiefläuft.
Eine kritische Störung, die Hypervisor, Netzwerk und Storage gleichzeitig betrifft, entsteht oft im Zusammenspiel mehrerer Hersteller-Technologien. Wer übernimmt dann Verantwortung und Fix? Ein Dienstleister kann koordinieren, die eigentliche Korrektur muss aber oft von mehreren unabhängigen Herstellern kommen. Der Unterschied zwischen „jemand hilft mir“ und „jemand ist verantwortlich“ zeigt sich erst in solchen Momenten.
Security wird in Zukunft noch wichtiger
Die Sicherheitslandschaft verändert sich rasant: Hatten Unternehmen früher Tage oder Wochen Zeit zu reagieren, werden Lücken heute teils binnen Stunden automatisiert ausgenutzt, KI beschleunigt dies zusätzlich.
Offener Quellcode bietet einen Vorteil: Lücken können von jeder Person gefunden werden. Doch dieselbe Transparenz nutzt auch Angreifern. Entscheidend ist deshalb nicht, ob eine Lücke entdeckt wird, sondern wie schnell ein Unternehmen reagiert – ein verfügbarer Patch schützt nicht, ein installierter schon.
Die eigentlichen Kosten entstehen oft nach der Migration
Bei VMware-Alternativen konzentriert sich die Diskussion oft auf Lizenzkosten – die aber nur einen Teil der Gesamtbetrachtung ausmachen. Neue Plattformen bedeuten neue Prozesse: Teams müssen geschult, Monitoring und Security neu aufgebaut werden, dazu kommen oft unterschätzte Testaufwände.
Meine Erfahrung zeigt ein wiederkehrendes Muster: Eingesparte Lizenzkosten werden in den ersten Jahren oft vollständig reinvestiert – nicht weil Open Source teurer wäre, sondern weil Wissen und Betriebskompetenz nicht kostenlos entstehen. Wer schon heute Schwierigkeiten hat, Fachkräfte zu finden, sollte das bedenken.
Worum geht es eigentlich, um IT oder um das Geschäft?
Möglicherweise diskutieren wir über die falsche Frage. In vielen Debatten rückt die Infrastruktur selbst in den Mittelpunkt – dabei ist sie selten der eigentliche Zweck eines Unternehmens. Ein Maschinenbauer verkauft Maschinen, ein Logistiker Waren, ein Krankenhaus behandelt Patienten. Die IT ist kein Endprodukt, sondern ein Werkzeug für geschäftliche Ziele.
Ein Blick in andere Branchen hilft: Ein produzierendes Unternehmen baut seine Werkzeugmaschinen normalerweise nicht selbst, sondern kauft bewährte Lösungen ein – weil Zeit, Kapital und Expertise dort investiert werden sollen, wo ein Wettbewerbsvorteil entsteht. Warum sollte das in der IT anders sein?
Manche Unternehmen wollen Infrastrukturkompetenz bewusst als strategische Fähigkeit aufbauen – für sie kann Open Source enorme Vorteile bieten: mehr Kontrolle, Flexibilität, Unabhängigkeit. Andere wollen vor allem eine stabile, kalkulierbare Plattform – für sie kann eine integrierte Plattform trotz höherer Lizenzkosten wirtschaftlich besser sein.
Deshalb lautet die wichtigste Frage nicht „Was kostet die Lizenz?“, sondern: „Wo möchten wir die Zeit unserer besten Experten investieren?“ In unser Kerngeschäft oder in den Aufbau einer Infrastrukturplattform? Beides kann richtig sein – aber beides führt zu sehr unterschiedlichen Konsequenzen.
Checkliste: Sind wir wirklich bereit für eine Open-Source-Strategie?
- Verfügen wir über ausreichend internes Know-how für Betriebssystem, Netzwerk, Storage, Virtualisierung und Automatisierung?
- Haben wir genug Personal, um mehrere Plattformkomponenten langfristig zu betreiben?
- Wer trägt bei kritischen Störungen die tatsächliche Verantwortung für die Fehlerbehebung?
- Können wir Sicherheitsupdates schnell testen und produktiv ausrollen?
- Sind Schulungen, Zertifizierungen und Wissensaufbau realistisch budgetiert?
- Verfügen wir über geeignete Test- und Validierungsumgebungen?
- Haben wir ausreichend Automatisierung, um zusätzliche Komplexität beherrschbar zu machen?
- Ist die Geschäftsführung bereit, anfänglich höhere Investitionen und längere Transformationsphasen zu akzeptieren?
- Können und wollen wir die eingesetzten Open-Source-Projekte aktiv unterstützen?
- Treffen wir die Entscheidung aus strategischen Gründen oder nur aufgrund der Lizenzrechnung?
Fazit
Die Diskussion über Open Source und kommerzielle Plattformen wird häufig zu emotional geführt, dabei gibt es keine universell richtige Antwort.
Open Source bietet Transparenz, Flexibilität und die Möglichkeit, technologische Abhängigkeiten zu reduzieren – erfordert aber mehr Verantwortung, Fachwissen und eigenes Engagement. Kommerzielle Plattformen wie VMware Cloud Foundation bieten dagegen Integration, klare Verantwortlichkeiten und einen hohen Grad an Standardisierung.
Beides kann erfolgreich sein. Beides kann scheitern. Der entscheidende Faktor ist nicht die Technologie, sondern die Organisation dahinter. Deshalb sollte die Entscheidung niemals allein auf Basis von Lizenzkosten getroffen werden.
Am Ende geht es um eine viel grundlegendere Frage: Betreiben wir IT, um IT zu betreiben, oder betreiben wir IT, um unser Geschäft erfolgreicher zu machen? Genau mit der Antwort darauf beginnt die richtige Plattformstrategie.