In ganz Europa erkennen Regierungen und Unternehmen, dass die Kontrolle über Daten gleichbedeutend ist mit der Kontrolle über Innovationen: Die Souveränität der Cloud hat sich von einem Compliance-Thema zu einem entscheidenden Faktor für Wettbewerbsfähigkeit und Vertrauen entwickelt.
Die Ausschreibung der Europäischen Kommission im Rahmen ihres Cloud III Dynamic Purchasing System zur Beschaffung souveräner Cloud-Dienste für EU-Institutionen im Wert von 180 Millionen Euro läutet eine neue Phase der digitalen Selbstbestimmung ein. Der Übergang von öffentlichen, privaten oder hybriden Cloud-Konfigurationen zu einer souveränen Umgebung erfordert jedoch sorgfältige Planung.
Zu einer guten Planung gehört es, zu wissen, wo sich Daten befinden, wie sie übertragen werden und wer sie kontrolliert. Es bedarf einer klaren Strategie für Workloads, zur Verwaltung von Daten und für flexible, konforme Cloud-Architekturen.
Workloads an die richtige Umgebung anpassen
Im Zentrum einer erfolgreichen Souveränen Cloud steht ein einfaches Prinzip: die richtige Workload in die richtige Umgebung zu bringen. Es gibt keine Einheitslösung, die für alle Anwendungen geeignet ist. Unternehmen müssen jede Workload auf die Cloud-Umgebung abstimmen, die ihren Compliance-, Betriebs- und Leistungsanforderungen am besten entspricht, um zu bestimmen, ob sie in eine öffentliche, private oder souveräne Cloud gehört. Einige Anwendungen können in einer Hyperscaler-Umgebung gut funktionieren, während andere die Kontrolle und Sicherheit einer souveränen Umgebung erfordern.
Diese Realität hat Hybrid-Cloud-Strategien zur Norm gemacht. In den letzten zehn Jahren haben sich viele Unternehmen zunächst für einen einzigen Hyperscaler für alle Workloads entschieden, nur um dann festzustellen, dass unterschiedliche Anwendungen unterschiedliche Anforderungen haben. Heute gilt „Right Workload, Right Place”. Dieser hybride Ansatz ermöglicht es Unternehmen, Innovation und Kontrolle in Einklang zu bringen, gleichzeitig eine Bindung an einen bestimmten Anbieter zu vermeiden und die Stärken verschiedener Cloud-Ökosysteme effektiver zu nutzen.
Kenne Deine Daten
Unternehmen können nicht sichern oder kontrollieren, was sie nicht vollständig verstehen. Eine umfassende Datenklassifizierung ist ein wichtiger erster Schritt. Falsch klassifizierte Daten sind häufig ein Compliance-Risiko, während eine übermäßige Klassifizierung, die oft aus Risikoscheu resultiert, zu zusätzlicher operativer Komplexität und Kosten führen kann. Viele Unternehmen behandeln alle Daten aus Sicherheitsgründen als streng vertraulich, was zu übermäßigen Investitionen in sichere Infrastruktur führen kann.
Ebenso wichtig ist es, Datenflüsse über Grenzen und Anbieter hinweg zu erkennen. Compliance-Blindspots treten häufig auf, wenn Daten „versehentlich“ in Ländern mit restriktiven Datenschutzgesetzen gespeichert oder verarbeitet werden. Zu verstehen, wo sich sensible Daten befinden, wie sie bewegt werden und welche Vorschriften gelten, ist unerlässlich, um Risiken zu reduzieren, Verantwortlichkeit zu demonstrieren und das Vertrauen von Partnern und Kunden zu erhalten. Jede nachträgliche Anpassung bestehender Infrastrukturen an Compliance-Anforderungen ist kostspielig und komplex. Es ist weitaus effizienter, dieses Verständnis von Anfang an in die Cloud-Architektur zu integrieren.
Architektur für Flexibilität
Flexibilität ist der Grundstein für eine effektive Implementierung souveräner Clouds. Architekturen, die auf Interoperabilität und Portabilität ausgelegt sind, ermöglichen eine nahtlose Verlagerung von Workloads zwischen privaten, öffentlichen und souveränen Clouds.
