Automatisierung

Der digitale Zwilling als Datenfundament für KI-gestützte Infrastrukturen

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KI-Agenten versprechen, operative Aufgaben in IT- und Netzwerk-Infrastrukturen deutlich stärker zu automatisieren als bisherige Assistenzsysteme.

Sie gehen über reine Funktionen wie Zusammenfassungen oder Textentwürfe hinaus, weil sie Daten auswerten, Werkzeuge anstoßen und mehrstufige Workflows mit reduziertem manuellem Aufwand und klar definierten menschlichen Freigaben ausführen können. In komplexen IT- und Netzwerk-Infrastrukturen verspricht dies enorme Effizienzsprünge – von der automatisierten Kapazitätsplanung bis zur autonomen Fehlersuche. Doch in der Praxis scheitert dieser Ansatz häufig an einem fundamentalen Problem: der mangelnden Datenbasis. Denn ohne eine valide „Ground Truth“ trifft der Agent zwar schnelle, aber potenziell falsche Entscheidungen – etwa bei Kapazitätsplanung, Change-Ausführung oder Fehlerdiagnose.

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In modernen Rechenzentren und Telekommunikationsnetzen sind die möglichen Einsatzgebiete für KI-Agenten vielfältig. Ein solcher Agent könnte beispielsweise verfügbare Kapazitäten über mehrere Standorte hinweg bewerten, konkrete Ressourcenallokationen vorschlagen und – nach Freigabe – ausführen. Zudem kann er die Abhängigkeitskette von der Anwendung bis zum physischen Kabelsegment in Sekunden nachverfolgen. So lässt sich die Fehlerursache ohne manuelle Eingriffe bis zur betroffenen physischen Komponente zurückverfolgen. Dabei nutzen diese KI-Systeme strukturierte Daten über physische, logische und virtuelle Schichten, um Entscheidungen zu treffen. Ob diese Entscheidungen sinnvoll und belastbar sind, hängt jedoch unmittelbar von der Qualität der zugrunde liegenden Daten ab.

Das Grounding-Problem: Wenn der KI die aktuelle Realität fehlt

Eine Herausforderung in diesem Kontext ist das sogenannte „Grounding“. Dabei handelt es sich um den Prozess, bei dem die Algorithmen eines KI-Agenten mit präzisen, aktuellen Daten aus der realen Welt verknüpft werden. In Infrastrukturumgebungen entsteht das Risiko häufig nicht durch frei erfundene Inhalte, sondern durch veraltete, unvollständige oder nicht validierte Betriebsdaten. Deutlich wird dies an folgendem Szenario: Ein KI-Agent plant den Ausbau eines GPU-Clusters in einem Rechenzentrum und identifiziert freie Racks. Was die KI nicht weiß: Diese Racks wurden vor Monaten physisch umkonfiguriert, was jedoch nicht im System dokumentiert ist. Während ein menschlicher Techniker den Fehler vor Ort sofort bemerken würde, leitet die KI in hohem Tempo fehlerhafte Workflows ein. Die Folge können fehlerhafte Change-Tickets, falsche Reservierungen, unnötige Eskalationen oder sogar Risiken für Stromversorgung und Kühlung sein.

Um KI-Agenten korrekt zu füttern, vertrauen viele Unternehmen auf ihre zentralen Datenplattformen wie Data Lakes oder CMDBs (Configuration Management Databases). Diese Systeme sind wichtige Bausteine, reichen allein jedoch häufig nicht aus, weil sie die physische Realität und die tatsächlichen Abhängigkeiten nur teilweise abbilden. Infrastrukturdaten stellen besondere Anforderungen: Sie sind hochgradig relational, ändern sich kontinuierlich und müssen regelmäßig gegen die physische Realität validiert werden. Zudem sind Data Lakes für tabellarische Daten optimiert, während Infrastrukturen einem komplexen Aufbau folgen. Data Lakes haben zudem oft kein Domänenmodell, das Zusammenhänge zwischen Komponenten wie Ports, Kabeln, Stromkreisen, Racks, Services und Standorten abbildet. Klassische CMDBs wiederum konzentrieren sich auf das Service-Management und stoßen auf der logischen Ebene an ihre Grenzen. Einem KI-Agenten fehlt dabei die physische Präzision – etwa welcher Server an welchem Port und über welchen Stromkreis angeschlossen ist.

