Öffnet in einem neuen Tab
Isolationstest

AWS: EU-Cloud wird am Samstag vom Backbone getrennt

Amazon will beweisen, dass seine Sovereign Cloud in Brandenburg auch ohne die USA auskommt. Am Samstag wird dafür die Verbindung zum weltweiten AWS-Backbone für einige Stunden getrennt.

AWS: EU-Cloud wird am Samstag vom Backbone getrennt

Amazon Web Services (AWS) plant für Samstag, den 24. Oktober 2026, einen öffentlichkeitswirksamen Stresstest seiner europäischen Cloud. Die AWS European Sovereign Cloud soll mehrere Stunden lang komplett ohne Anbindung an das AWS Global Network laufen, also ohne das private Glasfasernetz, über das AWS normalerweise Betriebsdaten zwischen seinen Standorten verschiebt. Angekündigt hat das AWS-Manager Stéphane Israël in einem Blogbeitrag.

Das Ziel: zeigen, dass die souveräne Cloud nicht auf Infrastruktur außerhalb der Europäischen Union angewiesen ist. Angesetzt haben die Übung laut AWS die Managing Directors der Sovereign Cloud selbst.

Umleitung übers öffentliche Internet

Während der Übung läuft der Verkehr, der sonst über den AWS-Backbone geht, ausschließlich über eigene Internetanschlüsse der Sovereign Cloud bei europäischen Providern. Durchgeführt wird der Test von einem Team, das laut AWS ausschließlich aus in der EU ansässigen Mitarbeitern besteht und nur Hard- und Software der Sovereign Cloud selbst verwendet.

Zusätzlich schaltet AWS ein zweites globales System komplett ab: eine Transferschnittstelle, über die im Normalbetrieb kontrolliert Daten die EU verlassen oder hereinkommen. Hinein gelangen darüber geprüfte Spiegelungen des Quellcodes und Software-Updates, hinaus gehen laut AWS nur wenige, freigegebene Routineinformationen. Kundeninhalte und von Kunden erzeugte Metadaten sollen die EU ohnehin nie verlassen.

Die Übung hat keine Auswirkungen auf die Verfügbarkeit der Dienste innerhalb der AWS European Sovereign Cloud, in anderen AWS-Regionen oder bei der privaten Anbindung über AWS Direct Connect. Zu Beginn oder am Ende der Übung kann es zu kurzen Verbindungsunterbrechungen kommen, da der Datenverkehr auf eine separate Netzwerkroute umgeleitet wird. Danach wird die normale Verbindung wiederhergestellt.

Stéphane Israël, Managing Director, AWS European Sovereign Cloud

Die Verfügbarkeit der Dienste soll nicht leiden, weder in der Sovereign Cloud noch in anderen AWS-Regionen oder bei privaten Direct-Connect-Verbindungen. Allerdings warnt AWS vor kurzen Aussetzern zu Beginn und am Ende der Übung. Beim Umschalten der Routen müssen fremde Netze ihre Routing-Informationen aktualisieren; während dieser sogenannten Konvergenz kann es kurz haken. Wer kritische Workloads in der Sovereign Cloud betreibt, sollte das Zeitfenster also im Blick behalten.

Anzeige


Eigene Cloud in Brandenburg

Die European Sovereign Cloud ist Amazons Antwort auf die Debatte um digitale Souveränität in Europa. Die Rechenzentren stehen in Brandenburg und sind laut AWS physisch und logisch von allen anderen AWS-Regionen getrennt. Eine Kopie des Quellcodes liegt lokal in der EU, betrieben wird die Cloud ausschließlich von EU-Bürgern beziehungsweise in der EU ansässigen Mitarbeitern.

Im Alltag hängt die Sovereign Cloud trotzdem am globalen AWS-Netz. AWS begründet das mit besserer Leistung, Kapazität und Ausfallsicherheit sowie geringeren Kosten. Der Backbone verschlüssle den Verkehr durchgehend, biete DDoS-Schutz und könne die verschlüsselten Kundendaten nicht einsehen. Betriebskritisch sei er aber nicht. Genau das soll der Test belegen.

Futter für Compliance-Abteilungen

Die Übung richtet sich vor allem an Behörden und regulierte Branchen, die AWS als Zielgruppe der Sovereign Cloud nennt. Sie soll überprüfbare technische und betriebliche Nachweise liefern, dass die Cloud autark innerhalb der EU laufen kann.

AWS orientiert sich dabei nach eigenen Angaben am EU Cloud Sovereignty Framework (CSF) der Europäischen Kommission sowie an den C3A-Kriterien des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Beide Regelwerke definieren, woran sich messen lässt, ob ein Cloud-Dienst unabhängig erbracht werden kann. Die Ergebnisse sollen zudem in das hauseigene Sovereign Reference Framework (ESC-SRF) einfließen, eine Sammlung von Nachweisen und Kontroll-Mappings, die Kunden für ihre Audits nutzen können. Nach der Übung will AWS Regulierer und Kunden über die Ergebnisse informieren.

Anzeige

Technik ist nur die halbe Souveränität

Die Übung ist ein geschickter Schachzug: Ein Test mit Datum und anschließendem Bericht an die Aufsicht wirkt überzeugender als jedes Whitepaper. Er zeigt allerdings nur, dass die Cloud einige Stunden lang technisch ohne Anbindung an die Konzernzentrale funktioniert. Ob sie auch Wochen oder Monate ohne Software-Updates und Code-Spiegelung aus den USA stabil und sicher bliebe, beantwortet ein Samstagnachmittag nicht.

Offen bleibt zudem die rechtliche Frage, die Kritiker bei US-Anbietern regelmäßig stellen: AWS ist ein US-Unternehmen und unterliegt damit grundsätzlich US-Gesetzen wie dem Cloud Act. Daran ändert auch eine gekappte Glasfaserleitung nichts. Wie belastbar die Souveränitätsversprechen am Ende sind, dürften daher eher Juristen und Regulierer entscheiden als Netzwerktechniker.

Ähnlich sieht das der slowenische CDN-Anbieter Bunny.net. „Operative Unabhängigkeit ist ein wichtiger Bestandteil von Cloud-Souveränität, aber nicht die ganze Geschichte“, sagte Kevin McGhee, VP of Engineering bei Bunny.net, gegenüber it-daily.net. Der geplante Isolationstest zeige zwar, welche Bedeutung digitale Souveränität inzwischen für den europäischen Cloud-Markt habe. Europäische Unternehmen müssten aber ebenso Eigentumsverhältnisse, rechtliche Zuständigkeiten, Governance-Strukturen und technologische Abhängigkeiten berücksichtigen, und die Frage, „wer letztlich die Kontrolle über die Infrastruktur ausübt“.

(red)

Anzeige