Der Ausfall eines petrochemischen Komplexes in Saudi-Arabien führt zu einem Mangel an PPE-Harz. Die Preise für Leiterplatten stiegen um 40 Prozent.
Ein Produktionsausfall in einem petrochemischen Industriekomplex in Jubail, Saudi-Arabien, belastet die weltweite Elektronik-Lieferkette. Die dortigen Anlagen, die von einem Gemeinschaftsunternehmen der Konzerne Dow und Saudi Aramco betrieben werden, stehen seit Ende März still. Die Schließung erfolgte zunächst aus Sicherheitsgründen aufgrund von Transportrisiken im Zuge von Konflikten in der Straße von Hormus, gefolgt von Raketenangriffen am 6. und 7. April.
Jim Fitterling, Vorstandsvorsitzender von Dow, prognostizierte eine Dauer von mehr als 275 Tagen, bis sich die Logistik und die Lieferketten wieder normalisieren. Der betroffene Komplex deckte bislang rund 70 Prozent des weltweiten Bedarfs an hochreinem Polyphenylenether-Harz (PPE-Harz) ab. Dieser Rohstoff ist entscheidend für die Hitzebeständigkeit und Signalintegrität von Leiterplatten in Smartphones, Laptops und Servern.
Auswirkungen auf die Leiterplatten-Produktion
Der plötzliche Lieferstopp hat zu einem deutlichen Preisanstieg bei gedruckten Schaltungen geführt. Daten des Herstellers TTM und Marktberichte von Goldman Sachs zeigen, dass die Preise für Leiterplatten zwischen März und April um bis zu 40 Prozent gestiegen sind. TTM kündigte Preisanhebungen zwischen 5 und 25 Prozent an. Auch der Nvidia-Zulieferer Victory Giant in China warnte vor steigenden Kosten. Die Lieferketten-Expertin und Professorin Usha Haley von der Wichita State University fasste die Situation zusammen:
„Die Produktion ist nun zum Stillstand gekommen, und es gibt keinen alternativen Lieferanten, um die Lücke zu füllen. Die Preise für Leiterplatten sind innerhalb eines Monats um 40 Prozent gestiegen, und die Lieferzeiten für Epoxidharz-Einsatzstoffe haben sich von drei auf fünfzehn Wochen verlängert.“
Usha Haley, Lieferketten-Expertin und Professorin von der Wichita State University
Die globale Produktion von Leiterplatten hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark verlagert. Während im Jahr 2000 noch rund 30 Prozent der weltweiten Platinen in den USA gefertigt wurden, liegt dieser Anteil heute bei etwa 4 Prozent, während China die Produktion dominiert.
Konsequenzen für die Elektronikbranche und Endprodukte
Da das Spezialharz eine fundamentale Komponente darstellt, lässt es sich nicht kurzfristig ersetzen. Ein Austausch erfordert die Neuentwicklung der Platinen sowie langwierige Zulassungs- und Zuverlässigkeitstests. Mark Vena, Analyst bei SmartTech Research, erklärte zu den Folgen für den Markt: „Leiterplatten sind das Nervensystem jedes modernen Geräts, und wenn die Kosten für Platinen in die Höhe schießen, überträgt sich der Schmerz schnell auf Telefone, Laptops, Wearables, Spielekonseln, Router und KI-Server“.
Die Preissteigerungen dürften zuerst Produktlinien mit geringen Gewinnmargen wie PCs, Zubehör und Mittelklasse-Smartphones treffen. Auch faltbare Smartphones sind aufgrund ihrer komplexen Bauweise anfällig. Während die Verkaufspreise von Flaggschiff-Modellen wie dem iPhone 17 oder dem Samsung Galaxy S26 kurzfristig stabil bleiben könnten, erwarten Experten im Herbst sichtbare Auswirkungen auf Rechenzentren und 5G-Telefone.
Sridhar Tayur, Professor für Operations Management an der Carnegie Mellon University, wies darauf hin, dass Großkonzerne wie Apple bei einem anhaltenden Mangel kaum Handlungsspielraum haben: „Sie können nicht viel gegen Engpässe tun, wenn es einfach nicht da ist.“
(red)