Metaverse: Deutsche Wirtschaft im Wartemodus

Metaverse: Deutsche Wirtschaft im Wartemodus
Bild via Canva Pro

Beim Metaverse ist die deutsche Wirtschaft gespalten. Rund ein Viertel steht der virtuellen Welt interessiert gegenüber, etwas mehr haben eine ablehnende Haltung. Laut einer Bitkom-Umfrage plant knapp jedes zweite Unternehmen innerhalb der nächsten fünf Jahre Investitionen, auch wenn das heutige Metaverse kaum überzeugt.

Skepsis und Aufgeschlossenheit halten sich die Waage, beim Metaverse ist die deutsche Wirtschaft gespalten. Insgesamt ist man noch unschlüssig, was man davon halten soll. Einer Umfrage des Bitkom zufolge sieht immerhin jedes vierte Unternehmen (26 Prozent) eine Chance im Metaverse. Ein Drittel (33 Prozent) geht davon aus, dass das Metaverse keinen Einfluss auf das eigene Unternehmen hat, 21 Prozent trauen sich noch keine Einschätzung zu. Jede fünfte Firma (20 Prozent) halten das Metaverse für ein Risiko.

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»Das Metaverse ist keine virtuelle Parallelwelt, sondern sowohl eine 3D-Erweiterung des Internets als auch eine virtuelle Erweiterung der realen Welt«, erklärt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. »Dabei existieren zahlreiche Verbindungen zwischen realer und virtueller Welt: mit echtem Geld werden virtuelle Güter gekauft, digitale Zwillinge und Avatare bilden reale Maschinen und Personen ab, digitale Informationen werden per Augmented Reality in unserem Sichtfeld angezeigt.«

Die Anwendungsmöglichkeiten reichen dabei vom virtuellen Besuch von Konzerten oder den Einkaufsbummel durch rein digitale Shopping-Malls bis zu virtuellen Meetings von über Kontinenten verteilten Teams und zum digitalen Zwilling realer Fabriken, in dem Änderungen am Produktionsprozess getestet werden können. Bis zum Jahr 2030 prognostizieren verschiedene Beratungsunternehmen ein weltweites Marktvolumen von mehreren Hundert Milliarden Euro für Angebote rund um das Metaverse.

Jedes vierte Unternehmen sieht für sich Chancen im Metaverse (Quelle: Bitkom).
Jedes vierte Unternehmen sieht für sich Chancen im Metaverse (Quelle: Bitkom).

Meta mit massiven Wertverlusten

Zahlen, die aus heutiger Sicht kaum vorstellbar sind. Zumal Facebook bzw. der heutige Meta-Konzern massiv bröckelt. Während Marktforscher – wie immer – das positive in künftigen Geschäftsfeldern sehen, gehen Börsenbeobachter im hier und jetzt hart mit dem Unternehmen ins Gericht. Seit rund einem Jahr ist der Börsenwert von Meta um 60 Prozent geschrumpft. Einem Bericht der Kollegen von n-tv.de zufolge verliert Meta »seit September 2021 jeden Tag 1,5 Milliarden Dollar an Börsenwert«.

Experten bemängeln, dass die virtuelle Welt den Besuchern keinen Nutzen biete. Viele Anwender probieren das Metaverse einmal aus und kommen nicht wieder. Wie zu hören ist, tut sich der Konzern schwer, selbst die eigenen Mitarbeiter dafür zu begeistern. Hinzukommt, dass zwingend eine VR-Brille benötigt wird. Die als Einstiegsbrille angebotene Oculus Quest Pro kostet rund 1.500 US-Dollar. Die neue Oculus Quest Pro gibt es immerhin schon ab rund 600 Euro. Beide Produkte werden aber aktuell nicht in Deutschland vertrieben. Zumindest offiziell. Der Rat lautet, über Amazon zu kaufen, auch weil der Anbieter einen relativ einfachen Rückgabe-Service anbietet.

Metaverse: Deutsche Firmen sollen offen für neues sein

Obwohl das Metaverse heute nur in den Werbefilmen gut aussieht, geht eine knappe Mehrheit (58 Prozent) der vom Bitkom befragten Unternehmen davon aus, dass das Metaverse das Internet deutlich verändern werde. 42 Prozent halten es aber für einen kurzfristigen Hype, der die Erwartungen nicht erfüllen und bald wieder verschwinden werde.

