Open-Source-Sicherheit

Ein Kill-Switch für die globale Cybersicherheit

Kill Switch

Die größte Schwachstelle der Open-Source-Sicherheit ist nicht der Code, sondern ihre Governance. Ein Plädoyer für ein globales, föderiertes Modell statt eines zentralen Gatekeepers.

Ein koordinierter Ansatz, um Open Source abzusichern, ist überfällig. Doch wenn die sensibelsten Sicherheitsdaten der Welt durch eine einzige Rechtsordnung laufen, entsteht genau die Schwachstelle neu, die dieser Ansatz eigentlich beseitigen soll.

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Vor rund drei Wochen ordnete eine Exportkontrollrichtlinie der Vereinigten Staaten an, den Zugang zu zwei führenden KI-Modellen auszusetzen. Die entscheidende Fähigkeit dieser Modelle bestand darin, Software-Schwachstellen in großem Maßstab aufzuspüren. Die Anordnung galt für alle ausländischen Staatsangehörigen, unabhängig davon, ob sie sich innerhalb oder außerhalb der Vereinigten Staaten befanden. Eine Ausnahme für Verbündete oder Partner gab es nicht. Auch NATO-Mitglieder waren davon nicht ausgenommen. Dem betroffenen Unternehmen blieb keine andere Wahl, als die Vorgabe umzusetzen und die Funktion innerhalb weniger Stunden für alle abzuschalten.

Als unmittelbare Reaktion wurde eine neue Initiative angekündigt, die den gesamten Lebenszyklus der Behebung von Schwachstellen koordinieren soll. Das ist eine entschlossene Antwort auf einen realen Notfall. Künstliche Intelligenz hat nicht nur die Kosten für das Schreiben von Software fast auf null gesenkt, sondern auch die Kosten für das Auffinden und Ausnutzen von Software-Schwachstellen. Früher brauchte ein Experte Wochen, um in einem wichtigen Projekt einen gravierenden Fehler zu finden. Heute braucht eine Maschine dafür Minuten. Das Aufspüren von Schwachstellen ist die eine Seite der Medaille, ihr Management und ihre Koordination die andere. Maintainer auf der ganzen Welt, die die Open-Source-Software betreuen, auf die sich wiederum unsere Banken, Krankenhäuser oder Stromnetze verlassen, geraten an ihre Grenzen. Ein koordinierter Ansatz, der diese Verteidigungsarbeit bündelt, doppelte Arbeit vermeidet, Schwachstellen sektorübergreifend priorisiert und behebt und zugleich die unspektakuläre Wartung finanziert, auf die kritische Infrastrukturen im Hintergrund angewiesen sind, ist überfällig.

Doch ebenso wichtig wie die Existenz eines solchen Projekts ist die Art, wie es geführt wird. Die Frage lautet nicht, ob es Koordination geben sollte, sondern wie sie gesteuert wird. Nach der derzeitigen Ausgestaltung würde sie den womöglich sicherheitssensibelsten Datensatz der Welt entstehen lassen: ein einziges Repository bekannter Open-Source-Schwachstellen, zu dem Mitgliedsorganisationen frühzeitig und vertraulich Zugang erhalten, noch bevor Sicherheitsupdates verfügbar sind. Es liegt nahe anzunehmen, dass dieses Repository in den Vereinigten Staaten angesiedelt wäre, der US-Rechtshoheit unterläge und potenziell in den Zugriff der US-Behörden für nationale Sicherheit geriete.

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Uns wurde gerade auf denkbar direkte Weise vorgeführt, warum das jeden Stakeholder und jede Regierung außerhalb Washingtons beunruhigen sollte.

Ein reales Szenario, keine Hypothese

Die Aussetzung auf Grundlage der Exportkontrolle war kein Gedankenspiel. Sie war der praktische Beweis, dass ein einzelnes Zugangstor kein verteiltes Gemeingut steuern kann. Open Source ist kein Produkt, das von einem Ort aus geliefert wird. Es ist ein globales, föderiertes Modell der Softwareentwicklung mit Millionen Mitwirkenden, tausenden unabhängigen Projekten, Maintainern auf jedem Kontinent und Abhängigkeiten, die jede Grenze überschreiten. Genau diese Verteilung macht seine Widerstandsfähigkeit aus. Ganz ähnlich wie bei dem verteilten Netzwerk, auf dem die heutige Internet-Infrastruktur beruht, gibt es keinen einzelnen Ausfallpunkt, keinen einzelnen Eigentümer und keinen einzelnen Schalter. Die Behebung seiner Schwachstellen über ein einziges zentrales Repository unter nur einer Rechtsordnung zu lenken, widerspricht damit genau der Architektur, die Open Source überhaupt erst vertrauenswürdig macht. Zugleich schafft ein solches Modell genau den einzelnen Ausfallpunkt, den die verteilte Struktur vermeiden sollte.

