Wer seinen Mainframe schnell loswerden will, dürfte bis 2030 bitter enttäuscht sein. Gartner zufolge scheitern die meisten Ausstiegsprojekte, weil Anbieter mehr versprechen als sie halten können.
Mehr als 70 Prozent aller Mainframe-Ausstiegsprojekte, die 2026 gestartet werden, werden ihre angestrebten Ziele verfehlen. Das prognostiziert das Marktforschungsunternehmen Gartner in einer aktuellen Analyse. Als Hauptgrund nennen die Analysten eine systematische Überschätzung der Fähigkeiten generativer KI-Werkzeuge bei der Migration komplexer Legacy-Systeme.
KI-Versprechen treffen auf Mainframe-Realität
„Es klafft eine immer größere Lücke zwischen den Marketing-Versprechen generativer KI und ihrer tatsächlichen Fähigkeit, komplexen Legacy-Code zu transformieren und zu migrieren“, sagt Alessandro Galimberti, VP Analyst bei Gartner. Erschwerend komme hinzu, dass Investorendruck viele Anbieter dazu treibe, KI-Funktionen in ihre Produkte einzubauen, unabhängig davon, ob das die Ergebnisse tatsächlich verbessere.
Galimberti warnt vor einem perfekten Sturm aus mehreren Risikofaktoren: die geschäftskritische Natur von Mainframe-Anwendungen, der zunehmende Fachkräftemangel bei erfahrenen Mainframe-Experten und schlecht geplante Ausstiegsstrategien verschärften die Lage erheblich. Scheiternde Migrationsprojekte seien dabei nicht nur mit Kostenüberschreitungen verbunden, sondern könnten den laufenden Betrieb ganzer Unternehmen gefährden.
Anbietermarkt vor massiver Konsolidierung
Neben dem Scheitern einzelner Projekte erwartet Gartner einen tiefgreifenden Wandel im Anbietermarkt. Bis 2030 sollen demnach 75 Prozent der auf Mainframe-Exit spezialisierten Anbieter entweder ihr Geschäftsmodell grundlegend ändern oder den Betrieb ganz einstellen. Als Grund nennen die Analysten zurückgehende Nachfrage nach pauschalen Migrationslösungen sowie eine zunehmend realistischere Einschätzung der Möglichkeiten durch die Kundenseite.
Gleichzeitig investieren etablierte Anbieter wie IBM, BMC, Broadcom, Rocket Software und 21CS weiter in die Mainframe-Plattform als strategische Infrastruktur. Auch Managed-Service-Anbieter wie DXC, GTSG und Kyndryl stärken laut Gartner ihre Mainframe-Aktivitäten, was die Plattform keineswegs als Auslaufmodell erscheinen lässt.
Modernisierung statt Migration
Statt auf vollständigen Ausstieg zu setzen, empfiehlt Gartner einen differenzierteren Ansatz. Generative KI eigne sich demnach besser dazu, Modernisierungsmaßnahmen direkt auf dem Mainframe zu unterstützen, anstatt Migrationen auf andere Plattformen zu beschleunigen.
Die passende Strategie hänge dabei stark von der Größe und Komplexität der jeweiligen Mainframe-Umgebung ab. Für mittlere Umgebungen, das größte Marktsegment, empfiehlt Gartner, bestehende Mainframe-Investitionen zu optimieren und vollständige Plattformausstiege nur in klar begründeten Einzelfällen zu verfolgen. Kleinere Umgebungen könnten hingegen Mainframe-as-a-Service als kosteneffiziente Hosting-Option in Betracht ziehen und sich auf den Austausch veralteter Drittsoftware sowie gezielte Modernisierungen konzentrieren.
(red)