SAP-Kunden stehen vor einer neuen Integrationsfrage: Viele geschäftskritische Abläufe sind im SAP-Umfeld verankert und ein großer Teil der fachlichen Prozesslogik ist dort abgebildet. Gearbeitet wird jedoch häufig in Microsoft 365, Teams, Outlook, Copilot und weiteren digitalen Arbeitsumgebungen. Umso wichtiger wird es, beide Welten zu vereinen.
Denn die aktuelle Neuordnung der Integrationslandschaft eröffnet im Zuge von Clean-Core- und Cloud-Strategie die Chance, diese Integration robuster, skalierbarer und näher am Arbeitsalltag aufzusetzen. Ziel sollte sein, Daten, Berechtigungen und Prozesslogik aus dem SAP-Umfeld zuverlässig für KI und in der täglichen Arbeit nutzbar zu machen – damit Entscheidungen nah an den relevanten Geschäftsdaten und -prozessen getroffen werden können.
Die Brücke zwischen SAP und Microsoft wird wichtiger
Drei Entwicklungen erhöhen jetzt den Handlungsdruck:
Treiber #1 Legacy-Komponenten bringen Integration auf die Roadmap
Viele Unternehmen müssen ihre gewachsenen Integrations- und Identity-Landschaften ohnehin bald neu bewerten: Zentrale Legacy-Komponenten erreichen in den kommenden Jahren wichtige Supportgrenzen. Bei SAP PI/PO endet die Standard-Maintenance 2027. Für SAP Identity Management 8.0 läuft die Mainstream-Wartung Ende 2027 aus. Für beide Lösungen ist dann nur noch eine kostenpflichtige Extended Maintenance bis 2030 vorgesehen. Damit geht es nicht nur um die Ablösung einzelner Systeme, sondern um die künftige Verteilung von Integration, Identity Lifecycle Management, Provisionierung und Governance.
Treiber #2 SAP und Microsoft schärfen ihre Plattformrollen
Zwischen SAP und Microsoft entstehen neue Verbindungen: etwa über Joule/Copilot, SAP Business Data Cloud Connect für Microsoft Fabric und weitere Integrationen. Gleichzeitig werden die Rollen klarer: SAP positioniert sich noch stärker als Plattform für Geschäftsprozesse und Geschäftskontext, Microsoft als Arbeits-, Daten- und KI-Plattform. Für Unternehmen entsteht daraus die Aufgabe, SAP-Daten, Berechtigungen und Prozesslogik dort nutzbar zu machen, wo Kommunikation, Analyse und KI-Anwendungen stattfinden.
Für Mitarbeitende wird das Zusammenspiel der Plattformen vor allem auf der KI-Ebene relevant – gerade dort, wo SAPInformationen gebraucht werden, ohne dass täglich in SAP gearbeitet wird. Joule und Microsoft 365 Copilot lassen sich bidirektional koppeln. Wenn die Integration entsprechend konfiguriert ist, können Mitarbeitende aus M365 Copilot und Teams heraus etwa SAP-bezogene Informationen abrufen, ohne SAP direkt zu öffnen. Umgekehrt kann Joule Microsoft-365-Kontext in Antworten einbeziehen.
Treiber #3 Datenplattformen werden strategische Infrastruktur
Durch KI, Automatisierung und vernetzte Services verschiebt sich der Business Case von SAP-Daten: Sie sollen nicht mehr nur ausgewertet, sondern als fachlich kontextualisierte Grundlage in andere Arbeits- und Analyseumgebungen eingebunden werden. Mit der SAP Business Data Cloud und BDC Connect entsteht ein neuer Ansatz für die Verbindung mit Microsoft Fabric. Die engere, Zero-Copybasierte Verbindung zwischen SAP BDC und Fabric erleichtert es, SAP-Daten mit weiteren Unternehmensinformationen zu verbinden und für Analytics, Automatisierung und KI nutzbar zu machen. Perspektivisch können SAP-Daten so Teil von Microsoft-IQ-Szenarien werden: Fabric IQ macht den Geschäftskontext aus SAP- und weiteren Unternehmensdaten nutzbar, Work IQ ergänzt den Arbeitskontext aus Microsoft 365.
