16 Länder in Gefahrenzone

78,5 % der EU-Verteidigungsbehörden hängen am Tropf von US-Hyperscalern

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78,5 % der EU-Verteidigung hängen an US-Clouds. Droht bei US-Spannungen der totale Blackout? Der FOTI-Bericht warnt vor dem digitalen Kill-Switch der USA.

Die digitale Souveränität Europas hat sich zur existenziellen Überlebensfrage für nationale Verteidigungsministerien entwickelt. Während die Abhängigkeit von Cloud-Infrastrukturen im zivilen Sektor oft als Effizienzgewinn gefeiert wird, offenbart ein Bericht des Brüsseler Think Tanks Future of Technology Institute (FOTI) eine gefährliche Verwundbarkeit im militärischen Bereich. Demnach verlassen sich heute über drei Viertel der europäischen Staaten (78,5 %) bei kritischen Funktionen der nationalen Sicherheit auf US-Technologiegiganten wie Microsoft, Google und Oracle. In einem geopolitisch volatilen Klima wächst die Sorge vor einem sogenannten „Kill Switch“. Das bezeichnet die Fähigkeit Washingtons, europäische Verteidigungssysteme per Fernzugriff abzuschalten.

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23 von 28 Staaten betroffen

Der FOTI-Bericht zeichnet ein düsteres Bild der transatlantischen Technologie-Verflechtung. Von den 28 untersuchten Ländern, darunter EU-Mitglieder und das Vereinigte Königreich, weisen 23 eine signifikante Abhängigkeit von US-Cloud-Anbietern auf. Diese Abhängigkeit ist oft tief in der Systemarchitektur vergraben. Selbst wenn europäische Rüstungsfirmen als Hauptauftragnehmer auftreten, basieren deren Backend-Dienste häufig auf der Infrastruktur von US-Hyperscalern.

Besonders kritisch wird die Situation durch die politische Ausrichtung dieser Unternehmen bewertet. Der Bericht stellt fest, dass die Marktführer Microsoft, Oracle und Google eng mit der aktuellen US-Administration unter Donald Trump abgestimmt sind. In einem Szenario, in dem Handelsstreitigkeiten oder diplomatische Krisen eskalieren, könnte die US-Regierung diese Konzerne anweisen, den Zugang zu Diensten zu beschränken oder Sicherheitsupdates einzustellen. Das Ergebnis wäre eine unmittelbare Lähmung der europäischen Verteidigungsfähigkeit, die im 21. Jahrhundert fast vollständig von Datenströmen und Echtzeit-Analysen abhängt.

16 Länder in der Gefahrenzone

Das FOTI identifiziert insgesamt 16 Länder, bei denen das Risiko eines US-„Kill Switch“ als besonders hoch eingestuft wird. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem Deutschland, Großbritannien, Polen, Rumänien und die baltischen Staaten. Diese Nationen haben entweder direkte Verträge mit US-Cloud-Providern für ihre Verteidigungsministerien abgeschlossen oder nutzen Systeme, bei denen unklar ist, ob sie tatsächlich „airgapped“ sind.

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Das Konzept des Airgappings, also der physischen Trennung eines Netzwerks vom öffentlichen Internet, erweist sich oft als Illusion. Viele militärische Anwendungen benötigen regelmäßige Synchronisationen mit globalen Datenbanken oder Cloud-basierten KI-Modellen für die Logistik und Zielerfassung. Ein „Kill Switch“ müsste nicht einmal eine aktive Zerstörung von Daten bedeuten. Es reicht bereits aus, die Identitätsprüfung (Identity Management) oder die verschlüsselten VPN-Tunnel zu deaktivieren, um ein gesamtes Verteidigungsnetzwerk „blind“ zu machen.

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Geopolitische Warnschüsse: Die Lehren aus dem Grönland-Konflikt 2025

Wie schnell technologische Abhängigkeit zur politischen Erpressungsmasse werden kann, zeigte das Krisenjahr 2025. Als die Beziehungen zwischen Dänemark und den USA aufgrund transatlantischer Begehrlichkeiten an Grönland einen historischen Tiefpunkt erreichten, drohte Washington indirekt mit technologischen Sanktionen. Die dänische Regierung reagierte zwar und ordnete den Ersatz von Microsoft Office durch Open-Source-Lösungen in öffentlichen Behörden an.

Doch der FOTI-Bericht deckt nun auf, dass diese Maßnahmen im militärischen Bereich kaum gegriffen haben. Während die Verwaltung auf offene Standards umstellte, blieben die Kernsysteme der dänischen Verteidigung weiterhin tief in Microsoft-Backend-Dienste integriert. Dies verdeutlicht die enorme Trägheit der militärischen IT-Beschaffung: Einmal gewählte Infrastrukturen lassen sich nicht innerhalb weniger Monate austauschen, ohne die operative Einsatzbereitschaft enorm zu gefährden.

Der interne Konflikt: Militärstrategen vs. Souveränitäts-Politiker

Innerhalb Europas tobt derzeit eine Debatte zwischen den Verfechtern der „technischen Souveränität“ und den pragmatischen Militärführern. Viele Generäle warnen davor, dass ein überhasteter Verzicht auf US-Technologie die Sicherheit des Kontinents eher gefährdet als schützt. Ihre Argumentation: Europäische Cloud-Lösungen seien im Jahr 2026 noch nicht auf dem Leistungsniveau der US-Konkurrenz, insbesondere was KI-gestützte Aufklärung und die Interoperabilität innerhalb der NATO betrifft.

Demgegenüber steht der Druck der Europäischen Kommission, die Abhängigkeit um jeden Preis zu verringern. In den nächsten sechs Monaten sollen 180 Millionen Euro an vier europäische Unternehmen fließen, um souveräne Cloud-Kapazitäten speziell für den Verteidigungssektor aufzubauen. Ziel ist es, den „Lock-in-Effekt“ zu brechen, der europäische Armeen an die Lizenzpolitik und den politischen Willen Washingtons fesselt.

Hoffnungsschimmer: Das „Disaster Recovery Pack“ und souveräne Ansätze

Ein Lichtblick in dieser prekären Lage ist die Entwicklung privater Allianzen innerhalb der EU. Vier europäische Unternehmen – darunter der deutsche Open-Source-Spezialist SUSE und der italienische Speicheranbieter Cubbit – haben ein gemeinsames „Disaster Recovery Pack“ vorgestellt. Diese Lösung ist als digitale Notfallversicherung konzipiert: Sie ermöglicht es Organisationen, ihre kritischen Daten und Workloads kontinuierlich zu spiegeln. Sollte ein ausländischer Anbieter den „Kill Switch“ betätigen, können die betroffenen Behörden ihre Arbeit auf einer rein europäischen Infrastruktur fortsetzen.

Das einzige Land, das laut FOTI-Bericht derzeit ein geringes Risiko aufweist, ist Österreich. Durch den konsequenten Einsatz souveräner, neutraler Lösungen und den Verzicht auf tiefgreifende US-Cloud-Integrationen in der Verteidigungs-IT hat sich das Land eine digitale Autonomie bewahrt, die nun als Vorbild für andere EU-Staaten dienen könnte.

Autorenbild Lisa Löw

Lisa

Löw

Junior Online-Redakteurin

IT-Verlag

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