Das SAP Business Warehouse ist noch immer eine Schlüsselkomponente in Bezug auf Datenspeicherung sowie Reporting und Planung. Nun aber werden Unternehmen zu einer Entscheidung gezwungen.
Sollen sie auf der BW-Schiene bleiben und zu BW/4HANA migrieren oder lösen sie ihre bestehende BW-Landschaft durch die moderne SAP Business Data Cloud ab? Die eigentliche Herausforderung der BW-Modernisierung besteht dabei vor allem darin, die über Jahre gewachsene fachliche Anwendungslandschaft im BW für eine moderne Analytics-Architektur neu zu denken.
Längst stand mit BW/4HANA der Nachfolger für das abgekündigte SAP Business Warehouse 7.5 in den Startlöchern, dann aber kündigte SAP das innovative Lösungspaket Business Data Cloud (BDC) an und strebt mit diesem eine systemübergreifende Harmonisierung der SAP-Datenhaltung an. Mit der BW-Modernisierung geht angesichts der zwei unterschiedlichen Lösungen deshalb eine Grundsatzentscheidung einher: Unternehmen müssen sich fragen, ob sie ihre bisherige Denkweise weiterverfolgen wollen und auf BW/4HANA wechseln, oder ob sie sich der neuen und modernen Welt der Business Data Cloud öffnen. Die Migration ist deshalb nicht primär von der technischen Seite her zu betrachten, sondern vor allem von der inhaltlichen.
Strategische Neuausrichtung mit BDC
Mit dem Wechsel in die BDC geht eine strategische Neuausrichtung einher: Die BDC verfolgt nämlich einen entkoppelten Ansatz, bei dem operative Systeme, semantische Modellierung und analytische Nutzung klar getrennt sind. Zentrale Komponenten sind die SAP Datasphere als semantische Datenschicht und die SAP Analytics Cloud (SAC) für Analyseund Planungsfunktionen.
Die BDC ist nicht darauf ausgelegt, fachliche Applikationslogik umfassend innerhalb der Analytics-Schicht abzubilden; Regeln, Berechnungen und Entscheidungslogik sollen in den Quellsystemen oder den vorgelagerten Applikationen implementiert werden. BW/4HANA hingegen beinhaltet sowohl Datenhaltung und -integration als auch fachliche Logik, Berechnungen, Planung und prozessuale Steuerung innerhalb eines Systems. Damit setzt sie den bisherigen Ansatz von BW 7.5 fort.
Auch hinsichtlich der Planung unterscheiden sich BW/4HANA und BDC voneinander: Im BW ist die integrierte Planung eng mit der Datenhaltung und fachlichen Logik des Systems verzahnt; in der SAC ist sie hingegen eine eigenständige Funktion innerhalb eines modellbasierten Rahmens.
Ein weiterer zentraler Unterschied betrifft die Rolle der Query als fachliche Logikschicht. Im BW ist der Query Designer oft eine zentrale Funktion, um die fachliche Logik abzubilden: Die Query bündelt Aggregationsregeln, Ausnahmebehandlungen, kontextabhängige Berechnungen und fachliche Interpretationen und ist damit die eigentliche fachliche Applikation. In der BDC gibt es ein solches Query-Konzept nicht, sondern die fachliche Logik wird hier teilweise auf die semantische Modellierung der Datasphere und teilweise auf die Analyse- und Präsentationsschicht der SAC verteilt.
Die anstehende Support-Einstellung von SAP BW 7.5 zwingt Unternehmen nicht nur zu einer technischen Migration, sondern zu einer strategischen Grundsatzentscheidung.
Jochen Weintz, Infocient GmbH
Unterschiedliche Positionierung
Unternehmen müssen sich entscheiden, wie sie sich künftig strategisch ausrichten und welches Zielbild sie verfolgen wollen: Mit BW/4HANA bleiben sie ihrer bestehenden, komplexen BW-Landschaft treu; mit der BDC entscheiden sie sich für eine moderne, cloudbasierte Analytics- Architektur, die bewusst andere Schwerpunkte in Bezug auf Architektur, Verantwortlichkeiten und technische Freiheitsgrade setzt. Bestehende BW-Applikationen in die BDC zu überführen ist deshalb nicht im Sinne einer technischen Migration möglich, sondern erfordert eine fachliche und konzeptionelle Neubetrachtung der Applikationen.
