Ohne eigenen Zugriff auf Anthropics neues Modell Mythos seien europäische Banken Cyberangriffen einer neuen Qualität schutzlos ausgeliefert, warnt die Bundesbank.
Der Chefaufseher der Bundesbank, Michael Theurer, will die EU-Kommission und europäische Regierungen in die Pflicht nehmen, beim US-Unternehmen Anthropic oder bei der Trump-Regierung den Zugang zum KI-Modell Mythos zu erwirken. Das geht aus einem Reuters-Interview hervor. Hintergrund ist, dass Mythos bislang nur einigen US-Banken zur Verfügung steht, während europäische Institute außen vor bleiben.
Anthropic hatte das Modell Anfang des Monats an einen handverlesenen Kreis von Firmen ausgeliefert, unter ihnen zunächst nur ein einziges Geldhaus. Mythos ist darauf spezialisiert, Sicherheitslücken in Software aufzuspüren. Genau das macht es aus Sicht von IT-Sicherheitsfachleuten zur potenziellen Waffe: Greifer könnten damit Angriffe auf Bankensysteme erheblich beschleunigen. Aufsichtsbehörden in mehreren Ländern, darunter Großbritannien, Japan und Indien, prüfen seither die Risiken. Verschiedene Medien berichteten zuletzt, Anthropic wolle europäischen Banken in absehbarer Zeit Zugriff gewähren, ohne einen Termin zu nennen.
Theurer pocht auf eine offizielle Anfrage
„Ich halte es für notwendig, dass die Europäische Kommission und die Regierungen in Europa jetzt auch auf das Unternehmen – beziehungsweise die Vereinigten Staaten – zugehen und darum bitten, dass die Technologie geteilt wird“, zitiert Reuters den Bundesbank-Vorstand. „Es muss eine offizielle Anfrage geben, damit auch wir in Europa von den Erkenntnissen profitieren können.“
Die Banken hätten sehr wohl verstanden, womit sie es zu tun bekommen könnten, so Theurer. Solange sie das Modell aber nicht in die Hände bekämen, ließe sich nicht überprüfen, „welche Schwachstellen es identifizieren kann“. Die Institute wissen also, dass sie ein Problem haben, können es aber nicht analysieren.
Theurer sieht darin ein grundsätzliches Risiko und warnt vor einer geopolitischen Schieflage: „Wir bewegen uns möglicherweise in einen Bereich, in dem wirtschaftliche Akteure potenziell auf staatliche Unterstützung angewiesen sein könnten. Wenn man selbst keinen Zugang zu dieser Technologie hat, findet man sich naturgemäß in sehr schwierigem Fahrwasser wieder.“
Die Bundesbank und deutsche Aufsichtsbehörden befassen sich nach Reuters-Angaben gemeinsam mit den Gefahren. Auch die Bankenaufsicht der EZB, die für die größten Banken der Eurozone zuständig ist, hat bei den Instituten den Stand ihrer Vorbereitungen abgefragt.