Diese Anpassungsfähigkeit ist angesichts der Risiken, die sich aus geopolitischen oder regulatorischen Veränderungen ergeben können, von entscheidender Bedeutung. Hyperscaler können aufgrund extraterritorialer Gesetze wie dem US-amerikanischen CLOUD Act, der der Regierung den Zugriff auf Daten amerikanischer Unternehmen im Ausland erlaubt, nicht immer Souveränität garantieren. Im Gegensatz dazu ermöglicht die Zusammenarbeit mit lokalen Cloud-Betreibern es Unternehmen, die rechtliche Kontrolle über ihre Daten zu behalten und gleichzeitig die neuesten Technologien zu nutzen. Darüber hinaus kann die Zusammenarbeit mit lokalen Cloud-Betreibern zahlreiche Vorteile für die technologische Souveränität bieten. Dazu gehören Investitionen in das lokale Ökosystem sowie die Stärkung der industriellen Basis. Außerdem können dadurch Probleme in der Lieferkette besser adressiert und die Interoperabilität zwischen verschiedenen Systemen gefördert werden. Ein weiterer Vorteil besteht in der Vermeidung von Anbieterabhängigkeiten. Gleichzeitig ermöglicht die Zusammenarbeit eine stärkere operative Kontrolle und unterstützt ein effektiveres Management von Abhängigkeiten.
Souveränität ist keine Einschränkung, sondern ein Gestaltungsprinzip, welches die Infrastruktur, die Datenplatzierung und die Anwendungsbereitstellung leitet. Unternehmen, die Anpassungsfähigkeit priorisieren, können die Einhaltung von Vorschriften mit Innovation und langfristigem strategischem Wachstum in Einklang bringen.
Die Kraft von Partnerschaften
Partnerschaften spielen dabei eine entscheidende Rolle. Kein einzelner Anbieter oder keine einzelne Plattform kann die Herausforderungen der Souveränität allein lösen; in der vernetzten Lieferkette von heute gibt es keine perfekte vertikale Integration von Lieferanten innerhalb einer Region.
Open Source wird hier oft als Lösung für mehr Autonomie präsentiert, doch in Wirklichkeit werfen Open-Source-Anwendungen Fragen hinsichtlich der Herkunft des Codes, der Zuverlässigkeit einer Lösung bei großflächigem Einsatz und Abhängigkeiten vom Support auf.
Die erfolgreichsten souveränen Cloud-Umgebungen kombinieren globale Technologieanbieter, lokale Betreiber und vertrauenswürdige EMEA-Partner wie evoila und Arvato. Dieser kooperative Ansatz stärkt nicht nur Compliance und Transparenz, sondern beschleunigt auch Innovationen, indem er sicherstellt, dass die Governance kein Hindernis für den Fortschritt darstellt. Ein lokales Ökosystems garantiert währenddessen, dass Lösungen mit einem hohen Maß an Autonomie betrieben werden können.
Angesichts der sich wandelnden regulatorischen und geopolitischen Rahmenbedingungen sind Unternehmen, die einen offenen Dialog innerhalb ihrer Lieferkette und ihrer internen Teams fördern, am besten gerüstet. Bei Souveränität geht es ebenso sehr um Abstimmung, strategische Entscheidungen und Verantwortlichkeit wie um Infrastruktur.
Der strategische Vorteil
Souveräne Cloud ist nicht mehr nur eine Frage der Compliance, sondern ein strategischer Differenzierungsfaktor. Unternehmen, die ihre Daten verstehen, auf Anpassungsfähigkeit ausgelegt sind und interoperable, offene Plattformen wählen, gewinnen an Flexibilität, Auswahlmöglichkeiten und operativer Kontrolle. Sie sind besser positioniert, um global zu skalieren, auf regulatorische oder geopolitische Veränderungen zu reagieren und innovativ zu sein.
Letztendlich ist Souveränität kein Hemmnis für Innovation, sondern der Rahmen, der nachhaltige Innovation ermöglicht. Erfolgreich werden diejenigen Unternehmen sein, die Souveränität als Katalysator für intelligentere Architektur, operative Klarheit und langfristige Widerstandsfähigkeit betrachten. Mit dem Prinzip „Right Workload, Right Place” werden diese Unternehmen nicht nur regulatorische Erwartungen erfüllen, sondern auch einen echten Wettbewerbsvorteil genießen.
Autor: Björn Brundert, Chief Technologist bei Broadcom