Digitale Denkmalpflege

Project Silica: Warum Microsofts Glasspeicher die IT für 10.000 Jahre verändert

Microsoft

Während Festplatten oft schon nach fünf Jahren schlapp machen, brennt Project Silica von Mircosoft Daten für die Ewigkeit in Quarzglas. Warum Glas-Discs immun gegen Feuer und EMP sind, aber die DSGVO und Versicherungen vor ein monumentales 10.000-Jahre-Dilemma stellen.

Festplatten rotieren, Magnetbänder verspröden und SSDs verlieren ohne Strom ihre Ladung. In einer Welt, die Daten am laufenden Band produziert, kämpfen IT-Entscheider gegen das „Digital Dark Age“. Das beschreibt das Risiko, dass Informationen in nur wenigen Jahrzehnten unlesbar werden. Doch Microsoft hat mit Project Silica den Durchbruch erzielt: Speicherung in Quarzglas, die Jahrtausende überdauert. Warum dieses „ewige Archiv“ für Medizin und Jura zum Gamechanger wird, aber Personalabteilungen und Versicherungen vor völlig neue ethische Abgründe stellt.

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Stellen Sie sich vor, Sie müssten eine Information so speichern, dass sie nicht nur Ihre Enkel, sondern auch Archäologen im Jahr 12.026 n. Chr. noch lesen können. Herkömmliche Rechenzentren sind für diese Aufgabe so ungeeignet wie eine Sandburg für den Schutz vor einer Flutwelle. Der durchschnittliche Lebenszyklus eines digitalen Speichermediums beträgt heute drei bis fünf Jahre für HDDs und vielleicht zehn bis zwanzig Jahre für hochwertige LTO-Bänder. Danach beginnt der „Data Rot“, der schleichende Verfall der Bits.

Microsoft Research hat mit Project Silica eine Technologie zur Marktreife geführt, die das Paradigma der Kurzlebigkeit bricht. Durch den Einsatz von Femtosekunden-Lasern werden Daten in Form von „Voxeln“ (dreidimensionalen Pixeln) direkt in hochreines Quarzglas geätzt. Im Februar 2026 wurden neue Geschwindigkeitsrekorde beim Schreiben und Lesen durch KI-gestützte Mikroskopie-Verfahren erzielt, die das System nun für den kommerziellen Einsatz in regulierten Branchen attraktiv machen.

Die Technik: Wenn Licht auf Quarz trifft

Das Prinzip hinter Project Silica ist ebenso elegant wie robust. Ein Ultrakurzpulslaser verändert die physikalische Struktur des Glases dauerhaft. Anders als bei einer CD, bei der nur die Oberfläche zerkratzt werden kann, liegen die Daten hier im Inneren des Materials. Das Glas dient gleichzeitig als Träger und Schutzschicht.

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  • Resilienz: Quarzglas ist unempfindlich gegenüber elektromagnetischen Impulsen (EMP), die herkömmliche Serverräume in Sekundenbruchteilen löschen könnten.
  • Hitzebeständigkeit: Das Material übersteht Temperaturen von bis zu 1.000 °C, was es praktisch brandsicher macht.
  • Passivität: Einmal geschrieben, benötigt die Glas-Disc keinerlei Energie für die Erhaltung der Daten. Das „Silo“ im Rechenzentrum ist passiv, was die Betriebskosten und den CO2-Fußabdruck im Vergleich zu permanent gekühlten Festplatten-Arrays um bis zu 98 % senkt.

Praxisbeispiele wie die Kooperation mit der Elire Group für den „Global Music Vault“ weisen darauf hin, dass Datenmigrationen das größte Risiko für die Datenintegrität darstellen. Mit Quarzglas entfällt die Notwendigkeit, alle fünf Jahre Daten auf neue Server zu spiegeln.

In der Rechtsberatung und im Notariat bietet die Glasspeicherung Project Silica eine „Single Source of Truth“, die gegen Manipulation geschützt ist (WORM-Prinzip: Write Once, Read Many). Einmal in Glas geätzt, lässt sich eine Urkunde nicht mehr unbemerkt verändern. Das macht das Medium zum idealen Tresor für Grundbücher, völkerrechtliche Verträge oder Beweismittel in Langzeitverfahren.

