Kreislaufwirtschaft

Was Unternehmen über Digitale Produktpässe wissen müssen

Digitaler Produktpass

Digitale Produktpässe machen Produktdaten über den gesamten Lebenszyklus hinweg strukturiert verfügbar. Sie bündeln technische, regulatorische und nachhaltigkeitsrelevante Informationen – von Materialzusammensetzung bis Recycling.

Für Unternehmen entsteht damit eine neue, digitale Datenbasis, die IT-Systeme, Compliance-Prozesse und datenbasierte Services miteinander verbindet. Elektroschrott wird immer seltener als Abfall behandelt, denn er ist eine wertvolle Quelle für Kupfer, Silber, Gold und andere Stoffe. Für IT-Abteilungen bedeutet das vor allem eines: Produkt- und Materialdaten müssen erstmals über Systemgrenzen hinweg konsistent, aktuell und nachvollziehbar verfügbar sein. Doch auf einen Blick ist meist nicht erkennbar, welche Materialien sich in einem Elektronikgerät befinden. Deshalb verlangt die EU in Zukunft sogenannte Digitale Produktpässe (DPPs) mit diesen Hintergrundinfos. 

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Letztlich sollen alle Waren solche Pässe erhalten. Den Anfang machen 2027 Batterien, zum Beispiel von Elektroautos. Sie verlieren langsam Kapazität und arbeiten irgendwann nicht mehr effizient. Nun sind sie in einem zweiten Leben als Stromspeicher nutzbar. Erst nach weiteren Jahren ist die Kapazität auch dafür zu gering. Doch trotzdem ist die Batterie dann zu wertvoll für die Müllhalde, da sie sich zu etwa 90 Prozent recyceln lässt – für neue Batterien.

Batterien mit Lebenslauf

Diese kurze Beschreibung ist eine Art Lebenslauf einer Fahrbatterie. Seine Eckdaten und andere Informationen finden sich im Batteriepass. Er nennt zudem die genaue Zusammensetzung und enthält Hinweise für Reparatur, Weiternutzung oder Recycling. Technisch gesehen ist der Batteriepass und jeder andere Digitale Produktpass (DPP) ein Datensatz in einem dezentralen Speicher.

Neben den bisher geschilderten Angaben enthält er Hinweise zum CO2-Fußabdruck sowie zur Herkunft der genutzten Materialien. Zudem kann er von den Herstellern für zusätzliche Informationen wie beispielsweise Bedienungsanleitungen, Referenzhandbücher, Schaltpläne und vieles mehr genutzt werden. Der Zugriff erfolgt kontrolliert und rollenbasiert: Während bestimmte Informationen öffentlich einsehbar sind, erhalten Behörden, Geschäftspartner oder Serviceanbieter nur Zugriff auf die jeweils relevanten, nicht-öffentlichen Daten. 

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So funktioniert der Produktpass

Der Zugriff auf den DPP einer Ware erfolgt über eine eindeutige Kennung direkt am Produkt, auf der Verpackung und in der Produktdokumentation. Die einfachste Möglichkeit ist ein Aufkleber mit einem QR-Code. Das ist kostengünstig, sehr leicht umzusetzen und zudem mit jedem Smartphone auslesbar. Der Scan führt dann zum Aufruf einer Website, die auf eine Onlinedatenbank mit allen Infos zugreift.

Dazu gibt es Alternativen. Einige Anbieter von Produktpässen ermöglichen mit RFID-Tags das Scannen aus größeren Distanzen, hilfreich für automatisierte Prozesse in der Intralogistik. NFC-Chips bieten eine höhere Sicherheit und speichern zudem Daten wie etwa Frachtpapiere direkt. Sie sind jedoch aufwändig und eignen sich deshalb eher für hochpreisige Produkte. 

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Hersteller verantworten ihre Produktdaten

In der Cloud soll der DPP mehr sein als eine einfache Produktseite. Die enthaltenen Informationen müssen laut Regulierung verifizierbar, manipulationssicher und rollenbasiert zugänglich sein. Dies wird durch offene Standards wie dezentrale Identifikatoren und kryptografisch signierte Nachweise ermöglicht. So können Verbraucher Nachhaltigkeitsinformationen einsehen, während Behörden oder Geschäftspartner auf detaillierte, nicht öffentliche Daten zugreifen. Durch diese Trennung werden sensible Informationen nicht unkontrolliert geteilt.

Die EU-Verordnungen sehen vor, dass jeder Akteur innerhalb einer Wertschöpfungskette seine eigenen Produktdaten verantwortet und per Software bereitstellt. Anders ausgedrückt: Ab 2027 erreicht die Pflicht zu einem Digitalen Produktpass nach und nach jede Branche. Unternehmen sollten deshalb frühzeitig damit beginnen, den DPP als Teil ihrer IT-Strategie zu verstehen – nicht als isolierte Compliance-Anforderung, sondern als langfristige Daten- und Integrationsaufgabe.

Vorteile für Vorreiter

Wer jetzt den DPP einführt, erfüllt alle EU-Regeln frühzeitig und kann sich so Wettbewerbsvorteile gegenüber langsameren Konkurrenten verschaffen. Doch es geht nicht nur um Compliance. Der Produktpass schafft für Unternehmen strategische Wettbewerbsvorteile durch verbesserte Datentransparenz und Prozesseffizienz.

Er stellt sicher, dass alle produktrelevanten Informationen über den gesamten Lebenszyklus hinweg zentral und verlässlich verfügbar sind. Als „Single Source of Truth“ sorgt er dafür, dass Interessenten auf korrekte und konsistente Daten zugreifen können. Alle Produktinformationen sind stets auf dem neuesten Stand, sodass sich das Risiko von Fehlern bei der Reparatur oder Verwertung eines Produkts verringert.

Startpunkt für digitale Services

In seiner Grundform ist der DPP die Basis für Geschäftsmodelle mit Re-use, Repair, Refurbish oder Recycle sowie für die endgültige Entsorgung. Er informiert über die Gefährlichkeit der verbauten Stoffe, ihre Gewichts- und Volumenanteile, über Vorgehensweisen bei Reparatur, Demontage oder Entsorgung und vieles mehr.

In komplexen, globalen Lieferketten ermöglicht der DPP die lückenlose, digitale Nachverfolgbarkeit vom Rohstoffabbau bis zum Endprodukt. Damit wird die Kreislaufwirtschaft gestärkt und Greenwashing vermieden. Zudem sind Produktpässe ein Ansatzpunkt für die Prozessautomatisierung. 

Workflows und Prozessketten rund um das eigentliche Produkt werden damit vereinfacht. Aufbauend darauf können Unternehmen den DPP als Startpunkt für zusätzliche Services nutzen. Ein Beispiel wäre die Remote-Unterstützung bei der Reparatur oder Demontage. Der Digitale Produktpass wird damit zum digitalen Rückgrat für neue Services, die auf seinen Informationen aufbauen.

Ricky Thiermann

Ricky

Thiermann

Leiter des Produktmanagements

Spherity

Ricky Thiermann ist Leiter des Produktmanagements bei Spherity und Experte für digitale Produktpässe (DPPs), dezentrale Identitäten und europäische digitale Vertrauensinfrastrukturen.
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