Hoffen und Bangen im Norden

Von Northvolt zu Lyten: Wie geht es mit der Gigafactory weiter?

Northvolt
Bildquelle: Alexanderstock23/Shutterstock.com

Was passiert künftig auf der Großbaustelle bei Heide? Eine US-Firma will den Batteriehersteller Northvolt übernehmen. Risiken für den Steuerzahler bleiben. Was angelaufen ist.

Große Hoffnungen, reichlich öffentliches Geld und Bundesprominenz: Seit der Pleite des schwedischen Batterieherstellers Northvolt ist unklar, ob und wie es mit den Plänen zum Bau einer Gigafactory für Elektroauto-Batterien in Schleswig-Holstein weitergeht. Möglicherweise bekommt das Land eine neue Chance für die größte Industrieansiedlung seiner Geschichte.

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Anfang August kündigte das US-Unternehmen Lyten aus San Jose an, alle verbleibenden Northvolt-Standorte zu übernehmen, darunter auch Northvolt Drei bei Heide. Bis Ende des Jahres will Lyten-Chef Dan Cook Klarheit. «Das ist eine Riesenchance», sagte der Vorstand der Entwicklungsagentur der Region Heide, Dirk Burmeister. «Lyten mit Sitz im Silicon Valley, das ist nun mal eine der besten Denkfabriken der Welt.»

Die Planungen seien weitergegangen, sagt Burmeister. «Ja, wir waren geknickt. Uns war aber immer klar, dass hier etwas passiert.» Er wähnt den Standort im Vorteil. «Wir haben für den ersten Gigafactory-Block die Pfähle in der Erde.» Die Fundamente seien gelegt. Wo gebe es sonst 100 Hektar Land mit Baurecht im Industriemaßstab? «Die Infrastruktur ist vielfältig, sie können dort im Prinzip heute einen Bauantrag abgeben.»

Die Stimmung

«Moin! Hier entsteht Deutschlands nachhaltigste Batteriezellfabrik» steht auf einem großen Schild. Doch auf der Baustelle passiert derzeit nicht viel. Ende März 2024 hatte der Bau unter großem Tamtam im Beisein des damaligen Kanzlers Olaf Scholz (SPD) und seines Vizekanzlers Robert Habeck (Grüne) begonnen. Dort sollten Batteriezellen für eine Million Elektroautos pro Jahr und Tausende Jobs entstehen.

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Davon träumen sie trotz Lytens Ankündigung am Ort aber (noch) nicht. «Also bei uns an den beiden Standorten ist die Stimmung völlig ruhig», sagt Lohe-Rickelshofs Bürgermeister Kai Tange. «Gelassen und ohne jede große Euphorie. Einfach deswegen, weil wir ja ganz wenig wissen.»

Kontakt mit dem Unternehmen habe er noch nicht gehabt, sagt Tange. «Das ist schätzungsweise ja auch viel zu früh.» Wie Northvolt handele es sich um ein noch vergleichsweise jüngeres Unternehmen, das ebenfalls nur über wenig eigene Finanzmittel verfüge. «Das ist nicht ganz ohne Parallelen.» Wegen andauernder Geldprobleme hatte Northvolt Mitte März für den Betrieb in Schweden Insolvenz angemeldet.

Was die Wirtschaft denkt

Für den Dithmarscher Geschäftsstellenleiter der IHK Flensburg, Thomas Bultjer, kommt in der Debatte um die Folgen der Insolvenz für den Steuerzahler eines zu kurz. «Es wird so getan, als ob Hunderte Millionen Euro in die Nordsee gekippt wurden.» Keine der bislang beim Bau der Fabrik zum Zuge gekommenen Firmen sei auf Rechnungen sitzen geblieben. «Die haben alle ihr Geld bekommen.»

«Wir glauben weiterhin an den Standort», sagt Bultjer. Durch die Ansiedlung seien positive Effekte auf den Ausbau der Infrastruktur in der Region zu erwarten. Natürlich gebe es auch Skeptiker in Industrie und Handel, grundsätzlich überwiege aber die positive Stimmung. Eine Fabrik könne wie ein Magnet weitere Betriebe anlocken. «Daraus kann noch immer eine Erfolgsgeschichte für die Westküste werden.»

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Neue Förderung?

Wenig ist bislang bekannt, aber klar dürfte eines sein: Ohne staatliche Förderung wird auch Lyten keine Fabrik in Dithmarschen bauen. Öffentliches Geld ist schon reichlich verbaut. Northvolt hatte von der staatlichen Förderbank KfW über eine Wandelanleihe rund 600 Millionen Euro erhalten. Diese Mittel sind laut Bundeswirtschaftsministerium «zum Teil verwendet und damit im Sinne des Projekts in Heide bereits “verbaut”».

Der noch nicht verwendete Teil liege in der freien Kapitalrücklage der deutschen Projektgesellschaft. Die Zweckbindung bestehe für eine Batteriezellfertigung in Heide fort, die Mittel seien nicht Teil der Insolvenzmasse in Schweden, wie es hieß. KfW und Bundeswirtschaftsministerium werden dazu den Angaben zufolge in Verhandlungen mit dem neuen Investor Lyten eintreten.

Der Abschluss der Erwerbe (Closing) stehe noch unter Vorbehalt der Erfüllung bestimmter Vollzugsbedingungen, die noch einige Monate in Anspruch nehmen würden, hieß es vom Bundeswirtschaftsministerium. Das Ministerium prüfe die Entwicklungen mit Blick auf den Standort Heide und die Auswirkungen auf eine Wandelanleihe genau.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) verweist auf den Vorbehalt der Erfüllung bestimmter Vollzugsbedingungen in Schweden und Deutschland. «Dazu gehört, dass sich Bund und KfW nun mit Lyten auf den Realisationsrahmen der deutschen Aktivitäten rund um das Projekt Northvolt Drei in Heide einigen.» Dieser Prozess brauche Zeit. Aber: «Erste Gespräche mit dem Unternehmen wurden bereits geführt».

Die Opposition hofft auf eine Perspektive für den Standort, mahnt aber zur Vorsicht. «Das Land sollte aus dem Northvolt-Desaster die richtigen Lehren ziehen und äußerst zurückhaltend mit einer möglichen Förderung umgehen», fordert FDP-Fraktionschef Christopher Vogt. «Bund und Land dürfen nicht so sehr ins Risiko gehen, wie dies am Ende bei Northvolt der Fall war.» Lyten sei ebenfalls noch ein Start-up. Es dürfe kein weiteres Steuergeld verschwendet werden.

Entscheiden die Gemeindevertreter?

Bei der Northvolt-Entscheidung hatten die beiden Gemeinden Anfang 2024 das letzte Wort. Während die Gemeindevertreter von Lohe-Rickelshof die Baupläne einstimmig billigten, gab es in Norderwöhrden eine Zitterpartie. Letztlich machte der Gemeinderat mit vier zu drei Stimmen den Weg frei. 

Wenn es an den Bauplänen Änderungen gebe, müssten die Kommunalvertreter erneut zustimmen, sagt Bürgermeister Tange. Mit Blick auf das Nachbardorf betont er: «Das wird schwieriger und sicher kein Selbstgänger.» Die Menschen hätten vor Ort auch vor den Plänen schon gut gelebt. «Ich verstehe, dass man jetzt in der Landes- oder Bundespolitik zappeliger ist und sagt: Also wäre ja toll, wir kriegen die Kurve, dann ist die lästige Diskussion über die verballerten Millionen weg.» Es bleibt spannend.

Von André Klohn, dpa

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