Alte Architektur, neue Bedrohung

Wo Observability-Plattformen angreifbar werden

Monitoring, Observability, OpenTelemetry, IT-Infrastruktur

Observability-Plattformen bündeln Telemetriedaten aus Anwendungen, Infrastrukturen und Netzwerken, korrelieren Metriken, Logs und Traces in Echtzeit und schaffen damit die Grundlage für operative Entscheidungen. Genau diese zentrale Rolle macht sie jedoch auch zu einem attraktiven Angriffsziel.

Wer Zugriff auf eine Observability-Plattform erhält, gewinnt nicht nur Transparenz über Systeme und Abhängigkeiten, sondern oft auch Einblicke in Schwachstellen, Kommunikationspfade und sicherheitsrelevante Ereignisse.

Anzeige

Trotzdem wird die Angriffsfläche der Plattformen in der Praxis häufig unterschätzt. Das liegt oft an einem historischen Konstruktionsfehler: Viele Plattformen wurden in einer Zeit entworfen, in der Skalierbarkeit, Verfügbarkeit und Performance die wichtigsten Architekturziele waren. Sicherheit galt vielfach als etwas, das sich später ergänzen lässt. 

Sicherheit beginnt im Design

Wenn eine Plattform nicht von Anfang an mit Sicherheitsprinzipien entworfen wurde, lässt sich das im Nachhinein nur begrenzt korrigieren. Vieles, was heute unter Zero Trust firmiert, ist bei genauerem Hinsehen nichts anderes als ein Set nachträglich ergänzter Schutzmechanismen: zusätzliche Authentifizierungsschichten, vorgeschaltete Proxys, segmentierte Netzwerke oder verschlüsselte Transportwege. Diese Maßnahmen sind sinnvoll, aber sie ändern nichts an den grundlegenden Vertrauensannahmen einer Architektur, die intern weiterhin auf implizites Vertrauen setzt.

Genau darin liegt das Problem von sogenannter „Bolt-on Security“. Sicherheitskontrollen werden außen aufgesetzt, während die Plattform im Inneren weiterhin so funktioniert, als seien Dienste, Nutzer oder Netzsegmente grundsätzlich vertrauenswürdig. Wer Zero Trust erst im Nachgang ergänzt, behandelt ein Architekturproblem wie einen Konfigurationsfehler.

Anzeige

Warum die Angriffsfläche von Observability-Plattformen so groß ist

Observability-Plattformen sind tief in digitale Infrastrukturen eingebettet. Agents laufen auf Hosts, in Containern, in Kubernetes-Clustern und in verteilten Multi-Cloud-Umgebungen. Sie sammeln Systemmetriken, Anwendungslogs, Traces, Netzwerkdaten und teilweise auch Inhalte von Requests und Responses. Damit verfügen sie über einen besonders dichten Zugriff auf kritische Betriebsdaten.

Kompromittierte Agents können Telemetriedaten manipulieren, um Anomalien zu verschleiern oder Sicherheitsmechanismen zu umgehen. Logs lassen sich unterdrücken oder verfälschen, um Spuren zu verwischen. Wenn Agents oder Integrationen mit zu weitreichenden Rechten ausgestattet sind, können sie sogar als Ausgangspunkt für laterale Bewegungen dienen. Die Observability-Ebene wird dann selbst zum Einfallstor.

Hinzu kommt ein psychologischer Effekt: Monitoring- und Observability-Systeme werden in vielen Organisationen als unterstützende Infrastruktur begriffen, nicht als potenzielles Primärziel. Die Absicherung produktiver Anwendungen steht im Vordergrund, während Plattformen zur Überwachung dieser Umgebungen seltener mit derselben Konsequenz auf ihre eigenen Vertrauensmodelle geprüft werden. Genau dieser blinde Fleck erhöht das Risiko.

Newsletter
Newsletter Box

Mit Klick auf den Button "Jetzt Anmelden" stimme ich der Datenschutzerklärung zu.

Was Zero Trust auf Architekturebene wirklich bedeutet

Zero Trust folgt als Architekturprinzip einer klaren Grundannahme: Kein Nutzer, kein Dienst, kein Gerät und kein Netzwerksegment ist per se vertrauenswürdig. Unabhängig davon, ob sich eine Anfrage innerhalb oder außerhalb des klassischen Perimeters befindet. „Never trust, always verify“.

Für Observability-Plattformen bedeutet das: Jede Kommunikation muss authentifiziert, autorisiert und nachvollziehbar protokolliert werden. Jeder Agent, der Daten sendet, muss sich gegenüber der Plattform ausweisen. Jede Datenübertragung muss überprüfbar sein. Und jede Berechtigung muss so granular wie möglich vergeben werden.

Die entscheidenden Fragen lauten daher nicht nur: Wer darf sich anmelden? Sondern auch: Welcher Agent darf welche Daten senden? Welche Teams dürfen auf welche Logs, Metriken und Traces zugreifen? Wer darf Dashboards lesen, Alerts anpassen oder Daten exportieren? Und wie wird sichergestellt, dass diese Rechte nicht pauschal, sondern kontextbezogen und überprüfbar vergeben werden?