Der Nutzen davon entsteht vor allem dort, wo KI Entscheidungen, Freigaben oder Transaktionen unterstützt. Dann zählt nicht nur der Zugriff auf Daten, sondern auch der fachliche Kontext: Welche Information ist relevant, wer darf sie sehen und welcher Prozessschritt folgt daraus? Wichtig bleibt ein sauberes Governance- und Berechtigungsmodell: Fabric bringt eigene Sicherheits- und Governance-Ebenen mit. SAP-Berechtigungen müssen bewusst abgebildet werden und gelten nicht automatisch unverändert weiter.
SAP und Microsoft prägen künftig unterschiedliche, aber eng verbundene Ebenen der IT-Landschaft.
Martin Weinhardt, Campana & Schott
Integrationsfelder, die ein neues Arbeitserlebnis schaffen
Aus dieser Entwicklung folgt eine Reihe konkreter Integrationsfelder. Sie betreffen nicht nur Datenflüsse, sondern auch Prozesse, Nutzeroberflächen, Berechtigungen und KI-Anwendungen. Dort entscheidet sich, ob SAP-Substanz im Arbeitsalltag ankommt oder weiter in Spezialoberflächen gebunden bleibt.
Prozesse kommen in die Arbeitsumgebung
Viele Abläufe starten oder enden in SAP, werden aber nicht immer direkt in SAP ausgelöst. Der Auslöser kann auch ausdem Arbeitskontext kommen: eine Kunden-E-Mail, ein Servicekontakt in Teams, eine Freigabe oder eine Bestellinformation. Der Zugriff sollte dort möglich sein, wo Arbeit stattfindet: in Teams, Outlook, einer Employee-App oder künftig in einem KI-Assistenten. So werden SAP-Prozesse breiter nutzbar, ohne dass mehr Menschen ihre tägliche Arbeitsweise umstellen müssen.
KI verbindet Arbeitskontext und Fachlogik
Ein KI-Assistent kann zur Oberfläche werden, über die SAP-Daten, Prozessinformationen und Kontext aus Microsoft 365 zusammenlaufen. Eine Anfrage startet etwa aus einer laufenden Aufgabe heraus, greift auf freigegebene SAP-Informationen zu und führt zurück in eine Entscheidung oder Aktion. So wird die Verbindung der Systeme im Arbeitsalltag nutzbar.
Identity schafft durchgängige Nutzererlebnisse
Mit dem Auslaufen von SAP IdM und dem Wandel zum AI-First-Arbeitsplatz steigen die Anforderungen an ein modernes Identitäts- & Zugriffsmanagement. Ein konsistentes Rollen- und Berechtigungsmanagement über Systemgrenzen hinweg wird damit zum wichtigen Enabler. Mit SAP und Microsoft als zentralen Unternehmensplattformen müssen Identitäten, Rollen und Zugriffsrechte nahtlos integriert und automatisiert verwaltet werden, etwa mit Funktionen aus der Microsoft Entra Suite. So erhalten Mitarbeitende kontextbezogen Zugriff auf Anwendungen, Daten und Prozesse, ohne zwischen unterschiedlichen Identitäts- und Berechtigungsmodellen wechseln zu müssen.
Daten behalten ihren Geschäftskontext
SAP-Daten sind wertvoll, weil sie fachlich eingeordnet sind: durch Stammdaten, Berechtigungen, Hierarchien und Prozesskontext. Werden sie mit Daten aus CRM, Service, Kollaboration oder weiteren Fachsystemen verbunden, entsteht eine belastbarere Grundlage für Analysen, Automatisierung und KI-Anwendungen. Ihr Wert bleibt erhalten, wenn sie auch in neuen Umgebungen mit ihrer fachlichen Bedeutung nutzbar bleiben.
Was jetzt zählt
SAP und Microsoft prägen künftig unterschiedliche, aber eng verbundene Ebenen der IT-Landschaft: SAP ist der Kern für strukturierte Prozesse, geprüfte Daten und fachliche Logik. Microsoft bestimmt die Umgebung, in der Informationen gesucht, Entscheidungen vorbereitet und Aufgaben erledigt werden.
Entscheidend ist künftig, wie gut fachlicher Kontext aus SAP-Systemen in Arbeits- und KI-Umgebungen erhalten bleibt: Semantik, Berechtigungslogik, Prozesshistorie. Daraus entstehen Anwendungen, die nicht nur Auskunft geben, sondern Entscheidungen vorbereiten, Freigaben anstoßen und Vorgänge sicher im richtigen System auslösen können. Für SAP-Kunden wird Integration damit zu einer Aufgabe, die sie jetzt aktiv in ihre Modernisierungsplanung aufnehmen müssen.