63 Prozent der CIOs in Deutschland wünschen sich laut Ergebnissen des aktuellen Logicalis-CIO-Reports, KI wäre angesichts der Herausforderungen, die der Umgang damit mit sich bringt, nie erfunden worden. Gleichzeitig ist der Appetit auf KI in den vergangenen zwölf Monaten auch hierzulande noch einmal gestiegen.
Dieses Spannungsfeld zwischen Aufbruch und Überforderung zeigt: Viele Organisationen wollen künstliche Intelligenz (KI) nutzen, verlieren aber zunehmend die Kontrolle über Risiken, Komplexität und Kosten. Im Interview ordnet Rony Mikhael, VP EMEA & CTO bei Logicalis Deutschland, die Entwicklung ein.
Herr Mikhael, warum nimmt die Unsicherheit rund um KI aktuell so stark zu?
Rony Mikhael: Die Unsicherheit entsteht vor allem durch das enorme Tempo. Unternehmen sehen, dass Wettbewerber KI einsetzen, und glauben, schnell nachziehen zu müssen, um nicht den Anschluss zu verlieren. In Deutschland nennen 42 Prozent der CIOs Wettbewerbsdruck als einen der wichtigsten Treiber dafür, wie offensiv ihr Unternehmen KI nutzt. Gleichzeitig empfinden 52 Prozent das Tempo der KI-Einführung in der eigenen Organisation als zu schnell. Das ist eine gefährliche Kombination: hoher Erwartungsdruck auf der einen Seite, aber oft noch keine belastbaren Strukturen auf der anderen. Dann werden Projekte gestartet, bevor Fragen zu Governance, Compliance, Sicherheit oder Skalierbarkeit wirklich beantwortet sind.
Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten strukturellen Defizite?
Rony Mikhael: Ein wesentliches Problem ist die fehlende Abstimmung zwischen Fachbereichen und zentraler IT. In Deutschland hegen 72 Prozent der CIOs Zweifel daran, dass Business Units und IT-Leitung bei KI-Prioritäten und -Strategie wirklich auf einer Linie liegen. In der Praxis bedeutet das: Fachbereiche testen oder nutzen KI-Tools eigenmächtig, während die IT parallel versucht, sichere und skalierbare Infrastrukturen aufzubauen. Dabei kommen die IT-Verantwortlichen oft nicht mehr „vor die Welle“, sondern laufen den Entwicklungen hinterher. So entsteht schnell ein Flickenteppich aus Plattformen, Prozessen und Datenflüssen. Besonders kritisch wird es, wenn Shadow AI entsteht – also KI-Anwendungen, die außerhalb klarer Kontrollen genutzt werden.
Welche Folgen hat das für IT-Organisationen?
Rony Mikhael: Die IT muss häufig eine Landschaft kontrollieren, die nicht ausschließlich von ihr gestaltet wurde. Das erhöht die Komplexität erheblich. Hinzu kommt der Fachkräftemangel: 92 Prozent der CIOs in Deutschland sehen fehlende interne technische Skills zumindest in gewissem Umfang als Barriere für die KI-Einführung. KI ist eben kein isoliertes Tool-Projekt. Vielmehr geht es um Datenarchitekturen, Security-Konzepte, Betriebsmodelle, Monitoring und klare Verantwortlichkeiten. Fehlt das, steigt das Risiko, dass KI zwar punktuell Mehrwert liefert, aber strategisch schwer beherrschbar wird.
Wie lässt sich KI trotzdem sinnvoll einführen?
Rony Mikhael: Unternehmen sollten nicht mit der Technologie beginnen, sondern mit einem klaren Zielbild. Welche Herausforderungen sollen gemeistert werden? Was zahlt wirklich auf Geschäftsziele ein? Welche Daten dürfen genutzt werden? Welche Plattformen sind freigegeben? Wer trägt Verantwortung für Betrieb, Sicherheit und Compliance? Der CIO-Report zeigt, dass 54 Prozent der Unternehmen in Deutschland ihre KI-Strategie noch nicht vollständig mit Geschäftsplan oder KPIs verknüpft haben. Genau dort müssen Organisationen ansetzen. KI braucht klare Leitplanken, sonst skaliert nicht der Nutzen, sondern die Komplexität. Entscheidend ist zudem, früh verbindliche Governance-Strukturen zu etablieren, die sowohl technologische als auch organisatorische Aspekte abdecken.
Welchen Beitrag können Managed Service Provider dabei leisten?
Rony Mikhael: Managed Service Provider können helfen, Struktur und operative Stabilität in die KI-Einführung zu bringen – etwa durch standardisierte Betriebsmodelle, Security- und Compliance-Frameworks oder den Aufbau KI-fähiger Infrastrukturen. Wichtig ist aber: Das darf nicht als Auslagerung der Verantwortung verstanden werden. Die strategische Steuerung muss beim Unternehmen bleiben. Externe Partner können Komplexität reduzieren, Transparenz schaffen und fehlende Ressourcen ergänzen. Dass dieser Bedarf real ist, zeigt auch der CIO-Report: 37 Prozent der deutschen Unternehmen haben bereits in Managed Services investiert, um kritische Sicherheitslücken zu schließen; 97 Prozent planen Managed Services in den nächsten zwei bis drei Jahren gezielt einzuführen.
Welche Rolle spielt Agentic AI in dieser Entwicklung?
Rony Mikhael: Agentic AI ist die nächste Eskalationsstufe. Diese Systeme führen nicht nur einzelne Aufgaben aus, sondern können komplexe Prozesse autonom steuern. In Deutschland planen 48 Prozent der Unternehmen, in den nächsten zwölf Monaten in Agentic AI zu investieren. Gleichzeitig erwarten 45 Prozent, dass generative und Agentic AI ihr Geschäftsmodell innerhalb der nächsten zwei Jahre beeinflussen werden. Das zeigt: Die Technologie kommt schnell und erhöht den Anspruch an Kontrolle, Nachvollziehbarkeit und Verantwortlichkeit massiv. Hinzu kommt, dass Agentic AI zunehmend über mehrere Silos hinweg operiert, was integrierte Plattformen und eine durchgängige Governance zwingend erforderlich macht. Wenn ein KI-Agent Entscheidungen über mehrere IT-Silos hinweg trifft, muss jederzeit klar sein, warum etwas passiert ist und wer dafür verantwortlich bleibt. Gerade hier werden fehlende Standards und fragmentierte IT-Landschaften schnell zum echten Risiko.
Was raten Sie Unternehmen, die jetzt gegensteuern wollen?
Rony Mikhael: Sie sollten Tempo durch Struktur ersetzen. Das heißt nicht, langsam zu sein, sondern bewusst zu priorisieren. Unternehmen sollten mit klar abgegrenzten Use Cases starten, messbare Ziele definieren und Governance, Sicherheit und Betrieb von Anfang an mitdenken. Entscheidend ist, KI nicht als Experimentierfeld einzelner Abteilungen laufen zu lassen, sondern als strategisches Transformationsprogramm. Nur dann lässt sich aus dem aktuellen Aufbruch ein kontrollierter und nachhaltiger KI-Einsatz entwickeln.
Herr Mikhael, vielen Dank für das Gespräch.