Das übergeordnete Thema ist daher die Semantik: Die BW ist eine Art Spielwiese, in der Dinge auch mal anders dargestellt werden können; in der Datasphere ist das nicht mehr gedacht. Gerade im Hinblick auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) ist das auch sinnvoll, denn damit KI die vorhandenen Daten korrekt nutzen kann, muss eine einheitliche Datenbasis gegeben sein. Sind die Daten in verschiedenen Systemen unterschiedlich strukturiert oder interpretiert, fehlt eine eindeutige Grundlage für Analysen und Entscheidungen.
SAP forciert den Wechsel in BDC
Der Markt wandelt sich indes eindeutig hin zur Cloud: Sämtliche Innovationskraft der SAP fließt in die BDC, die SAC und in die Datasphere. Dennoch ist die BDC nicht unbedingt die beste Lösung für jedes Unternehmen, erst recht nicht kurzfristig. Eine pauschale Empfehlung für oder gegen die BDC beziehungsweise BW/4HANA lässt sich nicht aussprechen – zu individuell ist die Ausgangslage und Zielsetzung.
In vielen Projekten zeigt sich, dass die bestehenden BW-Applikationen fachlich anspruchsvolle und in Teilen hochgradig individualisierte Anforderungen abbilden. Diese sind in BW 7.5 funktional etabliert, unterscheiden sich jedoch deutlich in ihrer Abbildbarkeit und in ihrem strategischen Fit zur BDC. Zwar wäre in der BDC technisch viel machbar, der konzeptionelle Aufwand ist dann aber entsprechend hoch – und ohnehin passt dieses Vorgehen eben nicht zum Zielbild der BDC.
Häufig unterschätzen Unternehmen, dass die Entscheidung für oder gegen die BDC nicht isoliert betrachtet werden kann; sie hat nämlich unmittelbare Auswirkungen auf den Weiterbetrieb des bestehenden BW-Systems sowie auf Dauer, Kosten und organisatorische Belastung der Übergangsphase. Es zeigt sich in der Praxis aber auch, dass die Wahl gar nicht für ein System allein ausfallen muss; gerade angesichts der Zeit – der Support für BW 7.5 endet Ende 2027 – kann zunächst die Migration auf BW/4HANA umgesetzt und die spätere Einführung der BDC offengehalten werden.
Die Entscheidung, welchen Migrationsweg ein Unternehmen einschlägt, ist ein mehrstufiger Prozess: Zu klären ist, wie groß das derzeit betriebene System ist, wie viel Zeit für die Transformation zur Verfügung steht und welche Strategie das Unternehmen langfristig verfolgen möchte. Für diesen Entscheidungs- und auch für den Migrationsprozess sollten Unternehmen sich externe Expertise zu Hilfe. Denn externe Beraterinnen und Berater verfügen sowohl über das fachliche Wissen als auch über wertvolle Erfahrung aus anderen Projekten und können Unternehmen deshalb bestmöglich bei der Entscheidung, Planung und Durchführung unterstützen.
Fazit
Die anstehende Support-Einstellung von SAP BW 7.5 zwingt Unternehmen nicht nur zu einer technischen Migration, sondern zu einer strategischen Grundsatzentscheidung. Während BW/4HANA den bisherigen Ansatz mit integrierter Fachlogik, Planung und Datenhaltung fortführt, steht die Business Data Cloud für eine moderne, cloudbasierte Analytics-Architektur mit klarer Trennung von Daten, Semantik und Anwendungen. Die Wahl des Migrationspfads hängt von den bestehenden BW-Anwendungen, den langfristigen Unternehmenszielen und den verfügbaren Ressourcen ab. Eine sorgfältige Analyse ist entscheidend, um die Weichen für eine zukunftssichere Daten- und Analytics-Strategie zu stellen.