»Das Metaverse setzt auf einer Vielzahl vergleichsweise junger Technologien auf, wie etwa der Blockchain oder auch Virtual-Reality«, meint Dr. Rohleder. »In der Tech-Szene erwarten so Manche eine regelrechte Revolution des Internets. Ob sich dies bewahrheitet, ist derzeit völlig offen. Wichtig ist, dass die deutschen Unternehmen dieser Technologie offen gegenüberstehen und sehr aufmerksam beobachten, wie sie sich entwickelt und was sie ihnen bieten kann.«

Die deutschen Unternehmen sehen eine Reihe von Vorteilen, die eine Nutzung des Metaverses bringen kann. Jedes Zweite (49 Prozent) hält eine bessere Zusammenarbeit innerhalb von Unternehmen für möglich, etwa über virtuelle Konferenzen. Mehr als jedes Dritte (37 Prozent) sagt, das Metaverse ermögliche, völlig neue Produkte und Dienstleistungen anzubieten. Jeweils ein Fünftel erwartet einen Zugang zu völlig neuen Kundengruppen (22 Prozent) und völlig neue Arten, mit Kunden zu interagieren (21 Prozent). 15 Prozent gehen davon aus, dass sich bestehende Produkte und Dienstleistungen für das Metaverse anpassen lassen, und 11 Prozent nehmen an, dass das Metaverse Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil ermögliche.

»Das Metaverse lässt sich unternehmensintern ebenso nutzen wie als Ort, um Produkte und Dienstleistungen anzubieten«, sagt Rohleder. »Vieles hängt davon ab, ob es den Anbietern von Metaverse-Lösungen gelingt, eine hohe Anzahl gewerblicher Nutzer von den Chancen zu überzeugen.«

Für das eigene Unternehmen können sich die Befragten vor allem virtuelle Meetings zur unternehmensinternen Zusammenarbeit, virtuelle Unternehmensrepräsentanzen und Schulungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Metaverse (jeweils 44 Prozent) vorstellen. Aber auch Teambuilding-Events (41 Prozent), Produktpräsentationen (39 Prozent) und Produktverkäufe (35 Prozent) gelten als interessant. Mit etwas Abstand folgen die Rekrutierung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (28 Prozent), die Bereitstellung von Dienstleistungen (24 Prozent) und Marketing (22 Prozent). Kaum ein Unternehmen (2 Prozent) hält direkte Investitionen ins Metaverse wie etwa mit virtuellen Landkäufen für interessant. 4 von 10 Unternehmen (40 Prozent) können sich derzeit ganz grundsätzlich keine lohnende Aktivität im Metaverse vorstellen.

Fast die Hälfte erwartet eine besser Zusammenarbeit durch das Metaverse (Quelle: Bitkom).
Fast die Hälfte erwartet eine besser Zusammenarbeit durch das Metaverse (Quelle: Bitkom).
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Metaverse: Wettbewerbs- oder Freitzeit-Plattform? Oder beides?

Allgemein gehen zwei Drittel (68 Prozent) der Unternehmen davon aus, dass das Metaverse noch weit entfernte Zukunftsmusik ist. Allerdings sagen auch 14 Prozent, dass das Metaverse das bisherige Geschäftsmodell bedroht. Und fast jedes vierte Unternehmen (23 Prozent) sieht sogar die Existenz des gesamten Unternehmens durch das Metaverse bedroht. Und vier von zehn (44 Prozent) rechnen damit, dass Wettbewerber das Metaverse nutzen werden. Ähnlich viele (40 Prozent) halten dies aber für ausgeschlossen.

In der deutschen Wirtschaft wird das Metaverse aktuell vor allem für die Freizeit- und Gaming-Branche als interessant eingeschätzt (65 Prozent). Eine Mehrheit hält es zudem jeweils für digitale Plattformen (56 Prozent), Endverbraucher (56 Prozent), die Aus- und Weiterbildung (54 Prozent), den Tourismus (52 Prozent) sowie die Mode-Branche (51 Prozent) für relevant. Dahinter folgen die Musikbranche (48 Prozent), Unternehmen, die sich direkt an Endverbraucher wenden (48 Prozent), das Gesundheitswesen (46 Prozent) sowie Unternehmen, die sich an Geschäftskunden richten (45 Prozent). Drei von zehn (31 Prozent) der Unternehmen sehen im Metaverse zudem eine Chance für die öffentliche Verwaltung.

