Bitte nicht noch einmal

Lock-in 2.0? Cloud-Fehler dürfen sich bei KI nicht wiederholen

KI Abhängigkeit

2026 wird es entscheidend sein, die richtigen Weichen zu stellen. Es braucht von Anfang an Portability-by-Design. Dieselben Fehler wie in der Cloud dürfen sich nicht wiederholen.

Im vergangenen Jahr wurde viel über die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz und digitaler Souveränität geredet. Jetzt müssen Taten folgen. Denn während KI zunehmend in kritische Geschäftsprozesse integriert wird, läuft Europa Gefahr, noch tiefer in die Abhängigkeit von großen US-Anbietern zu rutschen.

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Während das Jahr 2026 geopolitisch durch die Grönland-Frage mit einem Angriff auf territoriale Souveränität begonnen hat, spitzt sich in der IT ein Rechtsstreit zu, der Signalwirkung für unsere digitale Eigenständigkeit hat. Ein britischer Gebrauchtsoftware-Händler hat im Januar vor Gericht beantragt, dass Microsoft interne Dokumente zu seinem umstrittenen Lizenzprogramm „From SA“ (From Software Assurance) offenlegen soll. Damit ließe sich endlich beweisen, was für Experten schon seit Langem auf der Hand liegt: Microsoft könnte mit seiner Lizenzstrategie darauf abgezielt haben, den Sekundärmarkt auszutrocknen, um seine Cloud-Macht auszubauen. „From SA“ war ein Lizenzprogramm, das von 2014 bis 2024 lief. Es räumte Kunden Rabatte in der Cloud ein, wenn diese auch nach der Migration an ihren On-Premises-Lizenzen mit Software Assurance (SA) festhielten. Wer von den vergünstigten Konditionen profitieren wollte, durfte seine bestehenden Lizenzen also nicht verkaufen.

Die Kritik an „From SA” ist nicht neu. Bereits 2021 hatte LizenzDirekt in zahlreichen Veröffentlichungen und öffentlichen Stellungnahmen federführend den Kampf gegen die restriktiven Bedingungen aufgenommen. Dieser Druck von unten zeigte Wirkung: Microsoft ruderte zurück und strich die umstrittene Klausel. Diesen Rückzieher reklamierte LizenzDirekt seinerzeit – unwidersprochen – als Erfolg der konsequenten Gegenwehr.

Die Offenlegung interner Dokumente in England könnte jetzt endgültig ans Licht bringen, welche Strategie der Software-Gigant wirklich verfolgt haben könnte: Kunden mit allen Mitteln in die Cloud zu locken und noch enger zu binden.

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Schon wieder drastische Preiserhöhungen bei M365

Denn da Abo-Kunden ihre Software nicht mehr besitzen, sondern mieten, sind sie künftigen Lizenzänderungen hilflos ausgeliefert, sofern sie die Anwendung weiterhin nutzen möchten. Was das bedeutet, bekommen Kunden immer wieder schmerzhaft zu spüren. Nachdem Microsoft schon mehrfach die Tarife für M365 erhöht und erst vor Kurzem die volumenbasierten Rabatte abgeschafft hat, folgt am 1. Juli 2026 der nächste Preis-Hammer: Bis zu 33 Prozent mehr müssen Kunden für ihr M365-Abo künftig bezahlen. In der Schweiz will die Wettbewerbskommission WEKO daher prüfen, ob Hinweise auf unzulässige Wettbewerbsbeschränkungen vorliegen. Microsoft begründet den Aufschlag mit den zahlreichen neuen KI-Funktionen, die man bereitgestellt habe. Tatsächlich brauchen aber nur wenige Kunden diese Features und haben auch nicht darum gebeten.

KI-Projekte dürfen kein Selbstzweck sein

Künstliche Intelligenz war 2025 das Hype-Thema schlechthin und wird 2026 weiter an Fahrt aufnehmen. Bisher bleiben die Erfolge aber hinter den Erwartungen zurück. Der Kyndryl-Readiness Report 2025 zeigt, dass 46 Prozent der Unternehmen keinen positiven ROI in ihren KI-Investitionen sehen. 62 Prozent kommen nicht über die Experimentierphase hinaus. Häufig fehlen klare ROI/TCO-Kriterien, eine strategische Use Case-Priorisierung und belastbare Pilot-Metriken. KI-Projekte dürfen kein Selbstzweck sein, sondern sollten als Business-Initiativen mit definierten Zielen verstanden werden. Wenn der Implementierungsaufwand den Nutzen überwiegt und KI-Features keinen messbaren Mehrwert bringen, lohnen sie sich nicht.

2026 werden wir eine zunehmende Integration von KI in produktive Prozesse sehen. Ohne belastbare Governance-Struktur, Kontrollmechanismen und technische Leitplanken gehen damit hohe Risiken einher. Gleichzeitig verstärkt KI die digitale Abhängigkeit noch weiter, je tiefer sie in kritische Geschäftsprozesse eingebettet wird. Diese Ausbreitung von KI stellt Europa vor die nächste Souveränitäts-Krise, warnt auch Professor Dr. Harald Wehnes, Sprecher des Präsidiumsarbeitskreises „Digitale Souveränität“ der Gesellschaft für Informatik e.V.. „Wir dürfen nicht dieselben Fehler wiederholen wie bei der Cloud“, sagt der IT-Spezialist im Interview mit CloudComputing-Insider. Wehnes empfiehlt, europäische KI-Modelle zu nutzen und in einem geschlossenen Umfeld zu betreiben, am besten im eigenen Rechenzentrum. Die souveränen Cloud-Angebote der Hyperscaler hält auch er für Etikettenschwindel.

