Die Softwareentwicklung befindet sich mitten in einem radikalen Wandel. KI übernimmt bereits heute das Schreiben, Testen und Überprüfen großer Teile des Codes.
Entwickler konzentrieren sich zunehmend darauf, Ergebnisse zu steuern und zu verifizieren, statt sie selbst zu produzieren. Was die Softwareentwicklung heute erlebt, wird den Bereich Infrastruktur und Betrieb in drei Jahren ebenfalls prägen.
Deterministisch, regelbasiert, automatisierbar
Wer heute im IT-Betrieb arbeitet, kennt den Alltag: Serviceanfragen bearbeiten, Ressourcen bereitstellen, Patches einspielen, Systeme überwachen, Störungen abarbeiten. Ein Großteil dieser Arbeit ist deterministisch und regelbasiert, geprägt von vorhersehbaren, wiederholbaren Aufgaben, die einem klar definierten Muster folgen. Genau hier spielen KI-Agenten ihre größte Stärke aus. Sie brauchen keine Pause, keine Einarbeitung, kein Ticket-Update. Innerhalb von drei Jahren werden autonome Systeme diese Routineaufgaben auf Abruf erledigen: Zugriffsanfragen in Sekunden statt Stunden, Störungen beheben, bevor jemand benachrichtigt wird, Deployments ohne Warteschlange. Das mindert nicht den Wert des Teams. Es verändert seinen Zweck fundamental.
Die Verschiebung: vom Betrieb zur Steuerung
Die Arbeit verlagert sich vom operativen Betrieb hin zu dessen Steuerung, also vom Betreiben der Infrastruktur hin zum Betreiben der Agenten, die wiederum die Infrastruktur betreiben. Gartner prognostiziert, dass bis 2028 rund 33 Prozent aller Unternehmenssoftware-Anwendungen über agentische KI-Komponenten verfügen werden (gegenüber unter einem Prozent im Jahr 2024) und dass mindestens 15 Prozent aller täglichen Geschäftsentscheidungen dann autonom von KI-Agenten getroffen werden. Die relevanten Kompetenzen der Zukunft liegen nicht in der technischen Ausführung, sondern im Urteilsvermögen: Was darf ein Agent ohne menschliches Eingreifen tun? Wo verläuft die Grenze zwischen autonomer Effizienz und unkontrollierbarem Risiko? Und wer übernimmt die Verantwortung, wenn eine autonome Aktion um 2 Uhr morgens schiefgeht?
Security First ist kein optionales Add-on
Ein Agent, der ein Ticket schließen oder einen Ausfall beheben kann, kann auch falschen Zugriff gewähren oder einen Ausfall verursachen. Ein kompromittierter oder fehlkonfigurierter Agent ist kein lästiger Bug, sondern ein privilegierter Akteur mit direktem Zugriff auf Infrastruktur, Daten und Prozesse.
Wie schnell sich dieses Risikoprofil aufbaut, zeigt der Netskope Threat Labs AI Report 2026. Über das Model Context Protocol (MCP), die Schnittstelle, über die sich Agenten direkt mit internen Datenquellen verbinden, ist der Datenverkehr in nur zehn Wochen um 375 Prozent gestiegen. Jeder dieser Verbindungswege ist ein Kanal, über den ein Agent Daten zusammenführen und zurückliefern kann, die der anfragende Nutzer einzeln nie hätte sehen dürfen. Und genau das passiert bereits: Solche Downstream-Verstöße haben sich im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt, bei den aktivsten Unternehmen nahezu verdreifacht. Autonome Coding-Agenten, die Code nicht nur schreiben, sondern eigenständig ausführen, verschärfen die Lage zusätzlich. Sie sind binnen eines Jahres vom Experiment zum Standardwerkzeug geworden.
Autonomie ohne Kontrollrahmen ist deshalb kein Fortschritt, sondern ein neues Risikoprofil. Diese Transformation muss von Anfang an mit einer Sicherheitsstrategie aufgebaut werden, die diesen Namen verdient. Der Wert des Teams verlagert sich damit entscheidend in Richtung Überwachung, Kontrolle und Beurteilung, nicht als Rückschritt, sondern als Aufwertung.
Neue Disziplin: Agentic Platform Engineering
Für diesen Wandel entsteht derzeit ein eigenes Berufsfeld, oft als Agentic Platform Engineering bezeichnet: der Aufbau und die Steuerung der Plattformen, Sicherheitsvorkehrungen und Beobachtungsmöglichkeiten, die es einer ganzen Flotte von Agenten ermöglichen, sicher und zuverlässig zu operieren. Diese Disziplin entsteht nicht im luftleeren Raum: Gartner prognostiziert, dass mehr als 40 Prozent aller Agentic-AI-Projekte bis Ende 2027 aufgrund steigender Betriebskosten, unklarem wirtschaftlichem Nutzen und unzureichender Risikokontrolle wieder eingestellt werden. Genau diese Lücke ist es, die Agentic Platform Engineering schließen soll. Der Titel mag derselbe bleiben, doch der Schwerpunkt verschiebt sich vom Betrieb der Systeme hin zu deren Überwachung und Gestaltung. Die wertvollsten Mitglieder eines Infrastrukturteams werden diejenigen sein, die definieren, wie sich Agenten verhalten sollen, die Fehler im Agentenverhalten erkennen und die institutionelle Erfahrung vergangener Vorfälle in sich tragen, die kein Modell replizieren kann.
Klarheit wird zum entscheidenden Faktor
Wenn die Umsetzung durch KI kostengünstig wird, verlagert sich der Engpass nach vorne, hin zur Entscheidung, was überhaupt gebaut werden soll. Klarheit über Anforderungen, Prioritäten und Grenzen wird zum eigentlichen Wettbewerbsvorteil.
Die Transformation des IT-Betriebs ist keine Bedrohung für erfahrene Teams. Sie ist eine Einladung, die eigene Arbeit auf eine Ebene zu heben, die bislang im Tagesgeschäft kaum Raum hatte: Gestaltung statt Ausführung, Steuerung statt Betrieb, Verantwortung statt Reaktion. Die Frage ist nicht, ob dieser Wandel kommt. Die Frage ist, wer ihn gestaltet.