Koordination ist notwendig, Zentralisierung ist der Fehler. Ihre Governance sollte die Grundarchitektur von Open Source und der globalen Gemeingüter widerspiegeln. Ein verteiltes Gemeingut verlangt nach föderierter Aufsicht – also nach interoperablen Knoten, die sich an gemeinsamen Best Practices orientieren – nicht nach einem gemeinsamen Gatekeeper. Nur ein Modell föderierter Aufsicht kann sicherstellen, dass Offenlegung und Behebung tatsächlich mit derselben Geschwindigkeit wie die Bedrohung durch das Netzwerk fließen und dass keine einzelne Rechtsordnung, kein Unternehmen und kein Server darüber entscheidet, wer sich wann verteidigen darf.

Die Aussetzung auf Grundlage der Exportkontrolle war nicht die erste Warnung. Das Common Vulnerabilities and Exposures Programme, also das Benennungssystem, auf dem praktisch das gesamte Ökosystem zur Behebung von Schwachstellen aufbaut, wird von einer einzigen US-Non-Profit-Organisation betrieben und ausschließlich von der US-Regierung finanziert. Im vergangenen Jahr war es nur noch wenige Tage von einem Ausfall entfernt, als diese Finanzierung beinahe unterbrochen wurde. Das Problem war kein Angriff, sondern eine gewöhnliche Haushaltskürzung, also die Entscheidung einer einzigen Regierung. Die Auswirkungen wären global gewesen.

Zwei Beispiele, zwei unterschiedliche Mechanismen, in einem Fall Exportkontrolle, im anderen Haushaltsanpassungen, und beide deuten auf dieselbe strukturelle Tatsache. Keine einzelne Organisation und keine einzelne Regierung sollte die Schlüssel zu unserer gemeinsamen globalen Infrastruktur in der Hand halten.

Drei Präzedenzfälle, eine Lehre für Europa

Die unmittelbare europäische Antwort könnte darin bestehen, ein Gegenmodell aufzubauen. Ein regionales Repository, ein europäisches Zugangstor, eine souveräne Alternative. Ähnlich wie in den Monaten nach der Finanzierungskrise, als sowohl die EU als auch eine separate internationale Koalition eigene Systeme zur Kennzeichnung von Schwachstellen aufbauten, könnte die EU eine europäische Initiative schaffen. Dieser Impuls ist nachvollziehbar, aber er löst das Problem eines fehlenden verteilten Governance-Modells nicht. Fragmentiertes Gemeingut ist schwächeres Gemeingut, und eine Verteidigungslandschaft, die entlang von Rechtsordnungen aufgeteilt ist, hilft am Ende nur Angreifern.

Die Lehre lautet nicht, dass diese regionalen Systeme und Initiativen nicht existieren sollten. Die Lehre lautet, dass regionale Initiativen sich föderieren müssen, statt ihre Maßnahmen in einer einzigen Initiative aufgehen zu lassen. Dafür braucht es eine gemeinsame, neutral gesteuerte Ebene unterhalb dieser Initiativen – und keinen Gatekeeper in jeder Hauptstadt. Die Welt hat schon früher mit gemeinsamen, grenzüberschreitenden und bei Missbrauch gefährlichen Ressourcen umgehen müssen, und die tragfähige Antwort war nie Fragmentierung. Sie bestand in einer öffentlich-privaten Partnerschaft auf neutralem Boden.

Interessante Beispiele, aus denen sich lernen lässt, sind das Funkspektrum, die Nukleartechnik und lebensrettende Arzneimittel. Keine dieser Ressourcen wird perfekt gesteuert oder verwaltet, und besonders im nuklearen Bereich gibt es gute Gründe, das Modell als gescheitert anzusehen. Trotzdem lohnt es sich, alle diese Beispiele noch einmal zu betrachten.

Das Funkspektrum ist endlich, unsichtbar und unbrauchbar, wenn alle gleichzeitig senden. Seit 1906 wird es nicht durch eine Weltregierung gesteuert, sondern durch einen gemeinsamen Vertrag unter dem Dach der Internationalen Fernmeldeunion. Das Ziel war nicht, eine Weltregierung für Funkwellen zu schaffen. Souveräne Staaten behielten das Recht, ihren eigenen Nutzern Lizenzen zu erteilen. Was sie aufgaben, war das Recht, schädliche Störungen über Grenzen hinweg zu verursachen. Stattdessen akzeptierten sie einen gemeinsamen Vertrag, ein gemeinsames Register für Frequenzzuweisungen und ein dauerhaftes Verfahren, um konkurrierende Ansprüche aufeinander abzustimmen.