»Es gibt eigentlich keinen Bereich, in dem man sich die Nutzung von Metaverse-Anwendungen nicht vorstellen«, wirbt Rohleder für die virtuelle Welt. »Dabei geht es längst nicht nur um Entertainment. Eine Fortbildung kann in der virtuellen Realität ebenso effektiv sein wie etwa die Konsultation eines Arztes.«

Metaverse: Noch ist die Technologie nicht ausgereift

Die Unternehmen sehen eine Vielzahl von Herausforderungen rund um das Metaverse. So wird beklagt, dass die Technologie noch nicht ausgereift ist (76 Prozent) und es an Standardisierung von Metaverse-Anwendungen fehlt (48 Prozent). Sehr zum Gespött der Internet-Szene sind die Avatare noch ohne Beine unterwegs.

Momentan fehlt es den Meisten schlicht an praktischen Anwendungen, ähnlich viele (63 Prozent) wollen erst mal abwarten, was andere mit dem Metaverse machen. 39 Prozent sehen für das eigene Unternehmen grundsätzlich keinen Nutzen, und 16 Prozent haben ihre Investitionen in anderen Trendthemen gebunden.

Natürlich stehen der Nutzung in Deutschland auch mögliche Regulierungen im Weg: 62 Prozent beklagen die Anforderungen an den Datenschutz, 46 Prozent sehen rechtliche Unsicherheiten im Metaverse, und 29 Prozent sorgen sich um Anforderungen an die IT-Sicherheit. Unternehmensinterne Hemmschuhe sind derzeit fehlendes Know-how (62 Prozent) und fehlendes qualifiziertes Personal (35 Prozent), aber auch unzureichende Budgets (23 Prozent). 15 Prozent fehlt es an der Zeit, sich mit dem Metaverse zu beschäftigen.

»Damit das Metaverse ein Erfolg wird, braucht es dringend Standards und Interoperabilität«, fordert Rohleder. »Die wenigsten Unternehmen werden Zeit und Geld in die Hand nehmen, um bei einer Metaverse-Lösung dabei zu sein, wenn sie Gefahr laufen, auf das falsche Pferd zu setzen.«

Dass sich das Metaverse heute noch langsam entwickelt, sei laut Rohleder keine Überraschung: »Mit steigenden Investitionen könnte es aber eine erdrutschartige Entwicklung geben.« Auch, dass es noch keine Anwendungen gibt, lässt der Bitkom-Chef so nicht gelten. In Spezialbereiche werde schon einiges gemacht. Die Investitionen steigen auf einem niedrigen Niveau. Auch wenn 48 Prozent keine Investments planen, sieht ein großer Teil der deutschen Firmen Chancen.

Anmerkung der Redaktion

Karl Fröhlich, speicherguide.de
Karl Fröhlich, speicherguide.de

Zugeben, ich habe mit bisher kaum mit dem Metaverse befasst. Bei mir blieb bisher eher die Kritik in Erinnerung: Die Avatare haben keine Füße, selbst Second Life hätte eine bessere Grafik, Zuckerberg verbrennt damit Unmengen an Geld…

Okay, mit einer VR-Brille habe ich schon geliebäugelt. Nachdem einige Kollegen aber wenig Gutes berichteten, habe ich diese Ausgabe hintenangestellt. Für mich hat das Metaverse heute keine Bedeutung. In der Werbung sieht es toll aus, mit der Realität aber nichts gemein.

Ein Satz von Bitkom-Chef Dr. Bernhard Rohleder hat mich allerdings aufhorchen lassen: Die langsame Entwicklung sei ganz normal. Mit steigenden Investitionen könnte es aber eine erdrutschartige Entwicklung geben. Wenn wir uns an das Internet im Jahr 1994 erinnern, im Vergleich zu heute, war da auch nicht viel los. Als frischgebackener PC Professionell-Redakteur hatte ich damals meinen Erstkontakt und nicht im Traum daran gedacht, dass ich neun Jahre später mit speicherguide.de mein eigenes Online-Magazin aus der Taufe hebe.

Soweit ich mich erinnere, waren die Argumente damals die gleichen wie heute, »da ist nichts los«, »bringt mir nichts«, »keine Zeit für etwas« und »komplizierter Zugang«. Zur Erinnerung damals wählten wir uns noch über Modems ein und blockierten dann über Stunden die Telefonleitung.

Daher sollten wir dem Ding vielleicht doch eine Chance geben. Eventuell wird das ja noch etwas. An einer Art Holodeck hätten wir doch alle unseren Spaß.

Weiterführende Links

Karl Fröhlich, speicherguide.de

Karl Fröhlich

speicherguide.de -

Chefredakteur

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