8,5 Stunden pro Woche für manuelle Aufgaben: Im EU-Vergleich verlieren Firmen in Deutschland am meisten Zeit durch fehlende Integration.
Die Digitalisierung der europäischen Wirtschaft steht vor einer signifikanten Hürde: dem hohen Zeitaufwand für manuelle Tätigkeiten. Der aktuelle Benchmark-Bericht „State of Integration & AI 2026“, veröffentlicht vom Integrationsdienstleister Frends, verdeutlicht die wirtschaftlichen Folgen dieser Ineffizienz. Basierend auf einer Befragung von 611 IT- und Geschäftsentscheidern in sechs europäischen Märkten (Deutschland, Niederlande, Finnland, Schweden, Norwegen und Dänemark) zeigt die Untersuchung, dass ein typisches europäisches Unternehmen mit 1.000 Mitarbeitern jährlich 10,7 Millionen Euro durch manuelle Arbeit verliert. Dies entspricht rechnerisch einem kompletten Arbeitstag pro Woche und Mitarbeiter, der nicht produktiv genutzt werden kann.
Deutschland als europäisches Schlusslicht bei der Prozesseffizienz
Innerhalb der untersuchten Märkte nimmt Deutschland eine Sonderrolle ein, allerdings mit negativen Vorzeichen für die betriebliche Produktivität. Deutsche Beschäftigte wenden durchschnittlich 8,5 Stunden pro Woche für manuelle Aufgaben auf. Dies ist der höchste Wert aller im Survey berücksichtigten Länder. Während die Automatisierung theoretisch als Schlüssel zur Effizienzsteigerung gilt, scheinen deutsche Organisationen in der Praxis besonders stark mit analogen oder nicht-integrierten Prozessen zu kämpfen.
Ein wesentlicher Grund für diese Verzögerung liegt in der gewachsenen technischen Infrastruktur. Laut dem Bericht geben 40 % der deutschen Unternehmen an, dass die Komplexität der Systemintegration das größte Hindernis für die Einführung von Künstlicher Intelligenz darstellt. Auch dies ist der Spitzenwert im Ländervergleich. Diese strukturellen Probleme schlagen sich unmittelbar in der Erfolgsquote von KI-Projekten nieder: In Deutschland liegt die Rate der Projekte, die einen messbaren Einfluss auf Gewinn und Verlust haben, bei lediglich 22,2 %. Damit rangiert die Bundesrepublik deutlich unter dem europäischen Durchschnitt von 26 %.
Sektorspezifische Engpässe in der verarbeitenden Industrie
Die Untersuchung schlüsselt die Daten detailliert nach Branchen auf, wobei das verarbeitende Gewerbe (Manufacturing) vor spezifischen Herausforderungen steht. Beschäftigte in diesem Sektor verbringen im Schnitt 7,3 Stunden pro Woche mit manuellen Tätigkeiten. Als größte operative Engpässe identifizierten die Befragten in dieser Branche die Dateneingabe und den manuellen Datentransfer (43 %).
Auch das Datenmanagement innerhalb der Lieferkette stellt mit 28 % einen signifikanten manuellen Schmerzpunkt dar. Diese Zahlen verdeutlichen, dass trotz der Bestrebungen rund um Industrie 4.0 viele Basisprozesse weiterhin menschliche Eingriffe erfordern. Diese „Handarbeit“ an der Tastatur erschwert die Skalierbarkeit von digitalen Innovationen. Nur wenn Daten ohne manuelle Brüche zwischen den Systemen fließen, können KI-Modelle ihr volles Potenzial zur Prozessoptimierung ausschöpfen.
Stillstand im Energiesektor trotz hoher Governance-Hürden
Ein paradoxes Bild zeigt der Energiesektor. Mit durchschnittlich 5,3 Stunden pro Woche verbringen Mitarbeiter hier zwar die wenigste Zeit mit manueller Arbeit im Vergleich zu allen anderen Branchen. Gleichzeitig ist der Reifegrad der KI-Einführung in diesem Sektor am geringsten: Laut Studie gibt es derzeit kein einziges Unternehmen im Energiesektor, das KI bereits flächendeckend („widely deployed“) einsetzt.
Auffällig ist in diesem Zusammenhang der hohe Stellenwert der administrativen Kontrolle: 77 % der Organisationen im Energiesektor stufen eine zentralisierte Governance als kritisch oder sehr wichtig ein. Das ist der höchste Wert aller Sektoren. Der Fokus liegt hier offensichtlich stärker auf der Kontrolle und Sicherheit der bestehenden, oft kritischen Infrastruktur als auf der experimentellen Implementierung neuer Technologien. Die Angst vor Kontrollverlust scheint die Innovationsgeschwindigkeit zu drosseln.
Öffentlicher Sektor: Fehlerrisiko durch fehlende Automatisierung
Im öffentlichen Sektor liegt der Anteil manueller Arbeit mit 6,5 Stunden pro Woche leicht unter dem Gesamtdurchschnitt. Dennoch ist das Bewusstsein für die damit verbundenen Risiken hier besonders ausgeprägt. 93 % der Organisationen im öffentlichen Dienst geben an, dass manuelle Arbeit das Risiko für menschliche Fehler erhöht.
Bei der Einführung von KI befindet sich dieser Sektor überwiegend noch in der Vorbereitungsphase. Die Kombination aus KI-Pilotprojekten und Planungsphasen macht zusammen 82 % der untersuchten Fälle aus. Ein strukturelles Defizit zeigt sich jedoch in der strategischen Einordnung: Nur 7 % der öffentlichen Verwaltungen nutzen Integration derzeit als Governance-Ebene, um Datenströme und KI-Anwendungen abzusichern und zu steuern. Ohne diese Basis bleibt die Fehleranfälligkeit trotz Pilotprojekten hoch.
Fazit: Systemintegration als Voraussetzung für KI-Erfolg
Ein zentrales Ergebnis des Reports ist die Ernüchterung über den finanziellen Impact bisheriger KI-Investitionen. Europaweit liefern nur 26 % der KI-Projekte messbare positive Auswirkungen auf die Gewinn- und Verlustrechnung (P&L). Die Studie legt nahe, dass der Mangel an nahtloser Systemintegration der Hauptgrund für dieses Ausbleiben von Ergebnissen ist.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Deutschland zwar über ein theoretisch hohes Potenzial für Automatisierung verfügt, die Komplexität der bestehenden Systemlandschaften jedoch als massiver Bremsschuh fungiert. Der hohe manuelle Zeitaufwand von 8,5 Stunden pro Woche ist ein direktes Resultat dieser Integrationslücken. Unternehmen, die KI ohne eine vorherige Bereinigung und Integration ihrer Datenströme implementieren, laufen Gefahr, die bestehende Ineffizienz lediglich zu digitalisieren, statt sie zu beheben.