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Regulatorischer Druck als Qualitätstreiber: NIS2, DORA und der AI Act

Neben der operativen Notwendigkeit erhöhen neue regulatorische Rahmenbedingungen die Anforderungen an die Datenqualität massiv: Die EU-Richtlinie NIS2 verpflichtet Betreiber kritischer Infrastrukturen zu einem belastbaren Asset- und Risikomanagement, während DORA von Finanzinstituten verlangt, ihre IKT-Assets und deren Abhängigkeiten zu identifizieren, zu klassifizieren und zu dokumentieren. Ein kontinuierlicher Nachweis der Resilienz ist ohne eine valide Datenbasis jedoch kaum möglich. Der EU AI Act verstärkt zudem für Hochrisiko-Anwendungen, darunter KI-Systeme, die Anforderungen an Datenqualität, Protokollierung, Nachvollziehbarkeit und Governance die als Sicherheitskomponente im Betrieb kritischer Infrastrukturen eingesetzt werden. Damit Entscheidungen einer KI nachvollziehbar und rekonstruierbar bleiben, ist ein revisionssicheres Abbild der Infrastruktur erforderlich.

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Der digitale Zwilling als KI-Fundament

Eine zentrale Voraussetzung für belastbare KI-gestützte Infrastrukturprozesse ist ein kontinuierlich gepflegter digitaler Zwilling der Infrastruktur. Er fungiert als zentraler Context Layer für die KI und bietet weit mehr als eine statische Bestandsaufnahme. Denn ein echter digitaler Zwilling ist in der Lage, drei zeitliche Perspektiven gleichzeitig abzubilden: die historische Konfiguration (Vergangenheit), den validierten Ist-Zustand (Gegenwart) sowie geplante Änderungen (Zukunft). Nur so kann ein KI-Agent sicher unterscheiden, ob es sich bei einer Abweichung um eine unzulässige Anomalie oder eine geplante Wartung handelt.

Im Ergebnis profitiert die Infrastruktur von einer validen und belastbaren Datenbasis, also einer Ground Truth, die als verlässliches Fundament für performante, KI-gestützte Prozesse fungiert. Im Idealfall entsteht ein Closed Loop: Änderungen werden zunächst im digitalen Zwilling geplant, anschließend kontrolliert umgesetzt und danach durch Discovery- oder Erkennungstools mit der realen Umgebung abgeglichen. Abweichungen fließen wieder in das Modell zurück.

Damit aus Automatisierung kein Kontrollverlust wird, müssen KI-Agenten in klare Governance-Strukturen eingebettet sein: mit rollenbasierten Berechtigungen, Freigabeschritten, Audit Logs, Richtlinien für zulässige Aktionen und definierten Rollback-Prozessen.

Von der Dokumentation zum strategischen Asset

Unternehmen, die heute in einen validierten digitalen Zwilling investieren, schaffen nicht nur die Voraussetzung für Compliance unter NIS2 und DORA. Sie legen auch den Grundstein für belastbare, KI-gestützte Workflows in ihrer Infrastruktur – und ebnen damit den Weg für deren Automatisierung. Eine zentrale Bedeutung erlangen hierbei Infrastruktur-Management-Plattformen, die sich in diesem Kontext zu einer zentralen Grundlage für Infrastruktur-KI entwickeln. Über API-first-Architekturen und Standards wie das Model Context Protocol (MCP) kann der digitale Zwilling zudem als kontrollierte Schnittstelle für KI-Agenten dienen – etwa um Topologie-, Kapazitäts- oder Abhängigkeitsdaten gezielt abzufragen. Der digitale Zwilling wird damit vom Dokumentationswerkzeug zum operativen Vertrauensanker: Nur wer seine Infrastruktur verlässlich modelliert, kann sie auch sicher durch KI automatisieren lassen.

Oliver

Lindner

Director of Product Management

FNT

Oliver Lindner ist Director of Product Management bei der Ellwanger FNT GmbH. Er verfügt über rund 30 Jahre Erfahrung in der IT und im Management von IT-Infrastrukturen mit Schwerpunkt auf Rechenzentren.
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