Die Kerntechnik, der schwierigste Fall, weil dieselbe Fähigkeit, die eine Stadt mit Energie versorgt, auch eine ganze Nation vernichten kann, wurde in das Modell „Atoms for Peace“ und die Internationale Atomenergie-Organisation eingebettet. Staaten erhielten garantierten Zugang zu friedlichen Anwendungen, wenn sie im Gegenzug Schutzvorkehrungen und Inspektionen akzeptierten. Eine neutrale Organisation hielt beide Seiten zusammen. Bemerkenswert ist, dass die Vereinigten Staaten dieses System initiierten und einberiefen, die Institution selbst jedoch neutral in Wien angesiedelt und multilateral gesteuert wurde. Der Urheber war nicht der Eigentümer.

Lebensrettende Medikamente, die durch Patente geschützt waren, wurden nicht durch Enteignung zugänglich gemacht, sondern durch die Public-Health-Flexibilitäten des TRIPS-Abkommens sowie durch gepoolten, abgestuften Zugang, der neutral verwaltet wurde. So behielt ein privater Innovator seine Rechte, während öffentliche Stellen den Zugang zu nichtdiskriminierenden Bedingungen absicherten.

Drei verschiedene Technologien, drei verschiedene Krisen, eine wiederkehrende Struktur. Ein Modell öffentlich-privater Partnerschaft, bei dem die öffentliche Seite die Regeln und die Zugangsgarantie bereitstellt, die private Seite die technische Substanz liefert und die Kontrolle darüber behält, und ein vertrauenswürdiger Vermittler auf neutralem Boden für Stabilität sorgt. Keines dieser Modelle erforderte die Erfindung eines neuen Souveräns. Und keines erlaubte es dem mächtigsten Beteiligten, zugleich Gatekeeper zu sein. Perfekt war keines dieser Modelle, aber alle können als Fallstudien dienen, um eine Lösung für die aktuelle Krise der Softwaresicherheit zu finden.

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Ein konstruktiver Weg nach vorn

Dies ist kein Aufruf, die begonnene Arbeit aufzugeben. Es ist ein Aufruf, das Konzept zu Ende zu denken. Die strukturelle Beobachtung und die historische Perspektive weisen in dieselbe Richtung. Der Initiative muss ein Governance-Rahmen gegeben werden. Gefordert ist ein dauerhaftes, belastbares und nachhaltiges Modell auf Grundlage der Institutionen, die wir bereits haben. Öffentliche Stellen können Legitimität und Zugangsgarantie liefern, private Anbieter können die technische Umsetzung beisteuern, und ein verteiltes Netzwerk von Open-Source-Stewards kann koordinieren und bewährte Verfahren austauschen.

Drei Zusagen würden aus einer vielversprechenden Ankündigung eine tragfähige Initiative machen.

  • Erstens sollte sie als Partnerschaft mit mehreren Anspruchsgruppen ausgestaltet werden und nicht als Repository unter Kontrolle einer einzigen Stelle. Föderierte Knoten sollten über gemeinsame Offenlegungspraktiken interoperabel zusammenarbeiten.
  • Zweitens sollte eine verbindliche Nichtdiskriminierungszusage für den Zugang zu KI-gestützten Sicherheitsfähigkeiten gelten, damit keine Exportanordnung und kein anderes nationales Instrument die gegenseitige Überprüfung und Verteidigung des Codes abschalten kann, auf dem die ganze Welt aufbaut.
  • Drittens sollten die Funktionen zur Unterstützung von Maintainern und zur Koordination von Offenlegungen auf neutralem institutionellem Boden angesiedelt werden, damit die Verwahrung von unter Embargo stehenden Schwachstellen multilateral gesteuert wird und nicht im Ermessen eines einzelnen Staates oder eines einzelnen Unternehmens liegt.

Vor diesem Hintergrund sollen die oben beschriebene strukturelle Beobachtung und die historische Einordnung dazu einladen, über die neu angekündigte Initiative hinauszudenken und einen Governance-Rahmen um sie herum aufzubauen. Das Zeitfenster, um die entsprechenden Weichen zu stellen, ist derzeit offen, aber nicht für immer. Wir können das globale Gemeingut gemeinsam absichern, wenn wir nicht zulassen, dass im Zuge seiner Verteidigung eine einzige Rechtsordnung bestimmt, wer geschützt wird und wer nicht.

Catharina Maracke

Catharina

Maracke

VP Legal and Public Policy

Eclipse Founda

Catharina Maracke ist eine erfahrene Expertin für Recht und politische Rahmenbedingungen und verfügt über mehr als 20 Jahre Führungserfahrung in den Bereichen geistiges Eigentum und Open-Source-Governance.
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