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Vorsicht vor Souveränitäts-Washing

Microsoft, Amazon und Google haben längst erkannt, dass digitale Souveränität in Europa zum schlagkräftigen Verkaufsargument geworden ist. Alle drei großen Hyperscaler haben mittlerweile sogenannte europäische souveräne Clouds vorgestellt, mit denen sie sich als Hüter der Unabhängigkeit inszenieren. Sie werben mit Air-gapped-Szenarien, isolierten Regionen und einer operativen sowie technischen Trennung vom amerikanischen Mutterkonzern. Gerade erst ging die AWS European Sovereign Cloud an den Start, die vollständig von der normalen AWS-Infrastruktur abgekoppelt sein soll und ausschließlich von Mitarbeitenden mit Wohnsitz in der EU betrieben wird. Doch bei allen Bemühungen, möglichst europäisch zu wirken, trügt der schöne Schein. Denn solange die Technologie, Sicherheitspatches und Updates aus den USA kommen, sind die Angebote niemals wirklich unabhängig. Nach wie vor bleibt die Entscheidungsmacht, ob Services weiterentwickelt oder Sicherheitslücken geschlossen werden, beim ausländischen Hersteller.

Was Organisationen 2026 tatsächlich angehen sollten

Es ist geradezu absurd, beim Thema digitale Souveränität ausgerechnet auf die Anbieter zu vertrauen, die in den vergangenen Jahren alles dafür getan haben, Kunden immer tiefer in die Abhängigkeit zu treiben. Unternehmen und Behörden sollten daher genau hinsehen, bevor sie sich von den Marketing-Versprechen der großen Hyperscaler blenden lassen. Das Thema digitale Souveränität ist zu wichtig, als dass man es leichtfertig abhandeln könnte – gerade im Hinblick auf die zunehmende Integration von KI. Wahre Eigenständigkeit beginnt damit, sich bestehender Abhängigkeiten, Risiken und Kosten bewusst zu werden und Schritt für Schritt abzubauen. Dafür brauchen Unternehmen und Behörden die Fähigkeit, geschäftskritische Systeme sowohl rechtlich als auch technisch und wirtschaftlich selbstbestimmt zu betreiben.

Zu den wichtigen Werkzeugen zählen offene Standards, hybride Architekturen mit automatisierter Governance sowie Multi-Sourcing-Strategien. Die konsequente Umsetzung von Portability-by-Design wird zum zentralen Baustein für die Sicherstellung der Wechsel- und Exit-Fähigkeiten. Oft noch unterschätzt wird die Bedeutung des Software-Sekundärmarkts als wirksames Instrument, um Lock-in-Effekte zu reduzieren, Kosten zu senken und Entscheidungsfreiheit zurückzugewinnen. Aus gutem Grund hat Microsoft versucht, diese Kraftquelle der europäischen Selbstbestimmung mit seiner „From-SA“-Lizenzpolitik zu ersticken. Denn wenn Unternehmen Software besitzen, statt zu mieten, können sie diese unabhängig nutzen und mit gebrauchten Lizenzen Kosten sparen.

Fazit: Jetzt die richtigen Entscheidungen treffen

Souveränität zurückzugewinnen gelingt nicht in einem Big Bang, sondern erfordert eine konsequente Entkopplungs-Strategie, um sich schrittweise aus jahrzehntelang gewachsenen Abhängigkeiten zu lösen. Im Hinblick auf die KI-Transformation haben Unternehmen und Behörden jetzt die Chance, gleich die richtigen Entscheidungen zu treffen und darauf zu achten, dass ein Anbieterwechsel jederzeit möglich ist. Portabilität lässt sich zum Beispiel durch Werkzeuge wie Infrastructure as Code, Policy-as-Code, Containerisierung und offene Schnittstellen sicherstellen. Hybride Infrastrukturen, die die Clouds verschiedener Anbieter und On-Premises-Systeme kombinieren, sowie der Einsatz von Gebrauchtsoftware in BYOL-Modellen (Bring-your-Own-License) schaffen die Voraussetzung, um die Gesamtbetriebskosten nachhaltig zu kontrollieren. So können Unternehmen und Behörden die Machtstrukturen der großen Hyperscaler aufbrechen und in eine selbstbestimmte Zukunft steuern.

Andreas E. Thyen LizenzDirekt

Andreas

E. Thyen

Präsident des Verwaltungsrats

LizenzDirekt AG

Andreas E. Thyen ist Präsident des Verwaltungsrats der LizenzDirekt AG und bereits seit über 20 Jahren in führenden Positionen auf dem Gebrauchtsoftware-Markt tätig. Schwerpunkt seiner Tätigkeit war insbesondere die Klärung rechtlicher Fragestellungen. Er ist zudem ausgewiesener Experte für den Einsatz von gebrauchten Software-Lizenzen im Behördenmarkt. (Bildquelle: Lizenzdirekt)
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