Auswahlprozesse der KI

Digicrimination: Wenn KI entscheidet, wer sichtbar ist

KI Suchmaschine

Ein aktuelles Urteil zu Googles AI-Overviews zeigt: KI-generierte Antworten sind eigenständige Inhalte mit eigener Haftung.

Dr. Okan Tansu (BSBI) erklärt, warum Sichtbarkeit in intransparenten digitalen Systemen zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor wird und wer davon profitiert.

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Ein Urteil, das mehr ist als ein Einzelfall

Das Landgericht München I hat Google per einstweiliger Verfügung untersagt, in seinen KI-generierten Suchübersichten unwahre Behauptungen über zwei Münchner Verlagsunternehmen zu verbreiten. Die KI-Übersichten hatten beide Verlage fälschlich mit Betrugsmaschen, Abo-Fallen und unseriösen Geschäftspraktiken in Verbindung gebracht, obwohl keine der verlinkten Quellen einen solchen Zusammenhang herstellte. Das Gericht stufte Google als unmittelbaren Störer ein: Die KI-Übersicht sei kein bloßes Suchergebnis, sondern ein eigenständiger, von Google selbst erstellter Inhalt.

Für mich zeigt der Fall etwas, das über die konkrete Rechtsfrage hinausgeht: Wenn ein KI-System selbst über Unternehmen entscheidet, welche Zusammenhänge es herstellt und welche nicht, entscheidet es damit zugleich, wer im digitalen Raum sichtbar bleibt und wer verschwindet. Das deckt sich mit einer Entwicklung, die ich als Teil eines Post-Truth-Ökosystems beschreibe: In digitalen Räumen zählen persönliche Zuschreibungen und Emotionen oft mehr als Fakten. Erzeugt ein KI-System selbst falsche Zusammenhänge zwischen Unternehmen, wie im vorliegenden Fall, verstärkt das diese Dynamik algorithmisch statt zwischenmenschlich. Genau diese Frage beschäftigt mich seit Jahren unter dem Begriff Digicrimination.

Was ich unter Digicrimination verstehe

Ich habe den Begriff Digicrimination vor einigen Jahren geprägt, um eine Entwicklung zu fassen, die mit der digitalen Revolution einherging: die systematische Benachteiligung von Menschen oder Organisationen durch digitale Systeme, deren Auswahlmechanismen intransparent bleiben. Das betrifft nicht nur die Frage, wer online sichtbar ist, sondern den gesamten Alltag. Einen Teil davon nenne ich digitales Ghetto: jene Teile der Gesellschaft, die zurückbleiben, während digitale Infrastruktur neu bestimmt, wer Zugang zu Information, Dienstleistungen und Chancen erhält.

Bei Unternehmen beobachte ich ein vergleichbares Muster: Neben Größe und Budget gewinnt zunehmend die Frage an Bedeutung, ob ein Unternehmen den Kriterien entspricht, nach denen KI-Systeme Quellen auswählen. Fasst eine KI-Übersicht ein Dutzend Quellen zu einer Antwort zusammen, ist es ein großer Unterschied, ob man eine dieser Quellen ist oder ob man diejenige ist, die tatsächlich namentlich genannt wird; genau dieser Unterschied entscheidet heute über digitale Sichtbarkeit.

Das Münchner Urteil markiert für mich deshalb einen Wendepunkt: Bislang konnte Google sich bei Falschaussagen in KI-Übersichten weitgehend auf die Haftungsprivilegien einer klassischen Suchmaschine berufen. Muss Google nun für eigenständig erzeugte KI-Aussagen unmittelbar haften, wird Risikominimierung für den Konzern wichtiger als reine Relevanz. Je höher das Haftungsrisiko für KI-generierte Aussagen wird, desto größer dürfte der Anreiz sein, auf gut dokumentierte und eindeutig verifizierbare Quellen zurückzugreifen. 

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Orientierung statt Menge

Meine zentrale These lautet: Die Unternehmen, die die meisten Inhalte produzieren, werden nicht diejenigen sein, die Erfolg haben. Die Gewinner werden diejenigen sein, die in einer algorithmisch gesteuerten Welt Orientierung bieten.

Mehr Inhalte zu produzieren, garantiert keine Sichtbarkeit mehr, wenn KI viele Quellen zu einer Antwort zusammenfasst; man kann ebenso gut in der Zusammenfassung eines anderen untergehen und anonymisiert werden. Orientierung ist das, was heute knapp ist. Da KI-Antworten zur Standardmethode werden, mit der Menschen Informationen finden, gewinnen diejenigen, die als vertrauenswürdiger Kompass fungieren, nicht diejenigen, die das meiste Material produzieren. Weil sich Vertrauen kumulativ aufbaut, behält, wer sich früh als zuverlässig etabliert, diesen Vorteil und baut ihn aus.

Digicrimination betrifft längst nicht mehr nur Einzelpersonen oder gesellschaftliche Gruppen. Wie das Münchner Urteil zeigt, können auch Unternehmen benachteiligt werden, wenn KI-Systeme ihre Informationen falsch einordnen oder sie in ihren Antworten nicht berücksichtigen. Künftig wird deshalb nicht mehr nur entscheidend sein, online präsent zu sein, sondern in den Auswahlprozessen der KI überhaupt noch als vertrauenswürdige Quelle vorzukommen. Wer das versteht, verschafft sich einen Vorsprung, der sich kaum noch aufholen lässt. Vielleicht werden wir die heutigen Herausforderungen im Umgang mit KI-generierter Öffentlichkeit rückblickend als vergleichsweise einfache Zeiten betrachten.

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tansu

Okan

Tansu

Dekan

BSBI

Dr. Okan Tansu ist Dekan der Fakultät für Creative Industries an der School of Business and Innovation (BSBI) und Hauptverantwortlicher für den BSBI Metaverse Campus (Berlin–Hamburg). Mit über 15 Jahren Erfahrung ist er Experte für Kommunikation und Technologie; seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Auswirkungen digitaler Transformation auf E-Learning, digitales
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