Cloud-Souveräntät ist keine ideologische, sondern eine pragmatische Frage geworden. Steigende Kosten, neue Regulierungen und komplexe Abhängigkeiten zwingen Unternehmen, ihre Infrastruktur-Entscheidungen kritisch zu prüfen.
Dr. Christian Kaul, CEO bei Impossible Cloud, erklärt, welche technischen und strategischen Faktoren 2026 entscheidend werden und warum Handlungsfähigkeit zum wichtigsten Kriterium für Cloud-Strategien wird.
Herr Kaul, 2025 stand Cloud-Infrastruktur stärker denn je im Fokus strategischer Entscheidungen. Was war aus Ihrer Sicht die wichtigste Erkenntnis des vergangenen Jahres für IT-Entscheider in Bezug auf Cloud-Souveränität?
Christian Kaul: 2025 war das Jahr, in dem vielen Unternehmen klar geworden ist, dass Cloud-Souveränität kein Randthema mehr ist, sondern eine Voraussetzung für stabile IT- und Geschäftsprozesse. Die Cloud ist gesetzt, darüber diskutiert niemand mehr. Aber die Frage, unter welchen Bedingungen sie betrieben wird, ist plötzlich sehr präsent geworden.
Viele IT-Entscheider haben gemerkt, dass sie zwar technologisch hochmodern aufgestellt sind, aber bei zentralen Punkten wie Kostenkontrolle, Exit-Fähigkeit oder rechtlicher Kontrolle wenig Spielraum haben. Souveränität wird deshalb nicht mehr ideologisch diskutiert, sondern sehr pragmatisch: als Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und notfalls auch wieder zu ändern. Diese Perspektive hat sich 2025 deutlich durchgesetzt.
Der Begriff „digitale Souveränität“ wird oft politisch aufgeladen. Wenn Sie es rein technisch betrachten: Woran erkennt ein IT-Leiter heute, ob seine Cloud-Infrastruktur wirklich souverän ist – und nicht nur „europäisch gelabelt“?
Christian Kaul: Technisch ist Souveränität erstaunlich klar messbar. Es geht nicht um Herkunftsversprechen, sondern um konkrete Kontrollmechanismen. Ein zentraler Punkt ist die Schlüsselhoheit: Wer verwaltet die Verschlüsselungsschlüssel tatsächlich und wer könnte im Ernstfall Zugriff erzwingen?
Genauso wichtig sind die Datenpfade. Viele Unternehmen gehen davon aus, dass Daten automatisch im europäischen Raum bleiben, wenn ein Anbieter hier Rechenzentren betreibt. In der Praxis entscheidet aber die Architektur: also wie Netzwerke aufgebaut sind, wo Peering stattfindet und ob Metadaten außerhalb Europas verarbeitet werden.
Und schließlich geht es um Portabilität. Eine souveräne Cloud ist so gebaut, dass ein Wechsel technisch vorgesehen ist – nicht als Ausnahme, sondern als Normalfall. Wenn Daten nur mit hohem Aufwand oder über proprietäre Mechanismen migrierbar sind, dann ist man faktisch gebunden. Souveränität entsteht dort, wo Wechselbarkeit architektonisch mitgedacht wurde.
2025 haben Regulierung und Geopolitik spürbar Einfluss auf Cloud-Strategien genommen – vom EU Data Act bis zu neuen Sicherheitsanforderungen. Wie stark verändern diese Vorgaben die Architektur-Entscheidungen in der Praxis?
Christian Kaul: Sie verändern sie fundamental. Regulierung ist heute kein nachgelagerter Prüfpunkt mehr, sondern ein architektonischer Treiber. Der EU Data Act macht klar, dass Portabilität und Wechselbarkeit keine freiwilligen Eigenschaften mehr sind, sondern erwartet werden.
Das zwingt Unternehmen dazu, sich früh mit offenen Schnittstellen, Datenformaten und Migrationsszenarien zu beschäftigen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Transparenz und Nachvollziehbarkeit im Betrieb – etwa durch Audit-Logs, klare Verantwortlichkeiten und überprüfbare Sicherheitsmechanismen.
Geopolitisch hat sich zudem das Bewusstsein geschärft, dass juristische Zugriffsrechte keine theoretische Größe sind. Viele IT-Strategien werden heute unter der Frage geplant, wie resilient sie gegenüber politischen oder regulatorischen Veränderungen sind.
Viele Unternehmen setzen weiterhin auf Hyperscaler, obwohl sie Kontrollverlust und steigende Kosten beklagen. Warum ist diese Abhängigkeit 2025 eher größer als kleiner geworden?
Christian Kaul: Weil Hyperscaler-Abhängigkeit selten als bewusste Strategie beginnt. Sie entsteht aus Bequemlichkeit, Zeitdruck und gewachsenen Strukturen. Viele Unternehmen haben in den letzten Jahren ihre Applikationen, Prozesse und Skills stark auf einzelne Plattformen ausgerichtet, oft mit guten Gründen. Das funktioniert so lange gut, bis Skalierung, Datenvolumen und Kosten eine neue Größenordnung erreichen.
