Software der Finanzinfrastruktur

67 Jahre alte Programmiersprache COBOL steuert die globale Finanzwelt

Cobol

Die 67 Jahre alte Programmiersprache COBOL verarbeitet täglich Billionen Dollar. Doch der alternden Entwicklergeneration droht die Pensionierung.

Ein Blick auf die weltweite Finanzinfrastruktur zeigt eine bemerkenswerte informationstechnische Konstante. Trotz des rasanten Aufkommens moderner Cloud-Systeme und künstlicher Intelligenz basiert ein Großteil der globalen Geldströme nach wie vor auf einer Programmiersprache, die im Jahr 1959 entwickelt wurde. Die Rede ist von COBOL, der Common Business-Oriented Language. Die 67 Jahre alte Sprache, an deren Konzeption die Computerpionierin Grace Hopper maßgeblich beteiligt war, verarbeitet laut aktuellen Erhebungen der Association for Computing Machinery täglich ein Transaktionsvolumen von rund drei Billionen US-Dollar.

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Fast 95 Prozent aller Transaktionen an Geldautomaten und rund 80 Prozent des klassischen Schaltergeschäfts weltweit greifen im Hintergrund auf COBOL-Code zurück. In den Vereinigten Staaten von Amerika sind mehr als 40 Prozent aller Bankensysteme auf dieser historischen Grundlage aufgebaut. Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit weit über 220 Milliarden Zeilen COBOL-Code in aktiver Benutzung sind. Neben Banken und Kreditinstituten verlassen sich auch staatliche Kerninstitutionen wie das US-Finanzministerium, die US-Steuerbehörde IRS sowie die soziale Sicherheitsverwaltung auf diese fundamentale Softwarelandschaft.

Warum Banken vor einer vollständigen Migration zurückschrecken

Die anhaltende Dominanz von COBOL wirft die Frage auf, warum die weltweiten Finanzinstitute diese technologische Altlast nicht längst durch moderne Programmiersprachen wie Java, C# oder Rust ersetzt haben. Die Gründe hierfür liegen einerseits in der außergewöhnlichen funktionalen Effizienz der Sprache. COBOL wurde gezielt für die präzise, schnelle und fehlerfreie Verarbeitung massiver numerischer Datenmengen und Finanztransaktionen entwickelt. Die Systeme laufen auf Großrechnern, den sogenannten Mainframes, und weisen eine Stabilität auf, die von moderner Standardsoftware selten erreicht wird.

Andererseits erweist sich eine vollständige Migration als ein extremes administratives und finanzielles Wagnis. Ein modernes Bankinstitut betreibt kein isoliertes COBOL-Programm, sondern ein über Jahrzehnte gewachsenes, hochgradig verflochtenes Systemgeflecht. In diesen Zeilen sind unzählige geschäftliche Sonderregeln, regulatorische Vorgaben und historische Ausnahmefälle codiert, die oft nirgendwo sonst dokumentiert sind. Das Ablösen dieser Strukturen gleicht einem archäologischen Projekt am offenen Herzen des laufenden Bankbetriebs. Wie riskant solche Vorhaben sind, zeigt das Beispiel der Commonwealth Bank of Australia, die für den Abschied von COBOL fünf Jahre Entwicklungszeit benötigte und rund 750 Millionen US-Dollar aufwenden musste.

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Der drohende Generationswechsel und der Fachkräftemangel

Das eigentliche Problem der Finanzbranche ist daher nicht die Technologie selbst, sondern das schwindende personelle Fundament. Die Generation von Software-Ingenieuren, welche diese Systeme in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren aufgebaut und gewartet hat, erreicht gegenwärtig das Rentenalter. Branchenanalysten zeigen, dass diese Fachkräfte mit einer Rate von rund zehn Prozent pro Jahr aus dem aktiven Dienst ausscheiden. Ein adäquater Ersatz existiert auf dem Arbeitsmarkt nicht, da universitäre Informatikstudiengänge die Ausbildung in COBOL bereits in den 1980er Jahren fast vollständig eingestellt haben. Dadurch ist eine tiefe generationelle Lücke von fast vierzig Jahren entstanden.

Laut aktuellen Umfragen vermelden bereits 60 Prozent aller Unternehmen, die COBOL-Infrastrukturen betreiben, erhebliche Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von qualifiziertem Personal. Spezialisierte Vermittlungsagenturen wie die COBOL Cowboys haben ein Geschäftsmodell daraus entwickelt, pensionierte Programmierveteranen für temporäre Notfalleinsätze zu rekrutieren, um den Zusammenbruch kritischer Systeme zu verhindern. Welche Dimensionen dieser Mangel annehmen kann, zeigte sich bereits im Jahr 2020, als das Arbeitslosensystem des US-Bundesstaates New Jersey unter der pandemiebedingten Last kollabierte und die Regierung öffentlich pensionierte Freiwillige zur Systemrettung suchen musste.

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Die drei Bewältigungsstrategien der globalen Finanzinstitute

Um den drohenden Kontrollverlust an der Demografie-Klippe abzuwenden, setzen globale Finanzinstitute gegenwärtig auf eine Kombination aus drei Kernstrategien. Erstens zahlen Banken den verbliebenen COBOL-Senioren exorbitante Honorare und Beratergehälter, um sie im Unternehmen zu halten. Zweitens hat sich ein ungewöhnlicher Trend der Rückwärts-Migration unter jüngeren Software-Entwicklern etabliert. Programmierer in ihren Zwanzigern und Dreißigern lernen gezielt die eigentlich als veraltet geltende Sprache, da sie die extreme Knappheit am Markt als lukrative Karrierechance erkannt haben.

Sie besetzen eine hochbezahlte Nische abseits des überlaufenen Marktes für Webentwicklung. Die dritte und zukunftsweisendste Strategie umfasst den gezielten Einsatz generativer künstlicher Intelligenz. Moderne große Sprachmodelle sind in der Lage, COBOL-Code präzise einzulesen, zu analysieren und semantisch zu übersetzen. Banken nutzen diese KI-Werkzeuge intensiv, um die Dokumentation der Altsysteme zu automatisieren und die menschlichen Entwickler bei der Wartung der historischen Codebasen zu unterstützen.

Autorenbild Lisa Löw

Lisa

Löw

Junior Online-Redakteurin

IT-Verlag

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