Jenseits von Null und Eins

Spins statt Bits: Forscher entwerfen Plan für effizientere Computer

Bits

Der wachsende Energiehunger von KI-Anwendungen zwingt die Forschung zum Umdenken. Spintronische Bauelemente könnten die Grundlage für eine neue Generation energieeffizienter Computerarchitekturen bilden.

ChatGPT, Bildgeneratoren, Optimierungsalgorithmen: Der KI-Boom hat eine Schattenseite, über die ungern gesprochen wird. Rechenzentren weltweit fressen immer mehr Strom. Die klassische Halbleitertechnik stößt dabei zunehmend an ihre physikalischen Grenzen. Ein internationales Forschungsteam, an dem auch die Duisburg-Essener Physikerin Karin Everschor-Sitte beteiligt ist, skizziert nun in einer Übersichtsarbeit in Nature Reviews Physics, wie sogenannte spintronische Bauelemente das Rechnen grundlegend verändern könnten.

Anzeige

Das Problem: Transistoren am Limit

Herkömmliche Computer übersetzen sämtliche Informationen in binäre Folgen aus Nullen und Einsen. Das funktioniert seit Jahrzehnten zuverlässig, doch mit den exponentiell wachsenden Datenmengen moderner KI-Anwendungen wird das Prinzip zum Flaschenhals. Mehr Rechenleistung bedeutet mehr Transistoren, mehr Transistoren bedeuten mehr Abwärme und höheren Energieverbrauch. Ein Teufelskreis, den die Branche bislang vor allem mit größeren Kühlsystemen und effizienteren Chipdesigns zu durchbrechen versucht.

Der Ausweg: Elektronen haben mehr zu bieten als ihre Ladung

Die Spintronik geht einen fundamental anderen Weg. Statt nur die elektrische Ladung von Elektronen zu nutzen, wie es konventionelle Halbleiter tun, macht sie sich eine zweite physikalische Eigenschaft zunutze: den Spin. Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um eine Art magnetisches Drehmoment des Elektrons. Diese zusätzliche Freiheitsgröße eröffnet Möglichkeiten, die weit über das hinausgehen, was klassische Transistoren leisten können.

Magnetische Materialien bringen dabei gleich mehrere Eigenschaften mit, die für neuartige Rechenansätze hochinteressant sind. Sie speichern Informationen nichtflüchtig, reagieren extrem schnell und zeigen komplexe dynamische Prozesse, darunter Nichtlinearität, kontrollierte Zufälligkeit und zeitliche Rückkopplung. Alles Eigenschaften, die sich klassische Transistoren mühsam über aufwendige Schaltungen erkaufen müssen.

Anzeige
Newsletter
Newsletter Box

Mit Klick auf den Button "Jetzt Anmelden" stimme ich der Datenschutzerklärung zu.

Magnetische Neuronen und probabilistische Bits

Die Übersichtsarbeit katalogisiert die wichtigsten Bausteine, die sich aus spintronischen Materialien realisieren lassen. Dazu gehören künstliche Neuronen und Synapsen auf Spinbasis, die sogenannten p-Bits (probabilistische Bits, die gezielt mit Unsicherheiten arbeiten) sowie komplexere Architekturen wie magnetisches Reservoir Computing und Ising-Maschinen. Letztere gelten als besonders vielversprechend für kombinatorische Optimierungsprobleme, an denen sich klassische Computer die Zähne ausbeißen.

„Wir erforschen insbesondere, wie sich Reservoir Computing mit magnetischen Strukturen wie sogenannten Skyrmionen realisieren lässt“, erläutert Everschor-Sitte. Skyrmionen sind winzige, wirbelartige magnetische Strukturen, die sich in dünnen Schichten bestimmter Materialien bilden und als Informationsträger nutzen lassen. „Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist es außerdem, neue Kenngrößen zu entwickeln, mit denen sich die Leistungsfähigkeit solcher Systeme zuverlässig bewerten lässt.“

Kompatibel mit bestehender Fertigung

Ein entscheidender Vorteil gegenüber manch anderem Zukunftsansatz: Spintronische Bauelemente müssen nicht bei null anfangen. Magnetische Tunnelkontakte, eines der Kernelemente der Technologie, sind bereits heute in kommerziellen Speicherprodukten im Einsatz, etwa in MRAM-Chips. Sie lassen sich in bestehende CMOS-Fertigungsprozesse integrieren, was den Weg vom Labor in die Massenproduktion deutlich verkürzen könnte.

Kein Ersatz, sondern Ergänzung

Trotz aller Fortschritte warnen die Autorinnen und Autoren vor überzogenen Erwartungen. Die optimale Abstimmung von Materialien, Bauelementen und Algorithmen sei nach wie vor eine offene Herausforderung. Auch fehlten bislang einheitliche Bewertungsmaßstäbe, um die Leistungsfähigkeit spintronischer Hardware sinnvoll mit etablierten Systemen vergleichen zu können.

Langfristig sehen die Forschenden spinbasierte Technologien nicht als Ablösung klassischer Computerarchitekturen, sondern als Ergänzung. Die Zukunft dürfte hybriden Systemen gehören, in denen unterschiedliche physikalische Rechenprinzipien je nach Aufgabe kombiniert werden. Für die energieeffiziente Bewältigung datengetriebener Workloads könnte der Spin jedenfalls genau der richtige Dreh sein.

(lb/Universität Duisburg-Essen)

Anzeige

Weitere Artikel

Newsletter
Newsletter Box

Mit Klick auf den Button "Jetzt Anmelden" stimme ich der Datenschutzerklärung zu.