Die Angst vor digitalen Bedrohungen ist in Deutschland so groß wie nie zuvor.
Laut dem aktuellen TechnikRadar 2026, das von acatech – der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften – auf Basis einer repräsentativen forsa-Umfrage erstellt wurde, werden Cyberangriffe und KI-gestützter Betrug von den Bürgerinnen und Bürgern als größere Gefahr wahrgenommen als Terrorismus, militärische Konflikte oder Naturkatastrophen.
Digitale Risiken dominieren die Bedrohungswahrnehmung
Mehr als acht von zehn Befragten sehen Cyberkriminalität als ernsthafte Gefahr. 85 Prozent sorgen sich um Angriffe auf Privatpersonen und Betrugsversuche mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz. Fast ebenso viele befürchten Attacken auf staatliche Einrichtungen sowie auf kritische Infrastrukturen wie Stromnetze, Mobilfunk oder die Trinkwasserversorgung.
Terrorismus und Gewaltkriminalität werden von 72 Prozent als Bedrohung wahrgenommen. Klimawandel und mögliche militärische Angriffe anderer Staaten folgen mit jeweils etwas mehr als der Hälfte der Befragten. Naturkatastrophen und Pandemien werden dagegen vergleichsweise seltener genannt.
Acatech-Präsidentin Claudia Eckert sieht darin ein deutliches Signal: Die hohe Sensibilität gegenüber digitalen Risiken müsse Politik, Wirtschaft und Forschung dazu bewegen, Cybersicherheit konsequent auszubauen und technologische Abhängigkeiten zu reduzieren.
Bedrohungsgefühl und tatsächliche Erfahrungen gehen auseinander
Obwohl Cyberangriffe als größte Gefahr angesehen werden, haben nur neun Prozent der Befragten nach eigenen Angaben in den vergangenen zwölf Monaten selbst einen entsprechenden Vorfall erlebt. Gewaltkriminalität betraf sogar lediglich zwei Prozent direkt.
Dennoch fühlen sich insgesamt 56 Prozent der Menschen in Deutschland sicher. Unterschiede zeigen sich jedoch zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Männer empfinden ihre Sicherheitslage häufiger als positiv als Frauen, Westdeutsche häufiger als Ostdeutsche. Auch der Bildungsgrad spielt eine Rolle: Akademiker fühlen sich deutlich sicherer als Menschen ohne Hochschulabschluss.
Hohe Erwartungen an den Staat
Die Mehrheit der Bevölkerung erwartet, dass der Staat in Krisen und Notlagen handlungsfähig bleibt. Rund zwei Drittel sprechen sich für eine stärkere europäische Verteidigungszusammenarbeit aus. Ebenso viele befürworten moderne Technologien und innovative Systeme für die Bundeswehr. Mehr als die Hälfte rechnet im Ernstfall mit staatlicher Unterstützung.
Gleichzeitig ist die Bereitschaft, selbst Opfer zu bringen, gering. Nur 15 Prozent würden höhere Steuern akzeptieren, um zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen zu finanzieren. Einschränkungen persönlicher Freiheiten oder eine Ausweitung staatlicher Überwachungsbefugnisse finden ebenfalls nur bei Minderheiten Zustimmung.
Der wissenschaftliche Co-Leiter der Studie, Mike S. Schäfer, verweist auf diesen Widerspruch. Die Menschen verlangten mehr Sicherheit, wollten dafür aber kaum eigene Belastungen in Kauf nehmen.
Infrastruktur wichtiger als Cyberabwehr
In einem fiktiven Szenario sollten die Teilnehmer ein zusätzliches Sicherheitsbudget von 100 Milliarden Euro verteilen. Die höchsten Beträge würden in den Schutz technischer Infrastruktur, die Bundeswehr sowie Polizei und Sicherheitskräfte fließen. Die Cyberabwehr landete trotz der hohen Bedrohungswahrnehmung überraschend auf dem letzten Platz.
Je nach politischer Orientierung unterscheiden sich die Prioritäten allerdings deutlich. Während Anhänger von CDU und CSU stärker auf militärische Verteidigung setzen, würden Linke mehr Geld in Infrastruktur und Schutz vor Extremwetter investieren. AfD-Anhänger sehen vor allem Polizei und Sicherheitsbehörden als wichtigste Empfänger zusätzlicher Mittel.
Vertrauen genießen vor allem Polizei und Wissenschaft
Wenn es um Informationen zu Sicherheitsfragen geht, genießen Sicherheits- und Rettungskräfte das größte Vertrauen. Fast drei Viertel der Befragten halten Aussagen von Polizei oder Feuerwehr für glaubwürdig. Dahinter folgen Wissenschaft und Bundeswehr.
Regierungen, klassische Medien und internationale Organisationen werden deutlich kritischer betrachtet. Besonders gering fällt das Vertrauen gegenüber Technologieunternehmen, sozialen Medien und KI-Anwendungen aus. Nur sechs Prozent halten Programme wie ChatGPT für glaubwürdig, Influencern in sozialen Netzwerken vertrauen sogar lediglich drei Prozent.
Wunsch nach mehr Mitbestimmung
Mehr als die Hälfte der Deutschen möchte stärker an technologischen Entscheidungen beteiligt werden. Vor allem Menschen mit geringem Vertrauen in staatliche Institutionen wünschen sich mehr Mitsprache. Fachleute und Wissenschaft sollen zwar weiterhin eine wichtige Rolle spielen, doch Technologieunternehmen werden kaum als geeignete Entscheidungsträger angesehen.
Studienleiter Ortwin Renn betont, dass Bürgerbeteiligung wissenschaftliche Expertise nicht ersetzen könne. Vielmehr brauche es einen offenen Dialog zwischen Politik, Wirtschaft, Forschung und Gesellschaft, um tragfähige Lösungen für künftige Herausforderungen zu entwickeln.
Skeptischer Blick auf Technik und KI
Grundsätzlich stehen die Deutschen technischen Entwicklungen weiterhin offen gegenüber. Ein übermäßiger Technikpessimismus sei laut TechnikRadar nicht erkennbar. Allerdings glauben immer weniger Menschen, dass Technologie sämtliche Probleme lösen kann. Auch die Hoffnung, dass kommende Generationen automatisch von einem besseren Leben durch technische Fortschritte profitieren, hat in den vergangenen Jahren deutlich nachgelassen.
Bei Künstlicher Intelligenz zeigt sich ein ähnliches Bild. Viele Menschen nutzen KI-Anwendungen oder holen sich dort Rat. Geht es jedoch um eigene Entscheidungen, bleibt die Mehrheit zurückhaltend. Fast die Hälfte befürchtet, durch KI die Kontrolle über wichtige Entscheidungen zu verlieren. Nur eine kleine Minderheit würde solche Entscheidungen vollständig einer Maschine überlassen.
Für die Verantwortlichen der Studie ist deshalb klar: Technologischer Fortschritt kann nur dann Akzeptanz finden, wenn er nachvollziehbar vermittelt wird und den Menschen konkrete Vorteile bringt.
(red/acatech)