Dienste und Nutzer erhalten nur die Zugriffe, die sie für ihre konkrete Aufgabe benötigen. Und diese Rechte werden nicht einmalig vergeben und anschließend vergessen, sondern regelmäßig überprüft und angepasst. Dafür muss die Plattform selbst die nötige Granularität mitbringen. Wenn sie diese nicht unterstützt, lässt sich Least Privilege nur unzureichend durchsetzen.

Die Folgen für SIEM- und SOC-Teams

Besonders deutlich werden diese Defizite im Security Operations Center. SIEM- und SOC-Teams verlassen sich darauf, dass die ihnen zugeführten Telemetriedaten vollständig, konsistent und unverfälscht sind. Wenn jedoch die zugrunde liegende Observability-Plattform selbst auf implizitem Vertrauen basiert, ist genau das nicht garantiert.

Ein Angreifer, der auf eine solche Plattform zugreifen kann, muss nicht zwingend produktive Systeme direkt kompromittieren, um Schaden anzurichten. Es reicht unter Umständen, relevante Daten zu manipulieren, zu verzögern oder selektiv auszublenden. Wenn Logs nicht vollständig ankommen oder Metriken gezielt verändert werden, basieren Erkennung, Korrelation und Reaktion auf einem verzerrten Bild der Lage.

Für SOC-Teams ist das ein gravierendes Problem. Incident Response lebt von belastbaren Daten. Fehlt diese Verlässlichkeit, wird nicht nur die Erkennung schwieriger, sondern auch die Bewertung von Risiken, die Priorisierung von Vorfällen und die Nachvollziehbarkeit eines Angriffsverlaufs. Die Plattform, die eigentlich Transparenz schaffen soll, wird selbst zur Unsicherheitsquelle.

Welche Fragen Unternehmen heute stellen sollten

Wer heute eine Observability-Plattform auswählt, betreibt oder modernisiert, darf Sicherheitsfragen nicht als nachgelagertes Prüfkriterium behandeln. Sie gehören in die Architekturbewertung. Entscheidend ist nicht nur, ob eine Plattform leistungsfähig und skalierbar ist, sondern ob ihre Sicherheitslogik mit den Anforderungen moderner IT-Umgebungen Schritt hält.

Dazu gehören unter anderem folgende Fragen:

  • Unterstützt die Plattform feingranulare, rollenbasierte Zugriffskontrollen bis auf Datenebene?
  • Sind Kommunikationswege zwischen Agents, Plattform und integrierten Systemen durchgängig authentifiziert und verschlüsselt?
  • Lassen sich Zugriffe und Konfigurationsänderungen vollständig auditieren?
  • Ist dieses Audit-Logging selbst gegen Manipulation geschützt?
  • Können Rechte kontextbezogen vergeben und laufend überprüft werden?
  • Unterstützt die Plattform Anforderungen an Datensouveränität und kontrollierte Datenverarbeitung?

Für Unternehmen, die bereits mit einer bestehenden Plattform arbeiten, ist die Herausforderung naturgemäß größer. Nicht jede Architektur lässt sich kurzfristig neu aufsetzen. Umso wichtiger ist eine ehrliche Bestandsaufnahme. Wo bestehen implizite Vertrauensannahmen? Welche Sicherheitsmechanismen sind tatsächlich strukturell verankert und welche nur aufgesetzt? Welche Restrisiken bleiben bestehen, selbst wenn alle verfügbaren Features aktiviert sind?

Fazit: Zero Trust ist eine Architekturentscheidung

Zero Trust ist kein Produkt-Feature und kein Sicherheitsaufsatz für bestehende Plattformen. Es ist eine Architekturentscheidung. Genau deshalb entscheidet sich die Sicherheit einer Observability-Plattform nicht erst im Betrieb, sondern bereits beim Design.

Für Unternehmen bedeutet das: Wer seine Sicherheitsarchitektur zukunftsfähig machen will, sollte nicht nur auf Funktionsumfang und Skalierung schauen, sondern auf die grundlegenden Vertrauensmodelle der eingesetzten Plattformen. Wenn Sicherheit erst nachträglich ergänzt wird, bleibt sie reaktiv. Und in einer Bedrohungslage, die immer dynamischer und professioneller wird, ist das oft nicht mehr ausreichend.

Wenn Observability-Plattformen heute das Nervensystem moderner IT sind, dann müssen sie auch nach den Sicherheitsprinzipien gebaut sein, die dieser Rolle gerecht werden. 

Stefan

Marx

Director Product Management EMEA

Datadog

Marx ist seit über 20 Jahren in der IT-Entwicklung und -Beratung tätig. In den vergangenen Jahren arbeitete er mit verschiedenen Architekturen und Techniken wie Java Enterprise Systemen und spezialisierten Webanwendungen. Seine Tätigkeitsschwerpunkte liegen in der Planung, dem Aufbau und dem Betrieb der Anwendungen mit Blick auf die Anforderungen und Problemstellungen hinter den konkreten
Anzeige

Weitere Artikel

Newsletter
Newsletter Box

Mit Klick auf den Button "Jetzt Anmelden" stimme ich der Datenschutzerklärung zu.