2025 haben viele erstmals realisiert, dass nicht der Speicherpreis das Problem ist, sondern die Kosten für Datenbewegung, API-Zugriffe und interne Transfers. Gleichzeitig wird ein Wechsel mit jeder zusätzlichen Integration schwieriger. Diese Kombination aus technischer Tiefe und wirtschaftlicher Trägheit führt dazu, dass Abhängigkeiten eher zunehmen, selbst wenn man sie eigentlich reduzieren möchte.
Ein zentrales Argument gegen europäische Cloud-Anbieter war lange ihre angeblich fehlende Enterprise-Tauglichkeit im laufenden Betrieb. Hat sich dieses Bild 2025 verändert – und woran machen Unternehmen das heute konkret fest?
Christian Kaul: Dieses Argument verliert spürbar an Gewicht. Unternehmen bewerten heute sehr viel stärker anhand von Betriebsrealität statt anhand von Marktgröße. Enterprise-Tauglichkeit heißt im Alltag nicht „global“, sondern verlässlich, vorhersehbar und integrierbar. Das können europäische Anbieter leisten.
Konkret schauen IT-Teams darauf, ob Funktionen wie Versionierung, Object Lock, Lifecycle-Management oder starke Konsistenz nicht nur vorhanden sind, sondern auch unter Last stabil funktionieren. Ebenso wichtig sind transparente Betriebsmodelle, klare Kostenstrukturen und die saubere Integration in bestehende Backup-, Security- und Compliance-Prozesse.
Viele europäische Anbieter haben genau hier in den letzten Jahren aufgeholt – nicht, indem sie Hyperscaler kopieren, sondern indem sie spezialisierte, souveräne Infrastrukturen aufgebaut haben. Für viele Enterprise-Workloads ist das heute kein Kompromiss mehr, sondern eine bewusste Architekturentscheidung.
Leistung und Skalierung gelten weiterhin als Domäne der Hyperscaler. Welche Rolle spielen heute Faktoren wie Netzwerktopologie, regionale Peering-Strukturen und Konsistenzmodelle für Performance – gerade bei daten- und KI-lastigen Workloads?
Christian Kaul: Eine entscheidende Rolle. Performance ist keine Frage der Anbietergröße, sondern der Architektur. Gerade bei datenintensiven Anwendungen bestimmen Latenz, Parallelität und Konsistenz darüber, wie stabil Systeme unter Last bleiben.
Regionale Peering-Strukturen innerhalb Europas können Datenpfade verkürzen und Latenzschwankungen reduzieren. Gleichzeitig gewinnt das Konsistenzmodell an Bedeutung. Für automatisierte Prozesse, Realtime-Analysen oder KI-Workloads sind konsistente Datenzustände essenziell. Eventual Consistency mag in einfachen Szenarien funktionieren, stößt aber bei komplexen Workflows schnell an Grenzen.
Blick auf 2026: KI, steigende Datenvolumen und volatile Kosten treffen auf knappe Infrastruktur und Energiefragen. Welche architektonischen Entscheidungen werden für Unternehmen im kommenden Jahr strategisch kritisch?
Christian Kaul: 2026 wird das Jahr, in dem sich zeigt, ob Cloud-Architekturen nachhaltig gedacht wurden. KI-Anwendungen treiben das Datenwachstum massiv, vor allem bei unstrukturierten Daten. Diese Daten müssen gespeichert, repliziert, analysiert und langfristig vorgehalten werden.
Unternehmen werden sich entscheiden müssen, wie sie ihre Datenarchitektur gestalten: zentralisiert oder verteilt, proprietär oder offen, kostenoptimiert oder flexibel. Gleichzeitig wird Kostenklarheit zu einem zentralen Designprinzip. Wer Datenbewegung und Skalierung nicht von Anfang an berücksichtigt, erlebt Cloud nicht als Beschleuniger, sondern als Risiko.
Die wichtigste Frage lautet: Wie handlungsfähig sind wir wirklich?
Dr. Christian Kaul, Impossible Cloud GmbH
Gerade bei datenintensiven Workloads wird sich zeigen, dass spezialisierte, souveräne Infrastrukturen oft besser skalieren als monolithische Plattformen – technisch wie wirtschaftlich.
Wenn Sie IT- und Business-Verantwortlichen einen Rat für 2026 geben müssten: Welche eine Frage sollten sie ihrer Cloud-Strategie unbedingt stellen, um nicht in neue Abhängigkeiten zu laufen?
Christian Kaul: Die wichtigste Frage lautet: Wie handlungsfähig sind wir wirklich? Also: Können wir Workloads verschieben, Anbieter wechseln oder Architekturen anpassen – technisch, organisatorisch und wirtschaftlich?
Wenn diese Frage klar beantwortet werden kann, entsteht echte Souveränität. Wenn nicht, ist das kein Scheitern, aber ein Risiko, das bewusst gemanagt werden muss. 2026 wird nicht darüber entschieden, wer die größte Cloud nutzt, sondern wer seine Cloud-Infrastruktur verstanden und im Griff hat.
Herr Kaul, wir danken für das Gespräch.