Neurowissenschaftler haben den genauen Zeitpunkt bestimmt, an dem das Gehirn nach einem Stressereignis in einen aktiven Erholungsmodus schaltet.
Das Ergebnis überrascht: Die entscheidenden Prozesse laufen erst rund 60 Minuten nach dem Auslöser an, lange nachdem sich der Körper längst beruhigt hat. Forscher der Kochi University of Technology und des Shizuoka Institute of Science and Technology haben in einer gemeinsamen Studie ein sogenanntes Resilienz-Fenster im menschlichen Gehirn nachgewiesen. Dieses Fenster öffnet sich nicht unmittelbar nach einem Stressereignis, sondern mit einer Verzögerung von etwa einer Stunde.
Kaltwassertest als Stressauslöser
Für die Studie beobachteten die Wissenschaftler rund 100 Erwachsene mittels fMRT und EEG nach einem Kaltwassertest, bei dem die Probanden eine Hand für etwa eine Minute in eiskaltes Wasser tauchten. Nach 60 Minuten zeigte sich bei resilienten Teilnehmern ein klares Muster: Das Salienznetzwerk, das eingehende Reize bewertet, wurde weniger aktiv, während das Default Mode Network, das mit Selbstreflexion verknüpft ist, an Aktivität gewann. Gleichzeitig sank die High-Beta-Aktivität im EEG, ein Indikator für neuronale Erregung.
Seniorautor Masaki Takeda fasst den Befund so zusammen: “Nach einer Stunde waren die körperlichen Symptome von Stress verschwunden. Die nicht bewussten Veränderungen im Gehirn entfalteten sich jedoch weiter.”
Forschung bisher überwiegend an Tieren
Noriya Watanabe vom SIST betont, warum die Studie direkt am Menschen durchgeführt wurde: “Die menschliche Resilienz ist viel komplexer. Sie umfasst Selbstwirksamkeit und vergangene Erfahrungen.” Ein Großteil der bisherigen Stressforschung beruhe auf Tiermodellen, die diese Faktoren nicht abbilden könnten.
Ansatzpunkt für gezieltere Behandlungen
Das identifizierte Zeitfenster könnte helfen, psychiatrische Interventionen gezielter einzusetzen. Psychologische Kurzmethoden oder nicht-invasive Hirnstimulation ließen sich auf diesen Zeitpunkt abstimmen. Außerdem könnten die neuronalen Muster als Biomarker für PTBS oder Depressionen dienen und Ärzten Hinweise geben, wann eine Behandlung besonders wirksam sein könnte. Die Ergebnisse sind in den Proceedings of the National Academy of Sciences erschienen.
(lb/Pressetext)