Vertiv will mit der Übernahme der Utility Innovation Group (UIG) seine Kompetenzen rund um die Stromversorgung von Rechenzentren erweitern.
Im Mittelpunkt stehen Microgrids, lokale Stromerzeugung und Energiespeicher sowie Stromversorgungsarchitekturen hinter dem Zähler, die angesichts wachsender KI-Infrastruktur zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Strom wird zum Engpass für KI-Rechenzentren
Der Ausbau von Rechenzentren hängt zunehmend nicht nur von verfügbaren Flächen und leistungsfähiger Hardware ab, sondern auch davon, ob an einem Standort ausreichend elektrische Energie bereitgestellt werden kann. Lange Wartezeiten für Netzanschlüsse können dadurch zu einem limitierenden Faktor bei neuen Projekten werden.
Genau an diesem Punkt setzt die geplante Übernahme von UIG durch Vertiv an. Das Unternehmen entwickelt unter anderem Microgrid-Lösungen und Steuerungssysteme, mit denen sich verschiedene Energiequellen und Speicher koordinieren lassen.
Damit soll es möglich werden, Rechenzentren flexibler mit Strom zu versorgen und die Abhängigkeit von der Verfügbarkeit des öffentlichen Stromnetzes zu reduzieren. Je nach Standort können dabei netzgebundene, teilweise netzunabhängige oder vollständig inselbetriebene Konzepte zum Einsatz kommen.
Übernahme für bis zu 2,6 Milliarden Dollar
Vertiv zahlt für UIG zunächst rund 1,45 Milliarden US-Dollar in bar. Weitere bis zu 1,15 Milliarden US-Dollar können abhängig von der Geschäftsentwicklung als zusätzliche Zahlung hinzukommen. Maßgeblich sind dabei bestimmte EBITDA-Ziele über Zeiträume von zwölf und 24 Monaten.
Auf Basis des Kaufpreises ohne Earn-out entspricht die Transaktion ungefähr dem 13-Fachen des für 2027 erwarteten EBITDA von UIG. Werden die zusätzlichen Zahlungen vollständig fällig, dürfte das Verhältnis entsprechend niedriger ausfallen. Vertiv erwartet zudem, dass die Übernahme bereits im ersten Jahr nach ihrem Abschluss einen positiven Effekt auf den bereinigten Gewinn je Aktie haben wird.
Planung der Stromversorgung beginnt früher
Die Bedeutung der Transaktion geht über die eigentliche Energieversorgung hinaus. Da der Strombedarf moderner Rechenzentren immer stärker steigt, müssen Entscheidungen über die Energiearchitektur bereits getroffen werden, bevor die eigentliche Infrastrukturplanung abgeschlossen ist.
Microgrids können dabei verschiedene Komponenten miteinander koordinieren. Dazu zählen beispielsweise lokale Stromerzeugung und Batteriespeicher. Je nach Auslegung können solche Systeme die Versorgung eines Standorts stabilisieren, Netzengpässe überbrücken oder zeitweise unabhängig vom öffentlichen Netz arbeiten.
Für Betreiber bedeutet das, dass die Stromversorgung bereits bei der Standortplanung zu einem zentralen Bestandteil der Gesamtarchitektur wird.
Vertiv will den Weg von der Energiequelle bis zum Server abdecken
Mit UIG erweitert Vertiv sein bisheriges Angebot um Kompetenzen, die weiter am Anfang der Stromversorgungskette liegen. Das Unternehmen verfügt bereits über Lösungen für die kritische Stromversorgung und Kühlung von Rechenzentren. UIG bringt dagegen Know-how für die Anbindung an das Stromnetz, lokale Energiequellen und deren Steuerung ein.
Vertiv-CEO Gio Albertazzi beschreibt das Ziel als durchgängige Architektur von der Energiequelle bis zum Chip. Dabei soll die Technologieauswahl nicht auf eine bestimmte Form der Stromerzeugung beschränkt werden. Für Betreiber könnte dies insbesondere bei Standorten relevant sein, an denen der reguläre Netzanschluss nicht schnell genug oder nicht in ausreichender Kapazität verfügbar ist.
Steuerung mehrerer Energiequellen
UIG bringt nach Angaben von Vertiv eine eigene Steuerungsplattform sowie vorgefertigte Schaltanlagen für Microgrids in die Transaktion ein. Damit lassen sich unterschiedliche Stromquellen in Echtzeit koordinieren. Zum Angebot gehören außerdem Planung und Umsetzung von Stromversorgungsarchitekturen hinter dem Zähler. Die entsprechende Planung kann bereits in einer frühen Phase eines Rechenzentrumsprojekts beginnen und damit spätere Entscheidungen über die Infrastruktur beeinflussen.
Die Konzepte sollen unabhängig davon funktionieren, welche Erzeugungstechnologie an einem Standort eingesetzt wird. Entscheidend ist damit die Architektur der Versorgung und nicht die Bindung an eine bestimmte Energiequelle.
Mehr Flexibilität bei Netzanschluss und Standortwahl
Durch die Kombination der beiden Unternehmen könnten Rechenzentrumsbetreiber künftig mehr Möglichkeiten bei der Strombeschaffung und beim Ausbau ihrer Standorte erhalten.
Dazu gehören unter anderem:
- eine schnellere Bereitstellung zusätzlicher Stromkapazität, wenn der reguläre Netzanschluss längere Zeit benötigt,
- die Möglichkeit, Standorte über die unmittelbar verfügbare Netzkapazität hinaus auszubauen,
- die Kombination verschiedener Energiequellen und Speicher,
- sowie eine stärker integrierte Planung von der Netzanbindung bis zur Stromversorgung auf Rack-Ebene.
Sidney Hinton, Gründer und CEO von UIG, sieht den Zusammenschluss vor allem vor dem Hintergrund des wachsenden Energiebedarfs von Rechenzentren. Die zunehmende Nachfrage nach KI-Infrastruktur mache die Stromversorgung zu einem immer wichtigeren begrenzenden Faktor.
Energiearchitektur wird Teil der Rechenzentrumsstrategie
Die geplante Übernahme zeigt damit eine Entwicklung, die über die beiden beteiligten Unternehmen hinausgeht. Mit steigender Rechenleistung wächst auch der Energiebedarf von Rechenzentren. Betreiber müssen deshalb zunehmend nicht nur Server, Kühlung und Netzwerkinfrastruktur planen, sondern auch die Frage klären, woher die benötigte Energie kommt und wie sie zuverlässig bereitgestellt werden kann.
Microgrids, Speicher und lokale Erzeugung können dabei zu einem Bestandteil der Rechenzentrumsarchitektur werden. Für Vertiv eröffnet die Übernahme von UIG die Möglichkeit, sein Geschäft entsprechend vom klassischen Infrastrukturangebot in Richtung Energieversorgung und Netzanbindung auszuweiten.
(red/Vertiv)