HR & Ethik: Die ewige Personalakte und das Recht auf Vergessen

Hier erreicht der Project Silica jedoch eine kritische Bruchstelle. Wenn ein Medium technisch darauf ausgelegt ist, nie wieder gelöscht werden zu können, kollidiert es frontal mit der europäischen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO).

Besonders in der Personalabteilung wirft dies brisante Fragen auf. Gemäß Art. 17 DSGVO, dem „Recht auf Löschung“ , müssen personenbezogene Daten gelöscht werden, sobald der Zweck ihrer Verarbeitung entfällt oder der Betroffene seine Einwilligung widerruft. Doch wie löscht man eine Zeile Code in einem massiven Quarzblock, ohne die restliche Disc zu zerstören?

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Die ethische Zwickmühle von Project Silica

  1. Daten-Ewigkeit: Eine Personalakte, die 10.000 Jahre hält, könnte zum „digitalen Kerker“ werden. Jugendsünden, Fehlzeiten oder vertrauliche Leistungsbeurteilungen wären für die Ewigkeit zementiert.
  2. Kryptographische Lösung: Experten schlagen vor, die Daten verschlüsselt auf das Glas zu schreiben und lediglich die kryptographischen Schlüssel zu löschen („Crypto-Shredding“). Doch auch hier bleibt ein Restrisiko: In 200 Jahren könnten Quantencomputer die heutige Verschlüsselung mühelos knacken, und die physisch noch vorhandenen Daten lägen plötzlich offen.

Unternehmen müssen daher strikt trennen: Kulturelles und technisches Wissen gehört ins Glas-Archiv von Project Silica. Personenbezogene Daten bleiben vorerst in flüchtigen Systemen.

Die Versicherungsperspektive: Wenn Risiko unsterblich wird

Ein außergewöhnlicher Aspekt der Recherche betrifft die Cyber-Versicherungen. Wie bewerten Versicherer ein Medium, das physischen Datenverlust fast ausschließt?

Die Antwort ist ambivalent. Einerseits sinkt das Risiko für „Business Interruption“ durch Hardware-Ausfälle enorm. Ein Wasserschaden im Archiv? Das Glas wird einfach abgewischt. Ein Feuer? Das Glas bleibt stabil. Das reduziert die Prämien für klassische Katastrophenszenarien.

Andererseits verschiebt sich das Risiko zum Datendiebstahl. Wenn eine Glas-Disc gestohlen wird, hat der Dieb ein Medium in der Hand, das er über Jahrhunderte in aller Ruhe zu entschlüsseln versuchen kann. Das Risiko eines „Privacy Breach“ wird zeitlos. Versicherer beginnen daher, Policen zu entwickeln, die nicht mehr den Verlust der Daten versichern, sondern die dauerhafte Exklusivität der Verschlüsselung. Wenn Daten 10.000 Jahre halten, muss auch die Sicherheitsstrategie in Jahrtausenden denken.

Quarzglas als Backup für die Zivilisation

Bei der Initiative Arch Mission Foundation wird Project Silica als Teil eines „Solarsystem-Backups“ betrachtet. Das Ziel: Das Wissen der Menschheit so zu verteilen (unter anderem auf dem Mond und dem Mars), dass es selbst globale Katastrophen übersteht. Quarzglas ist das einzige Medium, das den harschen Bedingungen des Weltraums, der kosmischen Strahlung und extremen Temperaturschwankungen gewachsen ist.

Souveränität durch Beständigkeit

Microsofts Durchbruch mit Project Silica markiert das Ende der digitalen Wegwerf-Mentalität. Wir wechseln von „Wie retten wir die Daten ins nächste Jahr?“, hin „Haben wir das Recht, Informationen für immer zu bewahren?“

Für IT-Leiter bedeutet dies:

  • Strategische Archivierung: Identifizieren Sie Datenkerne (IP, Forschung, Historie), die von der 10.000-jährigen Haltbarkeit profitieren.
  • Compliance-Check: Erarbeiten Sie Löschkonzepte (Crypto-Shredding), bevor Sie personenbezogene Daten auf unveränderliche Medien auslagern.
  • Risiko-Management: Sprechen Sie mit Ihren Versicherern über die neue Langzeit-Haftung bei physisch unzerstörbaren Datenträgern.

Autorenbild Lisa Löw

Lisa

Löw

Junior Online-Redakteurin

IT-Verlag

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